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So klingt die Schweiz

Di, 01. Jun. 2021
Gar nicht so leicht, einen sauberen Klang zu erzeugen. Und je höher der Ton, desto schwieriger wird es. FOTO: FRITZ FRAUTSCHI

Ich erlebe die Schweiz «at its best»: Zuerst nächtigte ich in einem Igludorf (ein unvergessliches Erlebnis), dann nahm ich an einer Seilbahnevakuierung teil (Nervenkitzel pur) und schliesslich stellte ich mich der grössten Herausforderung: Ich lernte, das Alphorn zu spielen – mehr oder weniger. Denn einen Ton oder gar ein ganzes Lied auf dem dreieinhalb Meter langen Nationalinstrument zustande zu bringen, schien mir gar unmöglich.

SOPHIA GRASSER
Schon von Weitem höre ich die warmen Klänge, die wohl ganz Schönried erfüllen. Nach der richtigen Hausnummer muss ich deshalb gar nicht lange suchen – ich folge einfach den kräftigen, melodischen Tönen, die ihren Ausgangspunkt auf Fritz Frautschis Terrasse finden. Vier Musikanten und drei Musikantinnen spielen jeweils ein circa dreieinhalb Meter langes Horn und geben mehrstimmig volkstümliche Lieder zum Besten. Beeindruckt lausche ich dem Ensemble, während sich mir die ersten Fragen stellen: Wieso bewegt eigentlich keiner der Hornisten seine Finger, wie ich es aus meinem Blockflötenunterricht in ferner Vergangenheit kannte? Und noch viel wichtiger: Wie transportiert man ein so langes, sperriges Instrument? Die Spieler würden ihr Alphorn nach der Probe wohl kaum auf ihr Autodach schnallen. Oder doch? Am Ende der Stunde löse ich zumindest letzteres Rätsel, als die Gruppenmitglieder ihr Instrument in drei Teile zerlegen und bequem in einer Stofftasche verstauen. Leiter und Dirigent Fritz Frautschi widmet sich nun voll und ganz dem Publikum, das aus meiner Wenigkeit und einem älteren Herrn besteht, und bringt uns in sein Atelier, um uns in die hohe Kunst des Alphorns einzuführen.

Obwohl ich am liebsten sofort eines der dort ausgestellten Alphörner in die Hand genommen und mein musikalisches Glück versucht hätte, beginnt Fritz Frautschi den Schnupperkurs zunächst mit einer geschichtlichen Einordnung. Während sich der Ursprung des Alphorns heute nicht mehr nachvollziehen lässt, hielt man einige interessante Fakten zu seiner Etablierung fest: So wurde es über die Jahre hinweg immer länger. Traditionell hergestellt wird es aus einem Baum, der an einem Hang gewachsen ist. Das weiche Tannenholz wird durch den Schnee nach unten gedrückt, im Sommer richtet es sich gegen die Sonne wieder auf – et voilà: die Krümmung. «Heute werden die Alphörner in der Regel maschinell angefertigt, doch am Hornberg kann man das Prinzip noch ganz gut beobachten», erklärt Fritz Frautschi und ich nehme mir vor, bei meinem nächsten Spaziergang die Augen offen zu halten.

Das Alphorn diente ursprünglich als Signalinstrument, um die Bewohner des Tals vor Gefahren zu warnen. Wirklich Gefallen daran hatten in erster Linie die Kühe, welche die warmen, schönen Töne als Lockruf verstanden – «eine zuverlässige Methode für Bauern», versichert uns Fritz Frautschi. Um 1820 er freute die Alphornmusik auch die Besucher des Unspunnenfests. Und als die Musikanten eines Jahres ausfielen, befahl die Obrigkeit des Kantons Bern umgehend, weitere Alphornbläser ausbilden zu lassen. Das Instrument erlangte also zunehmend gesellschaftliche Bedeutung und setzte sich mit der Gründung des Eidgenössischen Jodlerverbands vor über 100 Jahren vollständig durch. Moment, was hat denn jetzt das Jodeln mit dem Alphornspielen zu tun? Fritz Frautschi klärt auf: Ein Mitglied des Jodelverbands beherrschte ebenjenes Blasinstrument und wurde sogleich als Alphornbläser offiziell im Verband aufgenommen. Durch das hohe Ansehen und insbesondere durch seine zahlreichen Jodlerfeste verhalf der Verband dem heutigen Schweizer Nationalinstrument zu grosser Popularität.

