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Niemand will sich mehr die Hände schmutzig machen

Fr, 22. Jan. 2021
Im Baugewerbe sind Berufsfrauen gern gesehen.

Der Fachkräftemangel hat sich in den vergangenen Jahren zugespitzt. In Bergtälern wie dem Saanenland ist es schwieriger, Fachkräfte zu finden als im Mittelland. Doch weshalb?

BLANCA BURRI
Sie alle fehlen: Schreinerin, Zimmermann, Eletroinstallateurin, Montage-Elektriker, Bauspenglerin, Geomatiker, Gruppenführerin, Maurer, Bauingenieurin, Zeichner, Metallbauerin, Maler, Gipserin und viele mehr. Das hat eine Umfrage im Saanenland ergeben. Der Fachkräftemangel in der Baubranche ist gravierend. Da fragt sich, weshalb es im Ferienparadies Saanenland so schwierig ist, ausgebildete Handwerker zu finden. Diese Zeitung hat fünf Handwerker aus den Branchen Holzbau, Elektro, Bauhauptgewerbe und Malerei befragt und zwar anonym, damit sie offen reden können. Vier sind im Saanenland aufgewachsen, einer ist auf der beruflichen Wanderschaft im Saanenland hängengeblieben.

Gutes Zeugnis für Arbeitgeber
Anonym seinen Kropf zu leeren, hätte bedeuten können, dass die Arbeitgeber an die Kasse kommen. Das ist nicht der Fall. Alle fünf Handwerker stellen ihren unterschiedlichen Arbeitgebenden ein gutes Zeugnis aus. Sie sind nicht nur ihnen gegenüber loyal, sondern der ganzen Baubranche. Keiner berichtete von schwarzen Schafen. Vor mehr als einem Jahrzehnt habe es Dumpinglöhne gegeben oder andere Unregelmässigkeiten. Damals sei die Gewerkschaft Unia eingeschritten und kontrolliere die grossen Betriebe seither regelmässig. Überhaupt habe man es der Unia zu verdanken, dass die Arbeitsbedingungen gut seien, sagt der Maurerpolier. «Ich wünschte, sie würden in anderen Branchen ebenso genau kontrollieren. Das würde ich meinen Kollegen aus der Tourismusbranche gönnen.»

Das Leben im Saanenland hat seinen Preis
Trotz des guten Zeugnisses drängt sich die Frage auf, ob im Saanenland die Löhne zu niedrig sind und deshalb Zuzüger abgeschreckt werden. «Die Löhne im Bauhauptgewerbe sind nach Regionen definiert», sagt ein Polier, «daran halten sich die Unternehmen. Das heisst, sie sind nicht zu tief.» Ebenfalls in der Elektrobranche würden faire Löhne bezahlt, sagt ein Projektleiter aus der Branche. Ein bisschen anders tönt es in der Holzbranche. «Als Zimmermann könnte man in anderen Regionen mehr verdienen als im Saanenland», sagt der Zimmermann, und der Schreiner pflichtet ihm bei. Doch man müsse das Gesamtpaket anschauen, meint der Schreiner, denn hier habe man interessante Arbeit, die Bergbahnen und die Natur vor der Haustüre, die Lebensqualität sei extrem hoch, das habe halt seinen Preis. Damit spricht er die Lebenshaltungskosten an. Sie liegen im Saanenland, was Wohnungsmiete oder -kauf anbelangt, höher als in anderen Regionen und zwar auf oder über dem Niveau der Preise der Stadt Bern. Ebenfalls allgemein bekannt ist die Schwierigkeit, günstiges Bauland für ein Eigenheim zu erwerben. Die Erhöhung der Amtlichen Werte ist der Sache nicht förderlich. Bei den Lebenshaltungskosten fallen die Reisekosten in die Stadt und der Aufwand für viele Erledigungen, Amtsgänge oder Spezialtherapien ins Gewicht.

Oft im Stundenlohn angestellt
Historisch gewachsen sind noch heute viele Mitarbeitende im Stundenlohn angestellt. Wenn es viel Arbeit gibt, erhalten sie einen höheren Lohn als jene mit Monatslohn. Wenn die Nebensaison beginnt, ist es umgekehrt. Im Baugewerbe heisst das: Im Sommer und Herbst werden Stunden geklopft und im Winter Ferien bezogen, entsprechend hoch sind die Schwankungen auf dem Lohnkonto. Der Zimmermann begründet das Stundenlohnsystem: «Für den Arbeitgeber ist die Abrechnung sehr einfach zu machen. Er zahlt einfach die Stunden aus und muss keine Überstundenabrechnung führen.» Zudem entlaste es den Arbeitgeber. Wenn es einmal wenig Arbeit gebe, hätten sie weniger Kosten. Für den Maurerpolier ist das kein Problem: «Ich mag es, im Winter Ski zu fahren und geniesse die freie Zeit, deshalb teile ich mir den Lohn immer ein, obwohl er unregelmässig ist.» In einigen Betrieben kann man inzwischen auswählen, ob man im Stunden- oder Monatslohn angestellt werden möchte. Da das Baugewerbe seit Jahren boomt, haben die meisten Mitarbeitenden sowieso eher Über- als Unterstunden. Ausser nach der Umsetzung der Zweitwohnungsinitiative, als einige Unternehmen gesundschrumpften und in der Folge Mitarbeitende entliessen. An dieser Stelle gilt es auch, den Bonus zu erwähnen, den einige Arbeitgeber in den guten Jahren ausbezahlen.

