BLICK IN DIE WELT
27.09.2024 KolumneSamos
Etwa 1960, im ungeliebten Mathematikunterricht, wurden wir Handelsschüler erstmals auf den Namen Pythagoras aufmerksam gemacht. Er war ein Grieche – so viel war mir selbst im altersbedingt reduzierten Bewusstsein steckengeblieben. Doch dass dieser ...
Samos
Etwa 1960, im ungeliebten Mathematikunterricht, wurden wir Handelsschüler erstmals auf den Namen Pythagoras aufmerksam gemacht. Er war ein Grieche – so viel war mir selbst im altersbedingt reduzierten Bewusstsein steckengeblieben. Doch dass dieser Pythagoras um 570 vor unserer Zeitrechnung auf Samos geboren worden war, das war uns Handelsschülern – wohl im Unterschied zu den griechisch-lateinischen Gymnasiasten – gänzlich unbekannt.
Die griechische Insel Samos ist mit gut 477km2 mehr als zehnmal kleiner als der Kanton Bern. Aber sie hat es in sich. Denn Ende letzten Jahrhunderts trafen sich hier auf Samos zufällig die Schweizerin Eleni und der Grieche Dimitri. Dieser hatte schon in Bern im Hotel National und später als Milchmann gearbeitet. Seine früheren Kunden in der Matte bekamen ein paar Jahre später auf einmal – neben Milch, Butter und Joghurt – ein unpolitisches Flugblatt. Darauf wurde für «Ferien im Studio Eleni» auf Samos (Griechenland) geworben.
Regina und ich – wir waren eben zum zweiten Mal bei Eleni und Dimitri in den Ferien. Traumhaft. Inmitten von uralten Olivenbäumen liegt ein Park mit einem Haus und sechs Studios für Gäste – und Freunde, wie es im Prospekt heisst. Aufwachen tut man dann hier in einem veritablen Tierpark und wird freundlich begrüsst – unter anderem von Katzen und Hunden. Und ein Ross sowie ein Dutzend Hühner gehören auch noch zum Bestand. Auf dem Tagesprogramm steht dann in der warmen Jahreszeit natürlich meistens der zehn Gehminuten entfernte Sandstrand am Ägäischen Meer. Das Wasser ist frisch. Je mehr man allerdings allzu lange knietief im Wasser steht und zögert, umso grösser wird die Gefahr, von einem frechen mickrigen Fisch – vom Format eines kleinen Rüeblis – gebissen zu werden und spätestens dann schwimmt man. Notfalls ums nackte Leben. Umso tiefgründiger dann der verdiente Schlaf unter dem Sonnenschirm.
Der wunderschöne Tierpark gehört zum Dorf Marathokampou. Da gibt es zwei sogenannte «Supermärkte» – einen kleinen und einen grösseren –, dann eine Bäckerei und zwei, drei vortreffliche Restaurants. Am Morgen sagt man «Kalimera» und am Abend «Kalispera» und so etwas wie «Hallo» bedeutet «Ja sas». Viel mehr muss man zunächst gar nicht wissen. Aber dann empfehle ich – vor allem ehemaligen Handelsschülern –, sich ein wenig mit der griechischen Geschichte zu befassen. Vorab nur so viel: In Urzeiten war Samos eine grosse Seemacht. Sie war bekannt für schnelle Schiffe. Samos war überdies ein wichtiges ägäisches Handelszentrum, das einen guten Wein und kostbare Töpfereien im Angebot hatte. Ende des 19. Jahrhunderts – so entnimmt man der Website visit.samos.gr – «folgte die kulturelle Entwicklung der Insel, durch die Ausgabe von militanten Zeitungen, die Zirkulation der historischen Arbeiten des Staatsmanns Epaminondas (410 bis 362) und des Arztes und Philosphen Stamatiadis (1868–1964), die Übersetzungen von antiken Texten sowie auch durch die Gründung von philharmonischen Gesellschaften und Theatergruppen». Aber erst im Jahr 1912 und mit dem Ausbruch des Zweiten Balkankrieges erklärte sich Samos als Teil von Griechenland.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde diese Insel von Mussolinis italienischen Truppen und Teilen der deutschen Wehrmacht besetzt. In London bildete sich eine griechische Exilregierung. Am 30. August 1943 wurden auf dieser Insel 27 griechische Widerstandskämpfer hingerichtet.
Auch auf Samos endete der Zweite Weltkrieg am 8. Mai 1945. Seither ist wohl auch hier in der Gegend des heutigen Tierparks von Eleni und Dimitri mehr oder weniger Ruhe eingekehrt.
Allerdings mit einer Ausnahme: Der Nachbar gönnt seinem Hund namens Speedy Gonzalez – einer Mischung zwischen einem Dackel und einem Scotch Terrier – ein- oder zweimal in der Woche einen Auslauf. Dann kreuzt dieser Speedy G. regelmässig hier im Tierpark auf, was dann ein ungeheuerliches tumultartiges Gebell, Geschrei und Gegacker auslöst. Aber schon nach einer Weile – nach Speedys getanem Auftritt – herrscht hier bald wieder tiefste Ruhe und Ordnung.
OSWALD SIGG
JOURNALIST, EHEMALIGER BUNDESRATSSPRECHER oswaldsigg144@gmail.com