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Himmlisches Vergnügen am Eröffnungskonzert

Di, 20. Jul. 2021
Daniel Hope: Musikdirektor des Zürcher Kammerorchesters, Leiter des New Century Chamber Orchestras in San Francisco, Leiter Festspielfrühling 2022 in Rügen, Artistic Director der Dresdner Frauenkirche. Der südafrikanisch-irische Katholik mit protestantischer sowie jüdischer Verschmelzung ist gerne in Gstaad. FOTO: RAPHAEL FAUX/GSTAADPHOTOGRAPHY.COM

Es gibt diese Orte und Momente, wo man sich dem Himmel ein wenig näher fühlt: Die Musik am letzten Freitagabend in der Kirche Saanen tat genau dies. Das Eröffnungskonzert des Gstaad Menuhin Festivals übertraf alle Erwartungen. Perfekte Interpretation und Virtuosität waren so selbstverständlich, dass sie in den Hintergrund traten und ausschliesslich Raum für die Musik liessen – der Königin dieses Abends. Mit Daniel Hope, Adrien La Marca, Josephine Knight, Simon Crawford-Phillips und dem Publikum als begeisterte Untertanen. Das war sicht- und hörbar. Die Künstlerinnen und Künstler lächelten beim Spielen, das Publikum wollte mit seinem Applaus nicht aufhören und sogar die Sonne schickte vorsichtige Strahlen in den Kirchenraum und erleuchtete einige Bänke.

THOMAS RAAFLAUB
Es war einer dieser Bänke, auf denen Daniel Hope als kleiner Junge sass und Yehudi Menuhin zuhörte, der 1957 das Festival gründete. Daniel Hope wurde in Südafrika geboren, wuchs in London auf und lebt heute in Berlin. Seine Mutter, Eleonor Hope, war zuerst Menuhins Assistentin und später seine Agentin. Die Familien Menuhin und Hope kannten sich gut. Ein Verhältnis, von dessen Erfahrungen und Inspirationen Daniel Hope immer noch profitieren kann. Während zehn Jahren konnte er mit Menuhin sechzig Konzerte geben – eine grosse Herausforderung, denn der Meister liebte Veränderungen und machte immer neue Vorschläge für eine noch bessere Interpretation.

Daniel Hope: ein Botschafter der Musik
Als Artist in Residence 2021 darf Daniel Hope noch genauer vorgestellt werden, dies ohne dem Anspruch der Vollständigkeit genügen zu wollen: Ab dem 12. Februar begegnete der Starviolinist und Preisträger des Europäischen Kulturpreises live und auf Arte Gästen aus ganz Europa, um mit ihnen die musikalische Vielfalt zu feiern. Über neun Wochen hinweg stellte er in seinem Wohnzimmer an vielen Abenden europäische Länder musikalisch und kulturell vor, ihre Musik und ihre Künstlerinnen und Künstler. Begleitet wurde er von Gästen, die aus den jeweiligen Ländern stammen und mit ihm gemeinsam die Musik ihrer Heimat spielten. Klassische Kompositionen, typische musikalische Eigenarten der Länder, traditionelle Volksweisen sowie zeitgenössische Stücke aller Richtungen zauberten Musik in Zeiten des kulturellen Stillstands in Hopes Berliner Wohnzimmer. Mit Europe@Home machte er den Kunstschaffenden und dem Publikum Mut, unterstützte sie in den schwierigen Zeiten der Pandemie und stärkte den europäischen Zusammenhalt. Der Schreibende kennt deshalb Daniel Hopes Wohnzimmer sehr gut, zusammen mit den Millionen von Zuschauenden, welche die Sendungen verfolgten.

Begeisternde Waldgeister
Umso schöner war es, in der Kirche Saanen einem wirklichen Daniel Hope zu begegnen, kaum zehn Meter entfernt. Sir Edward Elgar schrieb seine Violinsonate in e-Moll 1918, zeitgleich mit zwei anderen Stücken. Diese drei Kammermusikwerke wurden alle in Brinkwells geschrieben, dem Landhaus in der Nähe von Fittleworth in West Sussex, das Lady Elgar für ihren Mann zur Erholung erworben hatte, und sie markieren seinen wichtigsten Beitrag zum Kammermusikgenre. Die Violinsonate ist für die übliche Kombination von Violine und Klavier besetzt und hat drei Sätze. Elgars Frau bemerkte, dass der langsame Satz von den Waldgeistern der Umgebung beeinflusst zu sein schien. Die Musik jedenfalls riss mit, ganz besonders im zweiten Satz «Risoluto Romance», sehr gefühlvoll gespielt, ohne jegliches Pathos.

Emanzipierte Komponistin
Darauf folgte eine Entdeckung: Rebecca Clarkes «Dumka» für Violine, Bratsche und Klavier. Die Komponistin war als Bratschenvirtuosin international bekannt und eine der ersten professionellen Orchestermusikerinnen. In England geboren, hatte sie sowohl die britische als auch die amerikanische Staatsbürgerschaft und verbrachte einen Grossteil ihres langen Lebens in den Vereinigten Staaten, wo sie sich nach dem Zweiten Weltkrieg dauerhaft niederliess. Sie und ihr Werk wurden von Daniel Hope sehr sympathisch vorgestellt und mit Simon Crawford-Phillips und Adrien La Marca meisterhaft interprtiert.

Hommage an Leonz Blunschi
Dass sich Musikgenuss noch steigern lässt, bewiesen die drei Künstler und die Künstlerin mit dem Klavierquintett in a-moll von Sir Edward Elgar. Die Freude der Musizierenden übertrug sich aufs Publikum, das in die Musik eintauchte, von ihr fortgetragen wurde und wie aus einem Traum erwachte, als sie aufhörte. Die Familien Elgar und Menuhin kannten sich gut. Der sechzehnjährige Menuhin spielte in Shorts dem Komponisten das Quintett vor. Dieser hörte zwei Minuten zu, sagte «fabelhaft» und «wundervoll», sprang dann auf, weil er zum Pferderennen musste. Diese Episode erzählte Daniel Hope bei der Einführung zum Klavierquintett. Er, wie auch Aldo Kropf als Verwaltungsratspräsident in seiner Begrüssungsansprache, würdigten den Einsatz für das Festival des kürzlich verstorbenen und am Freitagmittag in der Kirche Saanen verabschiedeten Leonz Blunschi. Beide widmeten ihm das Konzert und waren sich sicher, dass Leonz zwar im Musikhimmel sei, aber ihm dennoch beiwohnte.

Inspiration und Transpiration
Sir Eward Elgars «Salut d’amour» wurde als Zugabe gespielt. Das Stück ist eines von seinen bekanntesten Werken und hat zu zahlreichen Arrangements inspiriert. Inspiriert verliess auch das Publikum die Kirche Saanen, die familiäre Atmosphäre und die wiedergefundenen Bekannten und Freunde. Wie zum Beispiel die Begegnung von Eleonor Hope mit dem Schreibenden. Dieser konnte sich kaum mehr daran erinnern, dass vor vielen Jahren ein Künstler ganz dringend ein Krafttraining brauchte und dafür ein privater Kraftraum in Feutersoey gefunden werden konnte. Zwei Erkenntnisse drängen sich hier auf: Erstens sind die Kirchenkonzerte angenehm intim und zweitens braucht Musik nicht nur Instrumente, sondern auch Menschen und ihre Körper, die sie zu bedienen verstehen und die vor lauter Anstrengung zu schwitzen beginnen. Diese zweite Erkenntnis ist aber zu banal und passt eigentlich nicht zu diesem himmlischen Abend.

 

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