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Steinadler und Bartgeier im Saanenland (Teil 2)

Di, 29. Jun. 2021
Ausgewachsene Bartgeier erreichen eine Grösse von 1,20 Metern, eine Flügelspannweite von bis zu 1,90 Metern und ein Gewicht von 5 bis 7 Kilogramm. FOTOS: BERT INÄBNIT

Wie sind wir doch privilegiert, dass wir mit dem Steinadler und dem Bartgeier die zwei grössten Brutvögel der Schweiz bei uns im Saanenland beobachten können. Wenn einer dieser imposanten Vögel im azurblauen Himmel über den höchsten Berggipfeln am Kreisen ist, beginnt nicht nur das Ornithologenherz, sondern auch dasjenige von Bergsteigern und Wanderern höher zu schlagen …

BERT INÄBNIT
In der heutigen Ausgabe erfahren wir viel Interessantes über den grössten Vogel im Alpenraum, den Bartgeier (Gypaetus barbatus).

Einer Gruppe von engagierten Naturschützern und Ornithologen haben wir es zu verdanken, dass der einst ausgerottete Bartgeier im Alpenraum wieder heimisch ist. Um 1800 kreiste dieser majestätische Riesenvogel friedlich über den höchsten Berggipfeln und Alpweiden, bis dass ihn Schafzüchter, Alphirten und Jäger zu erlegen begannen. Sei es wegen der damaligen Abschussprämie oder vielmehr aus Unwissen, denn sie glaubten, dass der «Lämmergeier», wie er früher hiess, ihnen Schafe und sogar Kleinkinder rauben würde. Der letzte bekannte Abschuss datiert aus dem Jahre 1913, als ein Altvogel im nahe gelegenen Aostatal erlegt wurde.

Als dann ab 1973 im Alpenzoo Innsbruck Bartgeier-Bruten gelangen, kam die Idee auf, diese im Alpenraum wieder auszuwildern und anzusiedeln. Und so begann das sogenannte Bartgeier-Wiederansiedlungsprojekt. Weitere Zoos und Tierparks im In- und Ausland begannen, sich daran zu beteiligen, darunter auch der Tierpark Goldau, wo mittlerweile schon einige Jungvögel gezüchtet wurden. Ab 1986 wurden dann jährlich solche Nachzuchten im ganzen Alpenraum erfolgreich ausgewildert, zuerst im österreichischen Nationalpark Hohen Tauern, dann in den Savoyer Alpen und ab 1991 erstmals im Engadin.

Um die so in Freiheit ausgesetzten Vögel beobachten und kontrollieren zu können, wurden einigen nebst aufgesetzten GPS-Sendern auch einzelne Flügelfedern mittels Wasserstoffperoxidpaste gebleicht, um sie im Flug erkennen zu können. Zur Freude der Initianten von damals sind nun bis ins Jahr 2020 in der Schweiz 22 Brutreviere bekannt. Im ganzen Alpenraum (Schweiz, Frankreich, Österreich und Italien) sind bisher 36 Jungvögel in freier Wildbahn geschlüpft. Davon letztes Jahr einer im westlichen Berner Oberland! Wo genau wird wie bei den Steinadlerhorsten aus Schutzgründen nicht bekannt gegeben.

Vorkommen und Grösse
Bartgeier sind seither wiederum im ganzen Alpenraum zwischen 1600 und 3000 m ü. M. zu beobachten. Im Saanenland sieht man sie oft im Gebiet Gummfluh und Rellerli-Hugeligrat umherstreifen, da sie sehr grosse Reviere haben, die bis zu 350 Quadratkilometern reichen können. Die grösste Chance, den Riesenvogel oft aus nächster Nähe zu beobachten, ist auf dem Glacier 3000 beim Refuge bei der Quille du Diable, wo er um die Mittagszeit, wenn gute Thermik herrscht, von der Derborence hochkommt, wo sich in unmittelbarer Nähe seit einigen Jahren ein Horst befindet. Ausgewachsene Bartgeier erreichen eine enorme Flügelspannweite von bis zu 1,90 Metern und ein Gewicht von 5 bis 7 Kilogramm.

Nahrung
Was man früher, als sie noch gejagt wurden, eben nicht wusste, ist, dass sich Bartgeier zu 80 Prozent von Knochen ernähren, die sie verunfallten oder von Adlern geschlagenen Tieren entnehmen, deren Kadaver am Schluss liegen bleiben. So sind sie sogar eine Art Gesundheitspolizei und tragen dazu bei, dass sich keine Krankheiten verbreiten. Knochenteile von bis zu 18 Zentimetern vermögen sie ganz zu schlucken, welche dann von aggressiven Magensäften zersetzt und verdaut werden. Grössere Knochen werden in den Fängen bis zu 50 Meter hoch in die Luft getragen und dann auf Felsplatten fallen gelassen, wo sie zersplittern und geschluckt werden können. Aus diesem Grund wird der Bartgeier in Spanien auch «Quebrantahuesos» genannt, was übersetzt Knochenbrecher heisst. Jungvögel werden in der Aufzuchtphase mehrheitlich mit Muskelfleisch gefüttert. Bartgeier sind somit keine Raubvögel wie Adler und Falken. Ihre relativ flach gekrümmten Krallen erlauben ihnen schon gar nicht, ein Beutetier zu schlagen oder es wegzutragen.

Brutgeschäft
Bartgeierpaare beginnen schon im Herbst mit dem Horstbau, welcher nach jahrelanger Benutzung riesige Dimensionen erreichen kann. Man fand schon solche von bis zu 2,50 Metern Breite und 1,60 Metern Höhe. Die Horstmulde wird mittels Schafwolle und ähnlichem Isoliermaterial gut ausgepolstert, da die Vögel schon im Dezember bis Januar mit der Eiablage beginnen, welche meistens aus zwei Eiern besteht.

Der Legeabstand vom ersten zum zweiten Ei beträgt circa eine Woche, sodass auch hier, wie beim Steinadler, nicht selten Kainismus praktiziert wird und so nur ein Jungvogel heranwächst.

Die Brutdauer beträgt circa 55 Tage und die Nestlinge fliegen so ungefähr Mitte März nach 120 Tagen aus, was für die Nahrungsbeschaffung der Altvögel ideal ist, da zu dieser Zeit vielerorts Lawinenopfer wie Gämsen und Steinböcke ausapern.

Die im Moment etwas über 300 Bartgeier, die im gesamten Alpenraum leben, sind streng geschützt. Trotzdem wurde im Jahr 1997 ein Wilderer erwischt, der einen beringten Vogel aus dem Wiederansiedlungsprojekt erlegte und rechterweise mit 20’000 Franken gebüsst wurde.

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