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Der Heisshunger auf Literatur ist noch immer nicht gestillt

Di, 21. Sep. 2021
Ein Kilogramm wiegt der Band mit viel bisher unveröffentlichtem Material aus dem Nachlass von Friedrich Glauser. Christa Baumberger führte jedoch im Gespräch mit Liliane Studer ganz leichtfüssig durch das Leben und Werk des Schweizer Autors und weckte das Interesse, diesen wieder (oder neu) zu entdecken. FOTO: DOMINIQUE ULDRY

«Literarischer Herbst Gstaad»: Dieses Festival ist heute ein massgeblicher Teil des grosszügigen Kulturangebots der Region und weit über derer Grenzen hinaus bekannt. Zum elften Mal wurde an vier Tagen Literatur verschiedenster Art gelesen und vorgestellt.

LOTTE BRENNER
Auch im digitalen Zeitalter ist die Freude am Buch enorm gross – und zwar auch bei den Jungen. Das kam im heurigen «Literarischen Herbst» klar zum Ausdruck. Etliche junge Leserinnen und Leser mischten sich unter das langjährige Stammpublikum. Auch in diesem Jahr wurden am Donnerstag und Freitag zwei Klassen des Gymnasiums Gstaad miteinbezogen. Die gut vorbereiteten Schülerinnen und Schüler werden jeweils von einem der Festival-Autoren durch einen Workshop begleitet; heuer war es Samuel Schnydrig, der am Samstag sein Buch «Klaus» vorstellte, in welchem es um die Widersprüche des Erwachsenwerdens geht.

Bemerkenswert ist, wie viele junge Autorinnen und Autoren Literatur in gedruckten Büchern wiedergeben. Liliane Studer, die im sechsköpfigen Team zusammen mit Klaus Breuninger, Markus Iseli, Beat Michel, Rosa Reiter und Leonora Schulthess wiederum ein äusserst ansprechendes, sehr vielfältiges Programm präsentierte, sagt dazu: «Das gedruckte Buch bewährt sich. Ein schönes Buch gewinnt an Bedeutung, denn die Aufmachung – ein schöner Druck, gutes Papier, ein wertvoller Einband – ist etwas wie eine Würdigung für den Inhalt.» Dazu kommt, dass wohl während des Corona-Lockdowns viele Literaturhungrige wieder zum traditionellen Buch zurückfanden.

Literatur hat viele Gesichter
Romane, Erzählungen, Gedichte – Geschichten in jeglicher Sprachform, werden literarisch verarbeitet. Für eine breite Leserschaft ist der Zugang dazu jedoch nicht immer so einfach. Dem Verein Literarischer Herbst Gstaad gelingt es immer wieder, Menschen dafür zu begeistern, einen Austausch herbeizuführen und vor allem auf die Vielfalt wertvoller Neuerscheinungen hinzuweisen. Dabei geht es nicht nur um die Lesungen in der Kirche Zweisimmen, der Jugendherberge Saanen, im Hotel Alpenland Lauenen, Kleinen Landhaus Saanen und Hotel Le Grand Bellevue Gstaad; vielmehr wird auch Bewegung in das doch eher stille Literaturgeschehen gebracht. So findet neben der obgenannten Zusammenarbeit mit dem Gymnasium Gstaad auch gemeinsam mit der Gemeindebibliothek Gsteig eine Schreibwerkstatt statt. Schliesslich konnten die Besucher sich auf dem Literarischen Spaziergang von Schönried nach Gstaad bei körperlicher Ertüchtigung über Sandra Hughes Tessiner Vermächtnis unterhalten, das die Autorin am Samstag in Saanen präsentierte. Es ist ihr zweiter Kriminalroman, der wiederum im Tessin spielt – diesmal in Morcote – und in dem von einer Kriminalbeamtin aus dem Baselbiet und dem dort ansässigen Inspektor ein Fall aufgeklärt wird. Es ist weit mehr als ein Kriminalroman. Hughes beschreibt Bräuche und Eigenheiten der Ureinwohner des Dorfes und gibt dabei eine Art Liebeserklärung an das Tessin ab.

Bernische Literaturpreisträger
Den Festival-Auftakt machten am Donnerstag in Zweisimmen die beiden Preisträger im Rahmen des Literaturpreises des Kantons Bern 2021, Pedro Lenz und Regina Dürig. Faszinierend ist die Form von Dürigs Novelle «Federn lassen», die von Grenzüberschreitungen und Übergriffen vom Kindheitsalter bis in die Zeit des Erwachsenseins berichtet, von kaum wahrnehmbaren Begebenheiten, den Gefühlen, der Scham und dem Unbehagen danach. Die Form also, in welcher unmissverständlich offen das Verschwiegene und doch so Konkrete dargestellt wird, ist ein langer, durch keinerlei Satzzeichen getrennter Text. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass ein Bandwurm von aneinandergereihten Wortfolgen schwer verständlich sei. Ein solches Kapitel liest sich flüssig leicht, als wäre es in traditionell deutschem Syntax verfasst.

Lyrische Momente
Der Gedichtband «Die Gottesanbieterin» der Lyrikerin und Performerin Nora Gomringer bietet Einblick in Betrachtungen über das Dies- und Jenseitige – eine faszinierende Bandbreite. Die Autorin, die letztes Jahr coronabedingt nicht ausreisen konnte, begeisterte heuer ein vielinteressiertes Publikum. Lyrisch-poetisch zeigte sich auch Eva Maria Leuenberger auf den Spuren der Avantgardekünstlerin Theresa Hak Kyung Cha.

