Ist der Beschluss noch diskutabel?

Di, 20. Okt. 2020
Gastreferent Professor Roland Reichenbach bot andere Perspektiven der Bildungsgestaltung und lieferte die wissenschaftlichen Hintergründe gleich mit. FOTO: JENNY STERCHI

Mit einem Informationsanlass orientierte der Verein Pro Bäuertschule Turbach-Bissen über den Sachverhalt der geplanten Klassenschliessung der Oberstufe im Schulhaus Turbach. Gastredner Professor Roland Reichenbach brachte eine andere Perspektive und weitere wissenschaftliche Hintergründe in die Diskussion ein.

JENNY STERCHI
Dass das öffentliche Interesse an der Entwicklung der Schulstandorte in Bissen und Turbach gross ist, spiegelte sich im grossen Publikum am Informationsanlass vom letzten Dienstag. Auf Abstand platziert und mit Masken ausgestattet verfolgten gegen 100 Zuhörerinnen und Zuhörer, unter ihnen Vertreter der Gemeinde Saanen und der zuständigen Bildungskommission sowie Schulinspektor Martin Pfanner, die Ausführungen zur Schulproblematik der Standorte Bissen und Turbach.

Ein fixfertiger Vorschlag
Nachdem Hansjakob Bach, Präsident des noch jungen Vereins Pro Bäuertschule Turbach-Bissen, den Informationsfluss vom Gemeindebeschluss bis zum heutigen Informationsstand detailliert wiedergegeben hatte, erläuterte Vorstandsmitglied Judith Allenbach die Notwendigkeit, die Schulstruktur in beiden Bäuertschulhäusern anzupassen. «Dass in den kommenden Jahren die Schülerzahlen zurückgehen werden, ist eine Tatsache», erklärte Judith Allenbach. «Umso wichtiger ist es, dass wir die Aufteilung der Schüler so gestalten, dass die Klassen längerfristig ausreichend belegt sind.» Seine Anstrengungen hat der Verein unter das Motto „Zusammen sind wir stark“ gestellt. Weil eine Gesamtschule, die mit den Schülerzahlen am Standort Turbach grundsätzlich möglich sei, aber den Standort in Bissen in Bedrängnis bringen würde, sehe der Verein von dieser Variante ab. Damit bewegen sich die Initianten solidarisch und dem entgegen, was Roland Reichenbach als unnötige Kleinlichkeit, wie zum Beispiel den Hinweis auf andere geschlossene Schulhäuser, bezeichnet und als Schwäche im System definiert.

Mit einem vollständig ausgearbeiteten Konzept, das die Schliessung einer Klasse beinhaltet und die Umverteilung der Schüler unter Berücksichtigung der Schülerzahlen in den nächsten vier Jahren vorsieht, lieferte der Verein einen möglichen Strukturwechsel gleich selber. Dieser Vorschlag, der für die Basisund Mittelstufe das Schulhaus Bissen vorsieht und die Oberstufe im Turbach unterbringt, hätte Schülerzahlen zur Folge, die einen Schulbetrieb in beiden Bäuerten legitimieren würden. Mit dieser Variante müsste keine Lehrperson den Schulkreis verlassen. Der anwesende Schulinspektor für den Verwaltungskreis Obersimmental-Saanen Martin Pfanner nutzte die Gelegenheit für eine unmittelbare Stellungnahme.

Das Problem mit der Kommunikation
Pfanner begann seine Stellungnahme mit den Worten: «Ich bin schuld an der geplanten Klassenschliessung im Turbach.» Er machte deutlich, dass er bei der Beobachtung der Schülerzahlen mehr und mehr in Zugzwang geraten sei, wie bei vielen anderen Bäuertschulhäusern zuvor. Er bestätigte den Vereinsmitgliedern einen enormen Einsatz, sprach jedoch die Mitglieder des Saaner Gemeinderates und der Bildungskommission von leichtfertigen Entscheidungen frei. Bezugnehmend auf das vorausgegangene Referat und den vom Verein ausgearbeiteten Vorschlag signalisierte er vonseiten der Bildungsbehörde die Bereitschaft, nach kreativen Lösungen zu suchen und eine offene Kommunikation zu führen. Im weiteren Verlauf betonte Pfanner, dass es keineswegs um eine Standortschliessung ginge, sondern lediglich eine Klassenschliessung der Oberstufe vorgenommen werde. «Dem Kanton ist es ein Anliegen, Kinder wohnortsnah in Schulen unterzubringen», bekräftigte er die Überlegungen von Kantonsseite. Gleiches hätten sich nach eigenen Aussagen die Vereinsmitglieder und Zuhörerinnen und Zuhörer auch von den anwesenden Gemeindemitgliedern und Vertretern der Bildungskommission gewünscht. Beide Institutionen hatten jedoch auf Stellungnahmen an diesem Abend verzichtet. Einzig die Erklärung der angeführten pädagogischen Gründe für eine Klassenschliessung der Oberstufe wurden erläutert. Markus Iseli nahm in seiner Funktion als Berater beider Gremien Stellung: «Der Satz im Brief an die Beteiligten mit der Aussage, dass ‹aus pädagogischen Überlegungen die siebte bis neunte Klasse geschlossen wird›, wurde falsch verstanden.» Man sei sich durchaus bewusst, welche Qualitäten die Oberstufe im Turbach biete. Aber eine Zusammenlegung habe nicht nur Auswirkungen auf die Oberstufe, alle elf Jahrgänge würden berührt. In den neu formierten Klassen, wie sie im Konzept vom Verein vorgelegt wurden, steckten Herausforderungen, die als pädagogische Begründungen benannt wurden.

