«Für viele Firmen wird die einzige Lösung sein: raus aus der Schweiz!»
27.02.2026 WirtschaftDer allzu starke Schweizer Franken blutet laut Nick Hayek, CEO Swatch Group, den Werkplatz Schweiz aus. Für ihn ist klar warum: «Die Nationalbank ist nicht mehr unabhängig vom Oval Office.»
In der Schweizer Industrie häufen sich ...
Der allzu starke Schweizer Franken blutet laut Nick Hayek, CEO Swatch Group, den Werkplatz Schweiz aus. Für ihn ist klar warum: «Die Nationalbank ist nicht mehr unabhängig vom Oval Office.»
In der Schweizer Industrie häufen sich Abbaumeldungen. Seit der Coronazeit gingen schon 15’000 Arbeitsplätze verloren. Kommt es auch bei der Swatch Group zu Entlassungen?
Nein, wir haben uns vorgenommen, unsere Mitarbeiter auch in schwierigen Zeiten weiterzubeschäftigen.
Aber Ihr Umsatz ist letztes Jahr um 450 Millionen Franken zurückgegangen. Müssen Sie nicht sparen?
Doch, das tun wir natürlich. Aber nicht zuerst bei unseren Mitarbeitern in den Fabriken, die unsere fantastischen Produkte herstellen. Allein 308 Millionen Franken unseres Umsatzrückgangs sind auf den Währungseffekt zurückzuführen, den wir dem extrem überbewerteten Schweizer Franken verdanken. Mir geht es aber nicht nur um die Swatch Group, sondern auch um die gesamte Schweizer Industrie.
Wie sehr trifft Sie der starke Franken?
Viele Schweizer KMU haben allergrösste Mühe mit der extremen Aufwertung des Frankens. Vielen bleibt nichts anderes übrig, als ins Ausland auszuweichen, obwohl sie das gar nicht wollen. Die Situation hat sich seit Anfang 2026 nochmals zugespitzt. Und niemand in der Politik oder in den Medien scheint sich darüber gross aufzuregen. Man verweist eher mit Stolz auf den Superpower-Franken. Vielleicht denken die alle nur an ihre Ferien im Ausland, die immer billiger werden.
Was kostet die Swatch Group die Aufwertung des Frankens?
Die Rechnung ist einfach. Wenn Sie die 2014er-Zahlen der Swatch Group zu heutigen Wechselkursen nehmen, fehlen uns 1,4 Milliarden Franken – allein wegen des Wechselkurses. Schauen wir die aktuellen Zahlen an: Allein im Januar 2026 beträgt die Währungserosion, verglichen mit dem Januar des letzten Jahres, über 60 Millionen Schweizer Franken. Dies trotz Preisanpassungen während der letzten zwölf Monate. Der Schweizer Franken hat sich über alle Währungen hinweg, nicht nur beim Dollar, massiv verstärkt.
Und jetzt rufen Sie nach dem Staat?
Nein, das habe ich noch nie getan und werde ich auch jetzt nicht tun. Ich rufe auch nicht nach einem schwachen Franken. Im Gegenteil, ich will einen starken Franken. Aber was wir jetzt sehen, ist ein total überbewerteter Franken, der ungebremst immer stärker an Wert gewinnt.
Was erwarten Sie von der Politik?
Ich erwarte gar nichts, aber es sträubt mir die Haare, zu konstatieren, wie sprachlos und teilnahmslos die offizielle Schweiz und vor allem die SNB diese Situation hinzunehmen scheinen. Die Nationalbank ist unabhängig von der Politik, und das ist auch richtig so. Unter den Nationalbank-Präsidenten Philipp Hildebrand und Thomas Jordan hat sie diese Unabhängigkeit nicht daran gehindert, sehr aktiv zu sein. Sie waren unberechenbar, und genau so muss es sein. Man sah es bei der Einführung und Aufhebung des Euro-Mindestkurses. Eine Nationalbank hat Einfluss, wenn sie die Märkte überraschen kann. Hildebrand und Jordan haben eine Politik im Interesse der Schweiz gemacht – und sie waren präsent, haben sich geäussert, zugegeben, der eine mehr als der andere.
