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«Uns ist es ein Anliegen, dass die Lernenden an einer momentanen Krise nicht scheitern»

Fr, 07. Mai. 2021
Martin Grossen, Schulsozialarbeiter und Leiter der Beratungsstelle Call. FOTO: ZVG

Wie kam es zur Gründung von Call?
Bis 2015 führte jede Schule ihre eigenen Unterstützungsangebote. Im Rahmen einer Berufsschulreorganisation ist die Idee entstanden, alles unter einem gemeinsamen Dach zu führen. Wir wollten fortan nur noch ein Beratungsangebot machen und damit Klarheit schaffen.

Wie ist Call organisiert?
Ich koordiniere im Auftrag des Vereins BildungBeruf das Angebot und führe ein Team von fünf Lehrpersonen mit viel Beratungserfahrung, die alle von den Berufsfachschulen entsprechend entlastet sind, für diese Aufgabe.

An den beiden Berufsfachschulen werden rund 4900 Lernende aus dem gesamten Berner Oberland, auch aus dem Simmental und Saanenland, unterrichtet. Drei bis fünf Prozent aller Lernenden beraten wir im Laufe ihrer Berufsausbildung. Bei 100 bis 120 Lernenden pro Jahr leisten wir intensive Beratungs- und Triagearbeit. Wir beraten auch Lehrpersonen, Eltern und Berufsbildnerinnen und Berufsbildner. Es lohnt sich bei jeder Anfrage, genau hinzuhören und hinzuschauen. Wir wollen die Lernenden in der Krise unterstützen, damit sie wieder Tritt fassen und ihre Ausbildung erfolgreich abschliessen können.

Wie kommt der Kontakt zustande? Melden sich die Lernenden aus eigenem Antrieb oder werden sie geschickt?
Etwa die Hälfte der Lernenden meldet sich von sich aus. Bei der anderen Hälfte geben eine Lehrperson, die Eltern oder der Betrieb den Ausschlag, sich Unterstützung zu holen. Auch bei denjenigen, die sich von sich aus melden, spielt ein gewisser Druck von aussen, etwas zu verändern, eine Rolle.

Welches sind die häufigsten Gründe, weshalb sich Ratsuchende bei Ihnen melden?
In der Regel gibt es nicht einen einzigen Grund, sondern mehrere gleichzeitig, die das Fass zum Überlaufen bringen. Oft geht es um eine momentane Krise, um Überforderung, ungenügende Leistungen an der Berufsfachschule, Konflikte oder Spannungen im Betrieb, Ängste aller Art, gesundheitliche Probleme, Geldsorgen oder häusliche Gewalt. Die Palette ist sehr breit.

Leider wird insgesamt immer noch ungefähr ein Viertel aller Lehrverträge frühzeitig aufgelöst, meistens im Laufe des ersten Ausbildungsjahres. Der Übergang von der Schule zur Ausbildung sollte nicht unterschätzt werden. Die Jugendlichen sind manchmal von den Anforderungen am Arbeitsplatz und in der Berufsschule überrascht. Dazu stellen wir fest, dass es für immer mehr Jugendliche schwierig ist, bei all den Anforderungen psychisch und körperlich gesund zu bleiben. Gegen diese Entwicklung sollten wir als Gesellschaft mehr in die Prävention und Früherkennung investieren. Auch die 10. Schuljahre können einen wichtigen Beitrag dazu leisten.

Wie unterstützen Sie die Lernenden, Eltern oder Berufsbildnerinnen und Berufsbildner?
Wir hören den hilfesuchenden Lernenden zu und suchen gemeinsam nach einem Weg aus der Krise. Wir klären sehr sorgfältig ab, welche weitergehende Unterstützung Lernende brauchen. Dies können Fachstellen oder therapeutische Angebote sein. Zudem arbeiten wir eng mit der Ausbildungsberatung des Mittelschul- und Berufsbildungsamts MBA zusammen. Jedes Anliegen wird von uns ernst genommen. Unser Ziel ist es, Lernenden rasch und unbürokratisch Unterstützung zu geben. Wenn sich Lernende schon überwinden und uns anrufen, sollen sie keinesfalls einfach so weitergewiesen werden.

Eine Lehre abzubrechen, macht ohne Beratung und Begleitung von aussen in den wenigsten Fällen Sinn. Oft wird in solchen Situationen zu wenig kommuniziert und mit Unterstützung von aussen, durch eine neutrale Stelle, kann viel erreicht werden. Je nach Situation beziehen wir auch den Lehrbetrieb oder die Eltern mit ein. Die Zusammenarbeit ist uns sehr wichtig – aber immer nur im Einverständnis mit den Betroffenen. Wir unterstehen als Beraterinnen und Berater der Schweigepflicht. Diese einzuhalten ist sehr wichtig, denn oft geht es um sehr persönliche Themen.

Was würden Sie Lernenden mit auf den Weg geben, wenn diese mit ihrer Ausbildung starten, oder raten, wenn sich diese gerade in einem «Ausbildungstief» befinden?
Auch wenn sich nicht immer alle Probleme schnell lösen lassen, hilft es, sich anderen mitzuteilen und professionelle Hilfe zu suchen. Aus unserer Erfahrung können viele Lernende wieder Mut fassen, ihre Krise überwinden oder sie finden zumindest eine sinnvolle Anschlusslösung.

Melden Sie sich, wenn in der Ausbildung Probleme entstehen oder wenn Sie mit jemandem in Kontakt sind, welcher in der Ausbildung in Schwierigkeiten steckt. Auch wenn es nur etwas Kleines ist: Hinzuschauen lohnt sich! (Kontaktdaten siehe Inserat in dieser Ausgabe)

PD/KERSTIN KOPP

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