Natur, Sport und Verbundenheit
Da stellt sich die Frage, wer sich im Saanenland besonders wohlfühlt? Die Antwort der Handwerker ist einhellig: «Naturliebhaber, Skifahrer, Trailrunner, Kletterer, Biker und Wanderer, Menschen, die ihr Herz ans Saanenland verloren oder die Liebe gefunden haben, und Menschen, die interessante Büez gerne mögen.» Die Arbeit ist in der Tat für Handwerker höchst interessant, da Chalets im normalen Preissegment genau so erstellt werden wie Luxusvillen im Chaletstil und somit die Abwechslung garantiert ist. Oft hört man hinter vorgehaltener Hand, dass die Verkleidung und die Einrichtung ganzer Räume und Wohnungen herausgerissen werden müssen, obwohl nie jemand einen Tag darin gewohnt hat. Wie gehen die Büezer damit um, ihr eigenes Werk auf den Müllhaufen zu werfen? «Die Auftraggeber sind unsere Lohnzahler, daran müssen wir immer denken. Also: Kopf runter und durch.» Der Projektleiter aus der Elektrobranche fügt an: «Es ist wichtig, dass wir gelassen bleiben und die Wünsche unserer Auftraggeber umsetzen, egal wie oft sie ihre Meinung ändern.»

Entwurzelung funktioniert nicht
«Wir könnten noch so viel Lohn bezahlen, wenn sich die Arbeitnehmer in der Gegend nicht wohlfühlen, bleiben sie nicht.» Diese Aussage macht der Projektleiter aus der Elektrobranche. Der Zimmermann fügt an: «Alle, die das vielfältige Nachtleben, den Ausgang, die Kulturvielfalt und Auswahlmöglichkeiten lieben, langweilen sich im Saanenland.» Ein weiterer Grund für die schwierige Suche nach Fachkräften sind die fehlenden Möglichkeiten, einem bestimmten Hobby zu frönen. Da das Angebot in diesen Bereichen beschränkt ist, schliesst es viele potenzielle Arbeitnehmende aus. Hier setzt Giuseppe Reo von der Gewerkschaft Unia an: «Trotz der momentan hohen Mobilität trügt der Schein: Schweizer sind sehr ortsgebunden. Vereine, Kollegen und Familie halten sie in einer Region.» Der Durchschnittsschweizer nehme eine Arbeitsstelle im Umkreis von etwa 30 Kilometern an. «Das hat damit zu tun, wie wir Schweizer ‹glismet› sind.» Die Schweizer wüssten genau, wie über Zuzüger gesprochen werde, man wolle sich dem nicht selbst aussetzen.

Ausländerinnen und Ausländer sind die Rettung
Im Moment halten die vielen Quereinsteiger und Fachpersonen aus dem Ausland (Portugal, Deutschland, Rumänien, Polen etc.) die Baubranche am Laufen. Egal ob Saisonniers oder Ganzjahresangestellte, der Maurer sagt: «Die meisten sind ‹harte Hunde›, die können anpacken.» Viele auch über 40-Jährige seien gewillt, sich weiterzubilden und so den Baustandard in der Region hochzuhalten. Man dürfe aber nicht vergessen, dass es einen gewissen kulturellen Unterschied gebe und es deshalb trotz allem einfacher sei, mit einheimischen Mitarbeitern zu arbeiten, welche die leisen Töne und Gesten verstünden.

Die Verbände haben viel zu tun
Giuseppe Reo bekräftigt, dass der Fachkräftemangel nicht nur im Saanenland, sondern in der ganzen Schweiz gross sei. Die Babyboomer erreichen das Pensionsalter und können von den Jungen nicht vollständig ersetzt werden. Zudem sagt der Maurerpolier: «Der Baumeisterverband hat es verschlafen, Junge für die branchenspezifischen Berufe zu rekrutieren.» Das habe man inzwischen bemerkt und eine gross angelegte PR-Aktion gestartet. Das alleine reiche nicht, weil die Jahrgänge der Schulabgänger nach wie vor auf tiefem Niveau lägen, ein Studium angesehener sei und gewisse Berufsbilder veraltet seien. «Die Jungen wollen heute die Pläne nicht mehr analog zeichnen und die Distanzen auf dem Bau nicht mehr mit dem Meter messen. Wir müssen auch in unserer Branche mit der Zeit gehen und digitale Hilfsmittel einsetzen», sagt er. Bei den Malern und Gipsern ist die Situation besonders schwierig. Es gibt kaum ausgebildete Mitarbeitende, weshalb Quereinsteiger mit Handkuss genommen werden, sagt ein Polier.

