Holzer-Kobi's Weihnachten
23.12.2025 LeserbeiträgeWie Holzer-Kobi eigentlich richtig hiess, wusste vermutlich niemand, aber wenn man von diesem Namen sprach, wussten alle, wer gemeint war.
Kobi war von kleiner Statur mit krummem Rücken und trug das ganze Jahr über eine schwarze Zipfelmütze. Sein Zuhause war eine kleine ...
Wie Holzer-Kobi eigentlich richtig hiess, wusste vermutlich niemand, aber wenn man von diesem Namen sprach, wussten alle, wer gemeint war.
Kobi war von kleiner Statur mit krummem Rücken und trug das ganze Jahr über eine schwarze Zipfelmütze. Sein Zuhause war eine kleine Holzhütte zuhinterst im Weisstannen-Tal, die er vermutlich selber mal gebaut hatte, ohne Strom und fliessendes Wasser, aber er brauchte für sein Einsiedler-Leben auch nicht mehr. Mit dem Verkauf von Brennholz finanzierte er jahrein, jahraus sein erbärmliches, einfaches Leben. Fleisch gabs höchst selten, da er kein Gewehr hatte. Gelang ihm jedoch mal der Fang eines Eichelhähers oder gar eines Marders, war das für ihn ein Festessen...
Es war einmal mehr tiefer Winter, kurz vor Weihnachten, als er ein Fuder Brennholz ins Dorf liefern musste. Auf dem Heimweg nahm er eine auf einer Bank liegengebliebene Zeitung mit, die er jeweils zum Anfeuern seines Holzofens brauchte. Obschon er mit Lesen etwas Mühe hatte, konnte er da ein Inserat entziffern, wo Folgendes geschrieben stand: Gesucht: Brennholz, Lieferung wenn möglich vor Weihnachten. Adresse: Dr. W. Philius, Amselweg 18.
Aber das ist ja schon morgen, dachte er sich, heute ist doch der 23. Dez. Als er am andern Tag seinen selbst gezimmerten Holzschlitten mit Buchenspälten belud, dachte er, die Doktorsleute hätten sicher Freude, wenn er ihnen einen Bund Spälti mitliefern bzw. schenken würde, da ja Weihnachten ist. Gesagt, getan, und so kämpfte er sich am späteren Nachmittag durch den kniehohen Neuschnee in Richtung Dorf. Als er im Amselweg ankam, war die Nacht schon hereingebrochen und aus dem hell erleuchteten Haus kam ihm ein für ihn noch nie dagewesener Bratenduft entgegen. Die französisch sprechende Haushälterin Louise öffnete ihm die Türe und hiess ihn höflich einzutreten. Im Esszimmer begrüsste ihn ein alter Mann mit weissen Haaren. Es war der 90-jährige Dr. Philius, der sich herzlich für die speditive Holzlieferung und das mitgebrachte Spälti-Geschenk bedankte.
Als Holzer-Kobi nach Erhalt der paar Franken das
Haus wieder verlassen wollte, hiess es: „Nein, nein, Sie dürfen gerne zum Festessen bleiben, heute ist ja Weihnachten, und es ist uns eine Ehre, Sie als Gast bei uns zu haben…“
Kobi musste zuerst nach Worten suchen, um sich für diese unerwartete Einladung zu bedanken. Das nun von Louise aufgetischte Weihnachtsessen mit Entenbraten, Pommes Duchesse und Légumes, wie sie es nannte, liessen Kobis sonst recht finsteren Augen aufleuchten wie die Baumkerzen vom nebenan stehenden Weihnachtsbaum. Nachdem Dr. Philius das Tischgebet gesprochen hatte, durfte Kobi einmal nach Herzenslust zugreifen.
Ehh, war das herrlich, einmal so richtig und genug essen zu können – und das erst noch mit einem (dh. mehreren) Glas guten Weines… Die Zeit verging wie im Flug, es wurde viel diskutiert und erzählt, und als sich Kobi nach Mitternacht wieder verabschiedete, wusste Dr. Philius alles über seine ergreifende Lebensgeschichte und sein erbärmliches Dasein, was den alten, seit langem verwitweten Doktor sehr berührte.
So kam es, dass Kobi ein Jahr später wiederum im Doktorhaus am Amselweg Weihnachten feierte – leider ohne den inzwischen verstorbenen Dr. Philius, der ihm gemäss Testament das Haus samt Haushälterin Louise vermachte, zu der er am Abend des 24. Dezember liebevoll sagte: „Lisi, ds hütige Znacht het no viu besser gschmöckt als das vu Färn…“ Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch...
Bert Inäbnit
