RANDNOTIZ

  07.03.2025 Kolumne

Siesta olé!

SONJA WOLF
Fünf Tage Sevilla! Fünf herrliche Tage lang futterten mein Mann und ich uns durch unzählige Tapas. Standen brav in den Einlassschlangen zur grössten gotischen Kathedrale der Welt und zum Alcázar-Palast mit seinen schönen maurischen Kacheln und den Orangenbäumen. Stiegen geduldig inmitten einer endlosen Touristenarmee den gut 100 Meter langen Wendelweg im Giralda-Glockenturm hoch. Liessen die schon warme Frühlingssonne auf uns scheinen und wanderten in der nächtlichen Lightshow mit Hunderten anderer Touristen über riesige pilzförmige Holzkonstruktionen namens Setas.

Und dann hatte ich plötzlich die ewigen Touristenströme so was von satt!! Es war inzwischen der letzte Tag angebrochen. Mein Flieger ging erst am Abend. Wozu hatte ich Lust für diesen letzten Ausflug? Ein Stadtviertel ohne Touristen sollte es sein, wo einfach die Einheimischen im Supermercado ihre Lebensmittel einkaufen und in den Boutiquen spanische Alltagsmode shoppen. Jawohl! Also ab ins Viertel Triana. Das soll laut Internet ein typisch spanisches ohne Touristenschwemme sein. Und in der Tat! Erleichtert streife ich an kleinen Tante-Emma-Läden (oder tienda de Ana?), Tabakgeschäften und Autowerkstätten vorbei. Und keine Touristen weit und breit. Hurra! Und da: eine supercoole Boutique mit erschwinglichen, modernen und teils auch extravaganten Stücken. Na also, geht doch! Ich: hoch motiviert hineinspaziert und einige Stücke zum Anprobieren ausgesucht. Eine junge Verkäuferin mit sorgfältigem Make-up platziert sich neben mich und säuselt mir «Hoy tenemos un 10 por ciento de descuento en todos los precios» ins Ohr. «Perfekt, man hält mich sogar für eine Einheimische», freue ich mich und stiefele mit meinen extravaganten spanischen Teilen in die nächste Kabine.

Nach dem fünften Teil und etwa 15 Minuten später dann plötzlich so eine seltsame Ruhe ausserhalb der Kabine... Die Musik voll runtergedreht und auch keine Gespräche mehr von Kunden und Verkäuferinnen zu hören. Was ist los? Ich stecke meinen Kopf aus der Kabine und sehe tatsächlich keine Menschenseele mehr. Auch die Glastür am Eingang ist inzwischen abgeschlossen. Ups! Schon leicht panisch schaue ich auf die Uhr. 14.03 Uhr. Ach ja, Mittagessenszeit! Spanisches Mittagessen und anschliessende Siesta! Na klar, wenn man sich aus den Touri-Strassen herausbewegt, dann hat man am Nachmittag von 14 bis um 17.30 Uhr natürlich auch nix mehr anzuschauen, weil alles geschlossen ist! In Windeseile schäle ich mich aus dem fancy Hosenanzug und ziehe meine eigenen Klamotten wieder an, renne aus der Kabine, entschuldige mich bei der letzten verbleibenden Verkäuferin für ihre zehn verlorenen Mittagspauseminuten und eile aus der Boutique auf die Strasse. Na gut, dann halt doch wieder in die 24 Stunden lang pulsierenden Touristenviertel, seufzt meine innere Stimme... und nächstes Mal plane ich meine Ausflüge in die Welt der Einheimischen ein wenig besser!

sonja.wolf@anzeigervonsaanen.ch


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