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Anwohner wehren sich gegen die Deponie Trom

Fr, 23. Jul. 2021
Das Aushubmaterial wird im Trom innerhalb der farbigen Linie deponiert. Der Ahorn wird gefällt und durch zwei neue Bergahorne ersetzt. Eine kleine Scheune wird an einem neuen Platz wieder aufgebaut.

Die neue Deponie im Trom ist bewilligt. Voraussichtlich wird im kommenden September mit den Vorarbeiten begonnen. Trotzdem bleiben Unsicherheiten und Ängste bei einigen Anrainern bestehen.

BLANCA BURRI
Jean-François Liess wohnt im Badweidli. In der Nachbarschaft wurde die Deponie Trom bewilligt. Jean-François Liess ist Zweitwohnungsbesitzer und Sprecher von fünf Anrainern, die sich gegen die Deponie wehren. Sie können nicht verstehen, dass eine Deponie «mitten in bewohntes Gebiet gebaut wird». Liess orientierte diese Zeitung über die Unsicherheiten und Ängste. Dazu nehmen die Gemeinde Saanen und einer der vier Landeigentümer Stellung. Der Bauherr (Einfache Gesellschaft Addor/Gfeller/Moratti) hingegen möchte sich nicht dazu äussern.

Lärm- und Staubemissionen
Die Privatliegenschaften im Badweidli liegen etwas über 100m neben der Zufahrtsrampe, wo das Aushubmaterial abgeladen und in die Deponie verteilt wird. Die Anrainer befürchten Lärm- und Staubemissionen. Bei einem Deponievolumen von 71’500m3 und einer jährlichen Saison von sechs Monaten kann man von sechs bis neun Anlieferungen, also von 12 bis 18 Lastwagenfahrten pro Tag ausgehen. «Die nächsten fünf Jahre werden wir ständigem Lärm und Staub ausgesetzt sein, das können wir nicht dulden», betont Jean-François Liess.

«Die Ängste sind verständlich», sagt Walter Matti-Zbären, Fachleiter Raumplanung. «Im konkreten Fall ist das Interesse der Gemeinde jedoch höher zu werten als die Partikularinteressen der Anwohner», hält Gemeinderat Walter Heer fest. Grund ist der grosse Deponienotstand im Saanenland. Im Auftrag des Kantons stehe die Gemeinde jedoch in der Pflicht, neue Deponien eigentümerverbindlich zu sichern, so Matti-Zbären. Er betont jedoch, dass die Bauherren grosse Auflagen hätten und dass die Gemeinde die Einhaltung stichprobenartig kontrolliere.

Verpasste Chance
Die Bautätigkeit im Badweidli ist gross, sagt Landeigentümer und Bewohner Armin Oehrli. Er ist 2004 zurück ins Elternhaus im Badweidli gezogen. Er schätzt, dass im Weiler seither 25’000m3 Aushubmaterial angefallen sind. Er kann nicht verstehen, weshalb Lastwagen auf der Baustelle kein Problem sind, wenn sie das Material aber wenige Hundert Meter daneben abladen schon: «Dieses Denken ist egoistisch.» Auch die Gemeinde sieht in den Einsprachen der Anwohner eine verpasste Chance. «Wäre die Deponie bereits in Betrieb, wäre das Potenzial für Kürzestfahrten sehr gross gewesen», zeigt Walter Matti-Zbären auf. Der ökologische Gewinn wäre gross gewesen, ergänzt er. Aus seiner Sicht müsse die Deponie keine fünf Jahre betrieben werden, sondern könnte intensiver genutzt und beispielsweise bereits nach zwei Jahren geschlossen werden, weil sie bereits voll wäre. Da es Aushübe bis zu 30’000m3 pro Baustelle oder mehr gebe, wäre dies aus Sicht der Gemeinde und von Armin Oehrli durchaus möglich.

Andere Routenführung
Die Einsprecher schlugen vor, die Zufahrt über die Lauenenstrasse und den Tromweg zu leiten und somit die Lärm- und Staubbelastung für das Badweidli zu reduzieren. «Diese Variante stand am Anfang der Planung zur Diskussion, ist jedoch ungeeignet», schaut Walter Matti-Zbären zurück. «Am Tromweg gibt es viel mehr Anwohner. Der Tromweg ist Schulweg und Wanderweg, es gibt keine Ausweichstellen und die Strasse ist für die Belastung durch LKWs nicht geeignet», begründet er. Die nun geplante Zufahrt ab Lauenenstrasse über die Liegenschaften Matti und Frautschi störe seiner Ansicht nach viel weniger Personen und sei sicherer.