Der eigentliche Lyriker Thilo Krause stellte am Samstag sein episches Buch «Elbwärts» vor, mit dem er sich (und seiner Leserschaft) einen neuen Zugang zu sich selbst und zu seiner Vergangenheit schafft. Er umgeht dabei bewusst ein Psychologisieren, ein Deuten und lässt es bei Beobachtungen, Stimmungsbildern und Schilderungen bleiben. Die Lesung beschliesst er dann doch noch mit einem bisher unveröffentlichten, philosophisch gefärbten Gedicht, das er vor drei Jahren anlässlich des Literarischen Herbsts auf dem Heimweg am Ufer des Bächleins entlang der Strasse nach Saanen schrieb.

Berührende Stille
Melitta Breznik, die aus der Steiermark kommt und heute im bündnerischen Sent lebt und als Psychiaterin wirkt, beschreibt in ihrem Buch «Mutter» die Zeit der geistigen und körperlichen Abschwachung ihrer Mutter bis hin zum Tod. Es ist eine sehr persönliche und betroffen machende Schilderung einer Mutter-Tochter-Beziehung am Ende eines Lebens. Eine ähnliche und doch wiederum ganz andere Geschichte berichtet Yusuf Yeşilöz in seinem neuen Roman «Nelkenblatt». Hier geht es um die Beziehung einer alten, immer pflegebedürftigeren Dame zu einer ihr bisher unbekannten Pflegerin, einer Flüchtlingsfrau, die ihrerseits mit Hilfe der betreuten Frau ihre Gedanken über die eigene Familie in der Ferne schweifen lässt.

Der schillernde Friedrich Glauser
Der krönende Abschluss des gelungenen Literaturfestivals galt Friedrich Glauser, dem lange verkannten Schriftsteller, bekannt durch seine Wachtmeister-Studer-Krimis. Christa Baumberger, die lange im Literaturarchiv Briefe, Berichte, Gespräche von und mit Glauser sowie Vormundschaftsberichte und andere Dokumente über Glauser studierte, stellte ihren umfangreichen und trotzdem spannend-aufschlussreichen «Schunken» mit dem Untertitel «Jeder sucht sein Paradies …» aus dem Limmat Verlag vor. Mithilfe projektierter Bilder wurde die Präsentation noch lebendiger. Angesichts der Tatsache, dass Glauser nicht krank, sondern aus Gründen einer Tuberkulosebehandlung morphiumsüchtig war, und nur wegen «Liederlichkeit» und auf Antrag seines eigenen Vaters bevormundet wurde und einen grossen Teil seines Lebens in psychiatrischen Eirichtungen verbrachte, geht das literarische Schaffen dieses aussergewöhnlichen Schriftstellers gehörig unter die Haut. Besonders, weil mit aller Gewalt sein schriftstellerisches Flair unterbunden werden sollte, da man damals der Meinung war, dass geistige Arbeit nervös, landwirtschaftliche dagegen müde mache und deshalb den Eskapaden Glausers mehr entgegenhalten könnte.

Wer sich mit Glauser beschäftigen will, aber noch nicht ganz reif ist für das umfangreiche Werk von Christa Baumberger, findet einen sympathischen Anfang in einem neu erschienenen SJW-Heft mit Glausers Kurzgeschichte «Die Verschwundene».


KURZER RÜCK- UND AUSBLICK

Finanziell wird nur von Jahr zu Jahr geplant. Bisher konnten die Unkosten aus öffentlichen und privaten Zuwendungen gedeckt werden. Allerdings muss auch nach elf Jahren die Finanzierung jedes Jahr neu erarbeitet werden. Bemerkenswert ist allerdings, dass das anfänglich nur ganz leise angegangene Herbstevent immer mehr Zuspruch erhielt und heute professionell anspruchsvoll und erfolgreich dasteht. Liliane Studer erfreut sich einer guten Publikumsbasis, für Literatur ansprechbar und begeisterungsfähig. Rückblickend erinnert sie sich besonders freudig an Schauspieler Bruno Ganz, der kurz vor seinem Tod in Gstaad in liebenswürdiger Weise die Liebesbriefe (Titel vom Verlag) von Robert Walser las. Löblich hob sie ferner hervor, dass immer wieder unbekannte Autoren den Weg nach Gstaad finden, unter anderem auch AutorInnen aus Österreich, die hierzulande grosse Neugier weckten. Sie bedauert jedoch, dass der Austausch zwischen Publikum und Autoren heuer nicht bei einem Apéro, sondern höchstens am Büchertisch hat stattfinden können.
Schon heute beginnt die Planung des nächsten Literarischen Herbsts, denn die Eckpfeiler des neuen Programms sollten spätestens ein Jahr zuvor stehen. Die künstlerische Leitung lag in diesem Jahr vor allem bei Liliane Studer. Sie sieht sich allerdings mehr als Teamfrau denn als Einzelgängerin und ist deshalb bestrebt, Leonora Schulthess und Markus Iseli, welche die diesjährigen Anlässe mit ihr zusammen moderierten, als Intendanten nachzuziehen. Für nachfolgende Festivals «Literarischer Herbst Gstaad» ist voraussichtlich also gesorgt.

LOTTE BRENNER

www.literarischerherbst.ch

 

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