«Die Schwierigkeit beim Alphornspielen liegt darin, dass wir die Töne selbst erzeugen müssen – nicht wie beim Klavier, indem man in die Tasten haut», geht Fritz Frautschi nun endlich zum praktischen Teil des Schnupperkurses über. Das erklärt dann auch den Unterschied zur Blockflöte respektive die fehlenden Grifflöcher. Das Alphornblasen funktioniert ausschliesslich über das Gehör. Lippenspannung und Zungenstellung beeinflussen die Tonhöhe – die hohen Töne seien besonders schwer zu spielen. «Probiert es einfach mal aus, dafür seid ihr ja schliesslich hier», motiviert uns Fritz Frautschi und drückt uns eines seiner selbst hergestellten Mundstücke in die Hand. Ich hole also kräftig Luft und puste in das ellenlange Instrument. Heraus kommt ... ein kläglicher Ton, der vermutlich noch nicht einmal eine Kuh verführen würde. Ich übe fleissig weiter, bis ich einen sauberen Klang zustande bringe. «Sehr gut, du spielst gerade ein C», lobt mich Fritz Frautschi. Ein C also – ich muss ihm glauben, denn der Blockflötenunterricht war eben schon eine Weile her und mein musikalisches Gehör deshalb auch nicht mehr besonders geschult.

Im nächsten Schritt versuchen mein Mitspieler und ich, einen höheren Ton zu erzeugen. «Die Lippen anspannen und die Zunge nach oben drücken», weist uns unser Kursleiter an. Übrigens seien lispelnde Musikanten – insbesondere bei Kindern habe Fritz Frautschi das schon oft erlebt – diesbezüglich im Vorteil und erreichen in der Regel früher die nächste Oktave als der Durchschnitt. Auch dünne Lippen unterstützen den Fortschritt. Wieder einmal hole ich mit aller Kraft Luft, ziehe meine Lippen leicht auseinander und blase in das Alphorn. Oh je ... ein jämmerlicher Ton entsteht, den selbst Fritz Frautschi nicht bestimmen kann. Er kommt mir zu Hilfe und rät, den Vokal «i» zu denken. Na klar! Funktioniert das Ganze jetzt per Telekinese? Doch es klappt tatsächlich – der Grund ist allerdings ganz rational: Unbewusst bringe ich meine Zunge in eine höhere Position, sobald ich das «i» gedanklich ausspreche. Auch mein Mitspieler hat den Dreh raus – wir spielen nun abwechselnd einen tiefen und einen etwas höheren Ton, doch ich bezweifle, dass unser zweiköpfiges Ensemble in diesem Stadium grossen Beifall findet. Macht ja nichts! Und ob mit dünnen Lippen oder dicken, ob man lispelt oder nicht – letztendlich lautet auch hier wie in so vielen Bereichen die Devise: üben, üben, üben! Bevor unsere Lippen zu schmerzen beginnen, bremst uns Fritz Frautschi und kommt zum Abschluss des Schnupperkurses. Unsere Aufgabe für die nächste Unterrichtsstunde würde nun lauten, zweimal am Tag für eine Viertelstunde die Töne auszuhalten.

Nach meinen kleinen Erfolgen hat mich der Ehrgeiz gepackt – vielleicht fliesst ja doch ein bisschen Schweizer Blut durch meine Adern. Und wenn ich nun am Ball bliebe und auch zurück in Deutschland regelmässig in den Schwarzwald führe, wo das Alphorn ebenfalls ein paar Anhänger hat, würde ich eventuell schon bald einen dritten Ton erlernen.


ZUR SERIE

Mein Entdeckerherz schlägt höher: Seit meiner Ankunft in der Schweiz bin ich immer wieder überrascht, was das Saanenland zu bieten hat. Da ich aus der Nähe von München komme, tauche ich zum ersten Mal in die Welt aus Gipfeln, Tälern und Bergdörfern ein und lasse mir natürlich keine Gelegenheit entgehen, jede Tradition hautnah zu erleben und jeden Fleck ausgiebig zu erkunden. Ich nehme Sie mit auf meine persönliche Reise.

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