Kanalisation
Als weiteres Gegenargument sprechen die ehemaligen Beschwerdeführer das Wasser an. Sie befürchten, dass giftige Stoffe der Deponie ins Trinkwasser gelangen könnten, dass die Kanalisation wegen Regenwasser an die Kapazitätsgrenze kommen oder mit Schlamm verstopft werden könnte. «Da die Deponie für sauberes Aushubmaterial vorgesehen ist, wird es keine Giftstoffe geben», betont Walter Heer. Man habe das Terrain geprüft und sei zum Schluss gekommen, dass das Oberflächenwasser überall frei abfliessen und versickern könne. Übriger Niederschlag werde am westlichen Deponierand mit bestehender Einlauf- und Ableitungsvorrichtungen Richtung Louibach abgeleitet. Im Urteil des Verwaltungsgerichts steht zudem: «Bei dieser Ausgangslage steht kein Neuanspruch an die private Sauberwasserleitung zur Diskussion, der rechtlich sicherzustellen wäre.» Walter Heer ergänzt mit einer praktischen Überlegung: «Die Fläche wird ja nicht grösser als vorher.» Im Gespräch mit Armin Oehrli vor Ort wird klar, dass der guten Entwässerung des Grundstücks seit jeher viel Beachtung geschenkt wurde.

Keine Expertisen an Häusern
Mit dem Aushub wird eine natürliche Mulde aufgefüllt. Die Anwohner befürchten eine Druckerhöhung und damit Risse oder andere Schäden an ihren Häusern. Sie fordern deshalb ein Rissprotokoll. Darauf sagt die Gemeinde Saanen: «Der Bauherr ist dazu nicht verpflichtet.» Es stehe nichts im Weg, dies freiwillig zu tun. Das Gespräch haben die Anwohner gesucht: «Wir haben versucht, mit dem Bauherrn Kontakt aufzunehmen, aber er weigert sich, mit uns zu sprechen.» Wie eingangs erwähnt, nimmt der Bauherr gegenüber der Zeitung keine Stellung.

Die Einsprecher haben den vier Landeigentümern sogar eine Kompensationszahlung offeriert, damit die Deponie Trom nicht gebaut wird. Armin Oehrli: «Wir haben das zusammen angeschaut und sind einstimmig zum Schluss gekommen, dass wir uns nicht kaufen lassen.»

Alternative Standorte
Weil sie Lärm- und Staubbelastungen nicht hinnehmen möchten, schlugen die Anrainer alternative Standorte vor. Darauf angesprochen erklärt die Gemeinde, dass der Richtplan Obersimmental-Saanenland vor rund 15 Jahren erstellt worden sei. «Damals haben wir sehr viele mögliche Plätze für Deponien geprüft und nur solche eingetragen, die realisierbar sind.» Für die Umsetzung brauche es viele Partner. Beispielsweise müsse der Standort geeignet und die Landbesitzer einverstanden sein. Auch wenn eine Deponie im Richtplan aufgeführt sei, gäbe es keine Garantie dafür, dass sie je umgesetzt werde. Die Deponie Teilegg beispielsweise sei seit bald 30 Jahren im Gespräch und trotzdem aus verschiedenen Gründen blockiert.

Entwicklung ist nicht abgeschlossen
Walter Heer ist sich der Gratwanderung zwischen öffentlichem und privatem Interesse bewusst. Viele Bewohner möchten den Istzustand bewahren. «Aber wir wollen und müssen uns weiterentwickeln», sagt er, «es ist wichtig, dass gebaut wird.» Die Bautätigkeit erhalte Arbeitsplätze. «Wir produzieren diesen Aushub hier vor Ort, also sind wir auch in der Verantwortung, diesen hier zu deponieren», hält er fest. Vor allem weil aufgrund des Baugesetzes immer öfter in die Tiefe gebaut werde, bleibe der Deponienotstand aktuell. Momentan werden die Deponien in Zweisimmen und im rund 35 Kilometer entfernten Grandvillard gefüllt. Walter Heer fragt rhetorisch, ob diese Transportwege Sinn machen. «Wir versuchen immer, eine Lösung zu finden. Das ist nicht einfach, vor allem, weil es immer jemanden persönlich betrifft und er etwas in Kauf nehmen muss.» Andererseits nähmen die Deponiebetreiber auch ein finanzielles Risiko in Kauf. Sie tätigten vorgängig Abklärungen, Sondierungen und Planung, das koste. «Ob dann später eine Deponie eröffnet werden kann, ist nicht gesichert. Die Unternehmungen gehen somit finanziell auf eigenes Risiko in den Vorlauf», betont Heer.

Durch die demokratischen Instrumente sei es jedem möglich, sich gegen solche Pläne zu wehren. Diese haben sich die Einsprecher zunutze gemacht, sind aber vor dem Verwaltungsgericht gescheitert. Vom Gang ans Bundesgericht haben sie aufgrund der geringen Aussichten auf Erfolg abgesehen.

