Irrland und weitere Köstlichkeiten der Reportage

Di, 27. Okt. 2020
Margrit Sprecher gibt Kostproben aus ihrem neusten Buch. FOTO: ÇETIN KÖKSAL

Man nennt sie die Grande Dame der Schweizer Reportage. Letzten Donnerstag stellte Margrit Sprecher ihr neustes Buch «Irrland» in Lauenen vor. Die gemeinsam vom Literarischen Herbst Gstaad und dem Hotel Alpenland durchgeführte Veranstaltung fand unter konsequenter Beachtung der geltenden Hygiene- und Verhaltensregeln statt.

ÇETIN KÖSKSAL
«Irrland» ist eine Sammlung von 20 Reportagen, welche Margrit Sprecher in den letzten 20 Jahren geschrieben hat. Veröffentlicht wurden sie unter anderem in «Die Zeit», im «NZZ Folio» oder in «Reportagen». Die Grande Dame der Reportage ist mehrfache Preisträgerin, zuletzt erhielt sie 2016 den Graffenried Lifetime Achievement Award für ihr Lebenswerk. Sie schrieb zehn Bücher und um die 1000 Reportagen und ihr Werk ist nicht etwa vollendet. In den vielen Jahren ihrer Tätigkeit scheint die über 80-jährige Journalistin kein bisschen von der Faszination für ihren Beruf verloren zu haben. Aufmerksam und mit wachem Geist verfolgt sie das kleine und grosse Weltgeschehen, immer auf der Suche nach Ereignissen, welche zum besseren Verständnis in einer packenden Geschichte erläutert werden wollen.

Journalistin – kein Beruf für Frauen …
Auf die Frage von Moderatorin Liliane Studer, wie Margrit Sprecher denn überhaupt zu ihrem Beruf gefunden habe, bekamen die Zuhörer sinngemäss folgende Antwort zu hören: «Als ich damals auf der Berufsberatung sagte, dass ich Journalistin werden wollte, antworteten sie mir, ich solle es doch mit einer Dolmetscherschule versuchen. Als Dolmetscherin stünden die Chancen gut, als Sekretärin bei einer Chefredaktion angestellt zu werden.» Die junge Margrit Sprecher tat vorerst, was man ihr empfohlen hatte, wobei es sie dann als frisch gebackene Dolmetscherin in eine Werbeagentur verschlug. «Dort lernte ich, unter Zeitdruck zu schreiben.» Eine Fähigkeit, die der späteren Journalistin viel geholfen hat, wie sie versicherte. Als dann die Frauenzeitschrift «Elle» eine Stelle zu vergeben hatte, versuchte sie ihr Glück und bekam auch eine Chance. Über Kochrezepte, Strickmuster und andere, für die damalige Zeit typischen Frauenthemen zu schreiben, war zwar gewiss nicht das höchste der beruflichen Gefühle für Margrit Sprecher, aber immerhin arbeitete sie jetzt als Journalistin. Zu jener Zeit waren in den Zeitungsredaktionen praktisch ausschliesslich männliche Journalisten anzutreffen und als sie sich für eine freie Stelle bei der «Weltwoche» bewarb, war dies eine Dreistigkeit, die zu reden gab. Margrit Sprecher erklärte ihre damalige Situation folgendermassen: «Ehrlich gesagt rechnete ich überhaupt nicht damit, dass ich die Stelle bei der damals angesehenen ‹Weltwoche› als Frau bekommen würde, aber nach dem dritten Weihnachtsmenü, das ich für die Leserinnen von ‹Elle› zusammenstellen musste, hatte ich mehr als genug von diesen Themen. Ein viertes Weihnachtsmenü würde ich nicht überleben!»

Frau für Frauen
Völlig überraschend wurde die junge Journalistin – vermutlich als erste Frau überhaupt – ins Team einer renommierten Zeitung aufgenommen. «Nicht weil sie bei der ‹Weltwoche› besonders fortschrittlich gewesen wären», wie Sprecher betonte, «nein, ich sollte ein Frauenressort aufbauen, damit die ‹Weltwoche› auch für frauenspezifische Inserate attraktiv würde.» Die Chefredaktion rechnete bestimmt nicht damit, dass sich die kämpferische, junge Frau nicht davon abhalten lassen würde, eine ernst zu nehmende, den Männern gleichgestellte Journalistin zu werden. «Eine fantastische Zeit; wir waren ein freches, ambitioniertes Viererteam und wir machten so mehr oder weniger das, worauf wir Lust hatten. Die Chefredaktion schluckte die bittere Pille, weil unsere Artikel besonders gern gelesen wurden», freut sich Margrit Sprecher noch heute. Sie blieb der «Weltwoche» bis zu ihrer Pensionierung 2003 treu und arbeitet seitdem als freie Journalistin.

«Irrland» und «Die Front am Krankenbett»
Die titelgebende Reportage aus dem Jahr 2011 beschreibt die dramatischen Folgen der Finanzkrise von 2008 für Irland. Margrit Sprecher versteht es aufs Vorzüglichste, die unterschiedlichsten Einzelschicksale so bildhaft zu beschreiben, dass sie der Krise ein Gesicht geben. Zahlen und Grafiken können zwar präzise eine Wirtschaftskrise dokumentieren, bleiben jedoch immer in gewisser Weise abstrakt und distanziert. Wenn Sprecher aber erzählt, wie der Schafzüchter, die Kioskfrau oder die Immobilienhändler plötzlich ihre Existenz verlieren und buchstäblich ums Überleben kämpfen müssen, dann malt das ein ganz anderes Bild von der Krise. Dabei kommen auch die finanziell Privilegierteren nicht zu kurz. So erfährt der Leser beispielsweise, dass es nur eine Frage der Perspektive ist, ob man einen Linienflug als Erniedrigung empfindet. Für die Millionärsgattin, die vom Privatjet um-, bzw. absteigen muss, ist es eine. Margrit Sprecher gelingt es, die Situation der Betroffenen ohne Häme, Spott oder andere wertende Moralisierungen aufzuzeigen. Die Krise kommt auf diese Weise viel näher an den Leser heran, denn Menschen interessieren sich vor allem für Menschen. Roger A. hat im Luzernischen 24 Menschen in einem Betagtenheim umgebracht und wurde als «Todespfleger» bekannt. In «Die Front am Krankenbett» geht die Journalistin der Frage nach, warum und wie jemand zu einem solchen Mehrfachmörder wird. Sie findet heraus, dass viele der in den letzten 20 Jahren verurteilten, sogenannten «Todesengel» als aufgestellte, fröhliche Mitarbeitende bekannt waren. Dabei wirft sie ein Licht auf die teilweise äusserst schwierigen Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals, ohne dabei den Tätern Verständnis für ihr Verbrechen entgegenzubringen. Sprecher präsentiert die Fakten und betroffenen Personen ohne vorgekaute Schlussfolgerung. Die bleibt jedem Leser selber überlassen.

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