Ein Gedeck für den Messias
23.12.2025 LeserbeiträgeBea schob die Backform in den Ofen und stellte den Timer auf 20 Minuten. Christian hatte ihren Weihnachtskuchen geliebt und Bea buk ihn auch seit der Trennung vor sieben Jahren an jedem Heiligabend. Ein Weihnachten ohne Kuchen konnte sie sich mittlerweile nicht mehr vorstellen. Zudem war Backen ...
Bea schob die Backform in den Ofen und stellte den Timer auf 20 Minuten. Christian hatte ihren Weihnachtskuchen geliebt und Bea buk ihn auch seit der Trennung vor sieben Jahren an jedem Heiligabend. Ein Weihnachten ohne Kuchen konnte sie sich mittlerweile nicht mehr vorstellen. Zudem war Backen ein Hobby von ihr, dem sie mit grossem Engagement nachging.
Sie und Christian hatten sich auseinandergelebt, und eine Scheidung schien für beide das Beste. Ihr Exmann war kurz nach der Trennung eine Beziehung mit einer Arbeitskollegin eingegangen, und vor einigen Jahren hatte Bea erfahren, dass das Verhältnis der beiden teilweise schon während ihrer Ehe bestanden hatte. Sie nahm es Christian nicht übel. Es spielte keine Rolle mehr.
Der Timer war abgelaufen. Bea nahm den
Kuchen aus dem Ofen und stellte ihn zum Auskühlen auf den Balkon. Da sie den Heiligabend alleine verbringen würde, musste oder durfte sie den Kuchen mit niemandem teilen. Sie hatte sich dafür eine extra kleine Backform gekauft und das Rezept halbiert. Eine «Single-Backform» für «süsse Stunden alleine» hatte auf der Verpackung gestanden.
Bea hätte sich selbst nicht als einsam bezeichnet. Sie hatte Arbeitskolleginnen, mit denen sie ab und zu etwas unternahm, einen Bruder, der allerdings mit seinen zwei pubertierenden Kindern, ihren Neffen, sehr beschäftigt war, und sie hatte Sabine, ihre beste Freundin. Leider spielte diese als Posaunistin in einem Orchester in Deutschland, und man traf sich selten.
Manchmal sehnte sich Bea nach Gesellschaft. Vom Arbeitsalltag erzählen, über ihre Chefin lästern, jemandem zuhören, gemeinsam lachen oder über das Zeitgeschehen diskutieren – diese Dinge vermisste sie. Auf Anraten von Sabine hatte sie schon einiges unternommen, um neue Menschen kennenzulernen. Sie war auf einer Dating-Plattform aktiv gewesen und hatte mit einer Kollegin an einem Seminar teilgenommen und ihren Wunsch nach Gemeinschaft ins Universum geschickt. Sie hatte sich sogar dazu hinreissen lassen, ihren Traummann zu backen. All dies hatte nicht den erhofften Effekt gehabt, und wenn Bea ehrlich war, hatte sie auch nicht damit gerechnet.
Der Kuchen war ausgekühlt. Bea glasierte ihn mit flüssiger Schokolade und streute grosszügig goldene Zuckersternedarüber. Obwohl sie leidenschaftlich gerne buk, lag ihr das Kochen weniger. Deshalb bestellte sie sich nun beim Inder ihr Lieblingsmenü: Linsendaal, Knoblauchnaan und ein Mangolassi. Zum Nachxtisch sollte es den Kuchen geben.
Wie jedes Jahr an Heiligabend deckte Bea den Tisch für zwei Personen. Sie wusste nicht genau, weshalb sie dies tat. Es gab ihr das Gefühl, nicht alleine zu sein und etwas Schönes zu erwarten. Obwohl sie sich nicht als religiös bezeichnete und sie über die Weihnachtsgeschichte wenig wusste, war der Heiligabend ein besonderer Abend. Und sei es nur, weil seit Wochen unter den Kolleginnen kein anderes Thema mehr vorherrschte: Menü, Gäste, Geschenke.
