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Der Kranich hebt ab

Fr, 02. Okt. 2020
Präsident Simon Rauber präsentierte stolz die neuen Scheine: Den 3-Kranich-Schein ziert die tra ditionelle Saanegeiss.

Der Kranich – «la Grue» auf Französisch – ist die neue Komplementärwährung der Regionen Saanenland, Pays-dEnhaut und Greyerz. Sie wurde vergangenen Sonntag mit viel Humor und Optimismus im grossen Gemeindesaal von Château-dOex lanciert.

SONJA WOLF
«Heute auf dem Heimweg denken Sie hoffentlich: Die Leute vom Kranich sind zwar ein bisschen verrückt», wandte sich Simon Rauber, Präsident des Trägervereins, verschmitzt an das Publikum, «aber sie haben schöne Scheine und eine gute Idee! Nehmen wir diese Chance wahr!» Und fuhr voller Überzeugung weiter: «Der Kranich ist nicht die Lösung für all die Missstände auf der Welt. Aber so weiterzufahren wie bisher, ist auch keine Lösung.» Die Aufgabe des Kranichs sei es, die Menschen zu sensibilisieren: Was ist Geld? Wie kann Geld nachhaltig sein? Wer stellt es her? Nicht der Mensch diene der Wirtschaft, sondern «wir wollen den Menschen wieder in den Mittelpunkt der Wirtschaft stellen»!

Traum von einer besseren Gesellschaft
Wie soll das funktionieren? Und warum betitelt Simon Rauber seine eigenen Leute als «verrückte Träumer»? Wie bei anderen Gutscheinsystemen auch (Gift Card z.B.) sei ein wichtiges Ziel der Kranichwährung, die lokale Wirtschaft zu stärken, erklärt der Präsident. Anders allerdings als bei Gutscheinsystemen habe die gemeinsame Währung den Effekt, «die Bevölkerung unserer Täler solidarisch zu einen». Daher auch das Motto des Vereins «Zwei Sprachen, eine Währung, drei Regionen.» Denn eine Währung bedeute laut Rauber weit mehr als eine Transaktion zwischen Kunde und Leistungsträger und der monatlichen Abrechnung des Leistungsträgers mit der Rückerstattungsinstanz. Die Kranichscheine tragen vielmehr zu einem natürlichen lokalen Wirtschaftskreislauf bei. Denn der Leistungsträger könne seine eingenommenen Kraniche wiederum für seine eigenen Einkäufe benutzen, seine Mitarbeiter damit entlöhnen oder seine Steuern damit zahlen, sofern auch die Gemeinden mitmachen.

Der Verein Kranich und seine Anhänger träumen von einer geeinten solidarischen Gemeinschaft, die ökologische, saisonale und nachhaltige Produkte aus der Region bevorzugt, weniger Müll produziert und generell im Einklang mit der Natur lebt.

Kaufbegeistertes Publikum
Das Publikum war jedenfalls sehr interessiert und löcherte Vorstandsmitglied Jérémy Venetz mit Fragen. Dieser erläuterte geduldig und humorvoll einige Grundsätze. Demnach könne man die Währung an bestimmten Verkaufsstellen erwerben – zum Beispiel in den Tourismusbüros der Gemeinden im Pays-d’Enhaut und Greyerz. Ausgeben können die Kunden ihre Kraniche dann bei den teilnehmenden lokalen Leistungsträgern, mittlerweile 63 an der Zahl. Einige der Händler boten ihre Waren direkt an der Veranstaltung ganz selbstverständlich in Kranich an – als hätten sie nie mit etwas anderem gehandelt.

Aber auch wer keine Zeit hat, eine Verkaufsstelle aufzusuchen, komme bequem an seine Kraniche heran: Es spreche nichts dagegen, so Venetz, bei einem der Leistungsträger seinen Kaffee mit 50 Franken zu bezahlen und das Wechselgeld in Kranich zu verlangen. Denn ein Kranich entspricht einem Schweizer Franken, es gebe also keine Umrechnungsprobleme.

15 Sammlersets wurden am Lancierungstag in einer temporeichen Versteigerung unter die begeisterten Kranichsammler gebracht und Kranichscheine im Gesamtwert von über 10’000 Franken verkauft. Vorstandsmitglied Jérémy Venetz betonte, dass diese Bargeldmenge als Garantie in einem Schliessfach aufbewahrt werde. Also selbst wenn sich der Trägerverein auflösen sollte, würden die Kranichnutzer nicht mit leeren Händen dastehen.

Das Saanenland hält sich noch zurück
Das Saanenland ist im Gemeinschaftsprojekt der drei Regionen bisher weniger präsent: Die Tourismusbüros des Saanenlandes sind als Verkaufsstellen nicht dabei. Auch teilnehmende Händler gibt es erst zwei auf der Liste der 63. Simon Rauber kommentiert: «Ich schätze die Leute vom Saanenland sehr. Ich komme auch aus den Bergen, da sagt man erst mal Nein und beobachtet die Lage. Und das ist auch gut so!»

Die Gift Card empfindet Rauber nicht als Konkurrenz. Er sieht eher Potenzial für eine Zusammenarbeit. «Man kann doch beides kombinieren und die Gift Card mit dem Kranich kaufen», sagt er augenzwinkernd. «Zwingen werden wir sicher niemanden. Wir geben aber allen die Chance dabeizusein.»

Ist Papiergeld zeitgemäss?
«Brauchen wir im Twint-, Kreditkartenund Covid-Zeitalter Papiergeld?», interessierten sich einige im Publikum. «Das Papiergeld wird zunächst bleiben, es sei denn, die Leistungsträger verlangen ausdrücklich nach einer virtuellen Form. Dann würde der Verein eine Applikation entwickeln», war die Antwort der Vorstandsmitglieder. Zu der anvisierten Form eines natürlichen Geldkreislaufes würde symbolisch Papiergeld besser passen. «Wir wollen die Leute dafür sensibilisieren, dass bei Kreditkarteneinkäufen immer ein Dritthändler dabei ist, der mitverdient.»

Musizieren auf einer Ökokarotte
Selbst das Unterhaltungsprogramm der Veranstaltung war im Sinne der Ökologie und Nachhaltigkeit ausgewählt: Der Multimusiker Alexander Cellier sang und spielte mit natürlichem Charme und Humor auf allem, was die Region so hergab: Kurzerhand entlieh er dem Gemüsestand neben der Bühne eine biologische Karotte, höhlte sie mit einem Bohrer aus und benutzte sie als Trompete, Pan-, Samba- und Zauberflöte, und das mit gerade mal drei hineingebohrten Löchern – ein Wunderwerk der Nachhaltigkeit. Aber nicht genug damit: Cellier entlockte selbst Fonduetöpfen und Duschbrausen liebliche Melodien und beeindruckte auf dem Alphorn aus Abwasserrohren, begleitet durch Gewürzdosen-Beats.

Symbolische Motive
Der Designer der sieben verschiedenen Kranichstückelungen (1, 2, 3, 5, 10, 20 und 50) ist übrigens Architekt Sébastien Benoît Fasel. Er präsentierte dem Publikum die symbolischen Motive für die Regionalwährung, die aus allen drei beteiligten Regionen stammen: So findet man die Geliebte des Grafen von Greyerz ebenso wie den Maler Balthus aus Rossinière oder Madeleine Berthod, Olympiasiegerin im Ski alpin aus Château-d’Oex. Ebenso mit dabei: ein Scherenschnittfragment des gebürtigen Saaners Johann Jakob Hauswirth. Auch die Saanengeiss durfte natürlich nicht fehlen und ziert den 3-Kranich-Schein.

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