«Ich gehe so gerne im Wind spazieren», sagte die kleine Mélanie zu ihrer Freundin Amélie, «jedes Mal öffnen sich dann meine Flügel und sie tragen mich über verschneite Wiesen.» Das verträumte Kind sass am Klavier und machte eben eine kleine Pause. ...
«Ich gehe so gerne im Wind spazieren», sagte die kleine Mélanie zu ihrer Freundin Amélie, «jedes Mal öffnen sich dann meine Flügel und sie tragen mich über verschneite Wiesen.» Das verträumte Kind sass am Klavier und machte eben eine kleine Pause. Die beiden tranken den süssen Tee und assen vom Kuchen, den Mélanies Mutter ihnen servierte.
Amélie mochte ihre kleine Freundin sehr, hörte gerne zu, wenn sie spielte…
Am liebsten hatten die beiden die «Träumerei» von Robert Schumann, die Mélanie in etwas vereinfachter Form interpretierte.
«Das mit den Flügeln», liess sich Amélie vernehmen,
«finde ich besonders schön.»
«Vor meinen Augen», meinte das Mädchen weiter, «ging einmal der Himmel auf, und herunter kam eine Leiter.»
«Bist du hinaufgeklettert?» fragte Mélanie.
«Ja», sagte Amélie, «ich konnte in den Himmel schauen.» «Und, was hast du gesehen?» fragte Mélanie gespannt. «Federweisse Engel in schwebenden Räumen.»
«Erzähl weiter», bat Mélanie entzückt. «In der Mitte thronte ein riesengrosser Weihnachtsbaum mit silbernen Kugeln und weissen Kerzen.»
Mélanie fing ganz leise an zu spielen.
«Und über allem», schwärmte Amélie mit leuchtenden Augen, «diese gläserne Stille, dieses Sehnsuchtsgefieder, das sich lichtete von Traum zu Traum.»
Eve Joly