Selber aktiv werden, kann helfen
Nach den Lösungsansätzen für mehr Fachkräfte gefragt, zeigen sich alle fünf Handwerker sehr engagiert. Der Maurer sagt frei heraus: «Nur ein dynamisches Unternehmen mit jungen Mitarbeitern hat gute Zukunftschancen.» Deshalb sei die Ausbildung im eigenen Betrieb ein Muss. Und da, so der Gipser, dürfe man die jungen Frauen nicht vergessen. Sie seien ebenso wertvolle Mitarbeiterinnen wie junge Männer. Die Lehrstellenbörse des Gewerbevereins wird gelobt, so habe man schon oft Lernende rekrutieren können. Aber, sagt der Maurer: «Wir müssen noch viel mehr tun! Wir müssen echte Standortförderung betreiben.» Es brauche eine Gruppe, welche gezielte PR-Arbeit für den Arbeitsplatz Saanenland leiste. «Alle Arbeitnehmende aus dem Unterland haben das Gefühl, im Saanenland kann man nur Ferien machen.» Da seien die Gemeinde, der Gewerbeverein sowie jeder einzelne Betrieb gefordert. Und ein gutes Vorbild gebe es schliesslich mit yourgstaad.ch bereits. «Ich finde es schade, dass das Thema zwar seit 25 Jahren aktuell ist, aber nie konkret angegangen wurde.»

Level der Lehre
Der Zimmermann findet, dass die Realschüler heutzutage oft chancenlos seien. Gerade in seinem Beruf sei für Realschüler nur noch die Attestlehre möglich. Obwohl genau diese Schüler für ein Unternehmen sehr wichtig seien. Zwar müsse ein Lehrbetrieb viel in die Ausbildung von schulisch schwächeren Schüler investieren, dafür blieben sie im Berufsleben motiviert, ausdauernd, pflegeleicht, belastbar und vor allem treu. Ein guter Sekundarschüler lege zwar eine super EFZ-Lehre ab, springe jedoch bald nach der Ausbildung ab, um sich weiterzuentwickeln.

Gespür für Mitarbeitende
Vier der fünf Handwerker finden, dass sie im Betrieb wertgeschätzt werden. Das mache sich durch Weiterbildungsmöglichkeiten, Boni und einen freundlichen Umgangston bemerkbar. Diesbezüglich habe teilweise auch der Generationenwechsel bei den Besitzern gut getan, der in den letzten Jahren erfolgt sei: «Die Jungen sind näher an den Büezern als die Seniorchefs.» Nur in einem Betrieb ist genau das Gegenteil eingetroffen. Die Mitarbeitergespräche seien statt motivierend oft schwierig, der Umgangston in der «Bude» sei schroff und die Vorgesetzten schauten oft auf die einfachen Büezer hinab.

Kein Ansehen
Die fünf Handwerker sind sich in einer Sache einig: «Der Handwerkerberuf wird zu wenig wertgeschätzt. Auch das führt zu einem Fachkräftemangel.» Die Eltern, die Lehrkräfte, die Berufsberater und die Gesellschaft verkennen den Wert eines Handwerkers. Wer würde die Mauern hochziehen, das Holzhaus stellen, die Elektrizität verlegen und anschliessen, Küchen und Badezimmer bauen und wer würde die Wände streichen, wenn nicht die Handwerker? (Siehe auch Kommentar rechts)

Obwohl der Fachkräftemangel ebenfalls in fast allen anderen Branchen des Saanenlandes eminent ist, konzentriert sich dieser Bericht auf die Baubranche.


ARBEITGEBENDE TUN VIEL

Wie aus der Umfrage im Baugewerbe hervorgeht, tun die Arbeitgebenden viel gegen den Fachkräftemangel. Sie bilden Lernende aus und bieten interne Weiterbildungen an, inserieren, auch auf Kanälen, auf denen die Jugendlichen unterwegs sind, nehmen an Berufsmessen teil und akquirieren neue Mitarbeitende auch persönlich. Die Mehrheit bezahlt die Weiterbildungskurse der Mitarbeitenden und bietet Entwicklungsperspektiven an. Nicht alle sind mit den Aktivitäten ihres Berufsverbandes zufrieden. Einige finden, er unternehme zu wenig gegen den Fachkräftemangel. Besonders an den Schulen sollte aus ihrer Sicht öfter für die Handwerkerberufe geworben werden. Es sollte mehr bezahlbare Wohnungen geben und mehr Jahresstellen. Ebenfalls wird gefordert, das Image der Handwerker aufzubessern.

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