Endlich klingelte es. Beas Essen wurde geliefert. Die kleinen Schälchen waren zum Warmhalten in Zeitungspapier eingewickelt. Bea wickelte sie aus und wollte das Papier achtlos in die Altpapiersammlung werfen, als ihr Blick auf ein Inserat der hiesigen Kirchgemeinde fiel: «Ein Gedeck für den Messias» stand da. Es war die Ankündigung des Gottesdienstes zu Heiligabend, der um 10 Uhr abends in der Dorfkirche stattfinden sollte.
Wenn sie hinginge, um sich anzuhören, was der Pfarrer über dieses Gedeck zu sagen hatte? Bea schaute auf die Uhr. Sie hätte noch vier Stundxen bis zum Beginn des Gottesdienstes. Zeit genug, um in Ruhe zu essen und sich ihren Lieblingsfilm «Actually Love» anzuschauen.
Um viertel vor zehn machte sich Bea auf den Weg. Fast wäre sie auf dem Sofa liegengeblieben, um zu lesen. Die Kirche war fast voll, was Bea erstaunte. Sie hätte nicht damit gerechnet, dass so viele Menschen einen Gottesdienst an Heiligabend besuchen würden.
Sie setzte sich in eine der hintersten Reihen und lauschte dem Geläut der Kirchenglocken. Was der Pfarrer erzählte, war interessant, wenn auch etwas langatmig. Offenbar handelte es sich nicht um ein Gedeck für den Messias persönlich, sondern um einen Becher für denjenigen Propheten, der die Ankunft des Erlösers ankündigen würde – eine jüdische Tradition, die am Vorabend des Pessach-Fests praktiziert wurde.
Die festliche Musik, die Weihnachtslieder und der mit echten Kerzen geschmückte
Christbaum hingegen gefielen Bea sehr. Am Ende der Feier lud der Pfarrer alle auf Glühwein und Weihnachtsgebäck ins nahe gelegene Kirchgemeindehaus ein. Da es in der Kirche kühl gewesen war, beschloss Bea, die Einladung anzunehmen, um sich aufzuwärmen. Auch war sie gespannt auf das Weihnachtsgebäck.
Da sie niemanden kannte, setzte sie sich an einen Tisch, an dem bereits sechs Personen sassen: zwei Männer, einer jung, der andere in Beas Alter, und vier Frauen – zwei davon deutlich älter, ein junges Mädchen und eine Frau etwa so alt wie Bea. Die Gruppe war in ein lebhaftes Gespräch über die Vor- und Nachteile des Heissluftbackens vertieft. Es war Bea etwas peinlich, inmitten dieser Fremden zu sitzen, zumal die Gruppe sehr vertraut wirkte.
Nach einem vehement vorgetragenen Argument des jungen Mannes trat eine plötzliche Stille ein. Das junge Mädchen sah Bea an und fragte etwas brüsk: «Und was denken Sie?»
Glücklicherweise hatte Bea eine dezidierte Meinung zum Thema, die sie nun sachkundig erläuterte. Schon bald fand sie sich inmitten des Gesprächs wieder, und es stellte sich heraus, dass die sechs Personen die Backgruppe der Kirchgemeinde waren. Nicht nur hatten sie das Weihnachtsgebäck für den Heiligabend gebacken, sie würden sich vor jedem Anlass der Kirchgemeinde treffen, um gemeinsam das benötigte Gebäck herzustellen, wie ihr eine der Frauen erzählte. Auch sonst stünden sie in regem Austausch und würden sich mit Tipps und Tricks beim Backen unterstützen.
Bea fühlte sich so wohl wie schon lange nicht mehr, und als der zweite Mann fragte, ob sie nicht Teil der Gruppe werden wolle, sagte sie spontan zu.
Regula von Niederhäusern