Ziel bessere Bewirtschaftung
Jean-François Liess vermutet, dass die finanziellen Interessen der Bauherren und der Landeigentümer sehr gross sind. Er spricht von Umsätzen im siebenstelligen Bereich. Deshalb werde nicht auf die Forderungen der Einsprecher eingetreten. Die Landeigentümer erhalten rund einen Sechstel von dem, was für das Deponiegut bezahlt wird. Damit würden weitere Kosten gedeckt. Armin Oehrli gehört rund die Hälfte des Deponievolumens. Trotzdem rechnet er für sich mit einer Nullrunde, weil er dafür eine kleine Scheune verschieben muss. «Das Ziel der Deponie ist es nicht, viel Gewinn zu erwirtschaften», sagt er, denn dafür sei diese zu klein und das Terrain zu komplex. Somit sei der Aufwand für Planung, Instandstellung und Bewirtschaftung sehr hoch. Vielmehr wolle man das Terrain verbessern: «Die Hänge werden flacher und damit einfacher und sicherer zu bewirtschaften.» Da die Linienführung der Zufahrt über die Liegenschaften Matti und Frautschi angepasst wird, gebe es auch für beide Landwirte Vorteile im Betriebsablauf.

Rolle der Gemeinde
Jean-François Liess hinterfragt die Rolle der Gemeinde. «Zu Beginn der Planungsphase im Jahr 2012 hat sie die Deponie gepusht und heute stiehlt sie sich aus der Verantwortung», wirft er ihr vor. Walter Heer antwortet dezidiert: «Das machen wir nicht.» Weil eine Deponie ein spezielles Bauwerk sei, müsse die rechtliche Grundlage dafür geschaffen werden. «Dieser Planungsprozess obliegt laut Raumplanungsgesetz nun mal der Gemeinde.» Erst wenn der Baugrund bereit sei, nehme das Bauvorhaben den gewohnten Lauf über den Bauherrn, natürlich obliege die sporadische Kontrolle der Baupolizei.

Unterstellungen
Armin Oehrli war Sekretär und Kassier bei der Strassenkooperation Badweidli. Ihm wirft Jean-François Liess vor, er habe als Landbesitzer und Vorstandsmitglied verschiedene Hüte aufgehabt. Er habe hinter dem Rücken der Kooperation mit den Deponiebetreibern verhandelt und ihnen gewisse Zugeständnisse gemacht. Armin Oehrli widerspricht. «Die Strassenkooperation hat nichts mit der Deponie zu tun.» Im Gegenteil, er habe den Vorstand immer offen über den Planungsstand der Deponie informiert, was der Präsident der Genossenschaft bestätigt. Auf Druck der Zweitwohnungsbesitzer hat Oehrli sein Mandat bei der Weggenossenschaft Badweidli abgegeben.

Überbauungsordnung: https://oerebfiles.apps. be.ch/84301/3167/UeO_78_Deponie_Trom.pdf


DEPONIE TROM

Die Deponie Trom ist Teil des Sachplans des Kantons und des regionalen Richtplans Obersimmental-Saanenland, Abbau Deponie Transporte (ADT). Die Überbauungsordnung Trom lag im August 2014 auf. An der Gemeindeversammlung vom 10. Dezember 2014 in der Tennishalle in Gstaad wurde sie mit grossem Mehr gegen 10 Stimmen angenommen. 2017 wurde sie vom Amt für Gemeinden und Raumordnung genehmigt. Dagegen legten einige Bewohner des benachbarten Badweidli Einsprache ein, die das Verwaltungsgericht im März 2021 abwies. Bauherr der Deponie ist die Einfache Gesellschaft Addor/Gfeller/Moratti.

Die Deponie ist für 71’500m3 unverschmutztes Aushubmaterial geplant. Die Vorarbeiten beginnen voraussichtlich im kommenden Herbst. Sie darf höchstens fünf Jahre betrieben werden. Die Erschliessung erfolgt von Süden her über die Lauenenstrasse und die Liegenschaften Matti und Frautschi. Die Vorbereitungsarbeiten dauern rund sechs Monate. In einem ersten Schritt ist der Ausbau der Strasse und die Baupiste geplant. Danach werden 20 bis 30cm Humus und 30 bis 40cm Unterboden abgetragen und um die Deponie zwischengelagert sowie Sickerleitungen eingebaut. Auch eine bestehende Freileitung BKW wird neu verlegt und verkabelt sowie eine kleine Scheune abgebrochen und an neuem Standort aufgebaut. Im Anschluss wird der östliche Teil, dann der westliche Teil der natürlichen rund 200x100m grosse Mulde als Deponie genutzt. Die Baupiste wird im Anschluss zurückgebaut.

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