In der Diskussion im Anschluss an die Vorträge wurde von einem Diskussionsteilnehmer klar gefordert, dass der Gemeinderat, unabhängig vom Entscheid der Bildungskommission, die Situation nochmals betrachten und von Grund auf neu entscheiden soll.

Kritik an Jahrgangsklassen
«Wo gibt es eine solche Homogenität im Leben wie in Jahrgangsklassen», warf Referent Roland Reichenbach bei seinem kritischen Blick auf das vorwiegend genutzte Schulmodell als eher rhetorische Frage ein. «Nicht mal im Militär findet man eine derartige Homogenität, und die sind uniformiert! Davon auszugehen, dass gleichaltrige Kinder das gleiche Leistungsniveau aufweisen, ist illusorisch.»

Roland Reichenbach, Professor für allgemeine Erziehungswissenschaften an der Universität Zürich, machte von der ersten Minute seines Vortrags an kein Geheimnis daraus, dass er das Gesamtschulmodell für die zu bevorzugende Bildungsstruktur hält und brachte damit eine neue Perspektive in die hiesige Schulentwicklungsproblematik. Der Schritt zur Gesamtschule sollte aus pädagogischer Sicht gemacht werden. Es sollte weniger als Notwendigkeit angesehen werden, altersdurchmischte Klassen zu kreieren, als vielmehr aus Überzeugung bezüglich der Sache selbst umgesetzt werden.

Das Lernfeld in einer Mehrklassenschule weise eine grosse inhaltliche Spannweite auf, die Altersdurchmischung hat den Effekt des vor- und rückgreifenden Lernens. Die Vielfältigkeit sozialer Rollen sei in altersdurchmischten Klassen ungleich grösser.

Spezifisch für diesen Entscheidungsprozess bemerkte der Gastredner, der in Saanen aufgewachsen ist und somit eine gewisse Verbundenheit verspürt, dass Bewährtes lieber bewahrt werden solle, dass Veränderung nicht zwangsweise Verbesserung bedeutet und dass manches tatsächlich als unveränderlich akzeptiert werden muss. In diesem Zusammenhang plädierte er für mehr Diskussion und offene Kommunikation zwischen allen Beteiligten. Der Weg zu gefällten Entscheidungen, die formal-rechtlich getroffen wurden, müsste, laut Reichenbach, einer Demokratie würdig für alle Beteiligten verhandelbar sein. Dazu forderte er mehr Kreativität in der Umsetzung von übergeordneten Vorlagen.

Das Gesamtschulmodell sei häufig in ländlichen Regionen angewendet und daher derzeit nicht repräsentativ. In urbanen Kreisen könne das Konzept nicht umgesetzt werden, weil schlichtweg die Ressourcen fehlten. Überraschend für die Zuhörenden war die wissenschaftlich gestützte Erkenntnis, dass neben einigen anderen Faktoren auch das Wiederholen einer Klasse negative Auswirkungen auf das Lernen des Kindes hat.

Lehrperson als Basis für altersdurchmischte Klassen
Das Schulkonzept mit altersdurchmischten Klassen ist auf fähige Lehrpersonen angewiesen. «Den Lernstand und allfällige Schwächen eines jeden einzelnen Kindes muss man kennen. Das ist Voraussetzung für das Gelingen des Unterrichtes», führte Reichenbach aus. «Aber wenn man das kann, dann liegt darin die Schönheit des Lehrerberufes.» Die Lehrperson muss sich mit dem identifizieren, was sie macht. Generalisierung und langfristiges Denken stehen im Zentrum des Gesamtschulkonzeptes.

Schule mit soziokultureller Bedeutung
Die Schule bindet die Bevölkerung an einen Ort. Die Schule pflegt Traditionen, bietet Anlaufstelle und Begegnungspunkt für Kinder und Eltern sowohl in einer Stadt als auch in einer Bäuert. Ein Schulhaus bildet oder erhält eine Gemeinschaft. Im ganz urtümlichen Sinn von Politik, nämlich im Zusammenkommen, übernehme die Schule eine zentrale Rolle in der mehr und mehr von Egoismus geprägten Gesellschaft.

Dazu kommt eine nutzbare Infrastruktur am Beispiel der Schulhäuser Bissen und Turbach, die andere, auch grössere Schulanlagen nicht haben. Das Platzangebot sowohl innen und aussen biete viel mehr Möglichkeiten. Ungenutzte Handwerksräume und der Estrich riefen nach Gestaltung, die bereits besprochene Kreativität komme hier wieder ins Spiel.

Video: https://www.youtube.com/watch?v=ruBPKodmnfo&t=57s

 

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