Warum erwähnen Sie Martin Schlegel nicht, der seit Oktober 2024 oberster Nationalbank-Lenker ist?
Ganz einfach, ich kenne ihn nicht. Ich höre nichts von ihm. Ich sehe nichts von ihm. Die Nationalbank scheint abgetaucht zu sein. Gibt es sie überhaupt noch?
Was müsste die SNB denn tun?
Ich bin kein Notenbanker, aber ich erwarte, dass sie Stärke zeigt und anerkennt, dass so eine extreme Überbewertung des Frankens der Schweiz schadet. Sie kann selbstbewusst und unabhängig ihre Instrumente einzusetzen versuchen.
Als sie das in der Ära Hildebrand/Jordan tat, stieg die Bilanzsumme der SNB von 200 auf über 1000 Milliarden Franken. Das ist nicht nachhaltig.
Warum nicht? Eine Nationalbank kann nicht Konkurs gehen. Schauen Sie: Die Rolle der SNB geht seit August völlig unter. Die ganze Schweiz spricht nur noch über die US-Zölle. Alle sind darauf fixiert, als wären sie das Schlimmste, was uns widerfahren konnte.
39 Prozent waren schon heftig, jetzt sind wir bei 15 Prozent.
Ja, das war heftig, aber heftiger und langfristig schädlicher ist der total überbewertete Schweizer Franken gegenüber allen Währungen.
Der Franken ist ein sicherer Hafen. Angesichts der Unsicherheit in der Welt – Trump, Grönland, Iran – ist eine Aufwertung logisch.
Ach, erzählen Sie keine Märchen. Es gibt kein Bankgeheimnis mehr, keine Zinsen, keine schlagkräftige Armee. Es gibt nur noch eine Schweizer Grossbank, die sogar damit flirtet, aus der Schweiz wegzuziehen, und die andere ist leider quasi pleite gegangen, und dazu kommt noch, dass die Amerikaner kürzlich aller Welt gezeigt haben, wie schwach wir doch sind. Die Wahrheit ist: Um den Schweizer Franken gibt es viel Spekulation, und wir lassen es einfach geschehen. Schicksal! Das ist unakzeptabel. Es gibt ein paar klare Hinweise, warum die Nationalbank schon im Sommer in einen Winterschlaf gefallen ist.
Was ist Ihre Vermutung?
Nach dem Zollhammer vom 1. August, konkret am 29. September 2025 – und das wurde hier kaum zur Kenntnis genommen – kamen das amerikanische Treasury, das Schweizer Finanzdepartement und die Schweizer Nationalbank in den USA zusammen. Sie schlossen ein «Non-Binding Agreement» ab, eine nicht bindende Vereinbarung, sich zu verpflichten, keine Währungsmanipulation vorzunehmen. Vielleicht wollten sie in einem Akt vorauseilenden Gehorsams verhindern, dass die Schweiz auf einer schwarzen Liste der USA von Wechselkurs-Manipulatoren landet, auf der eigentlich ganz an der Spitze die USA mit ihrem Dollar sein sollten.
Und seither tut die Nationalbank nichts gegen die Frankenaufwertung?
Die Nationalbank hat sich durch diese Vereinbarung verpflichtet, im Beisein des Schweizer Finanzdepartements nichts zu unternehmen, was die Amerikaner verärgern könnte.
Weil sonst der Zolldeal, der bis 31. März stehen soll, gefährdet ist?
Die offizielle Schweiz hat für alle sichtbar Angst und ist auf die US-Zölle fixiert. Die Währungsproblematik trifft die Schweiz aber längst stärker als die Zölle. Wir sprachen vorhin über die Unabhängigkeit der SNB von der Politik…
…und die sehen Sie in Gefahr?
Wo war das Fed bei dieser Sitzung in den USA? Das riecht nach einem Deal, den die SNB eingegangen ist, um den möglichen Zolldeal bis Ende März ja nicht zu gefährden. Mir scheint: Die SNB ist zwar unabhängig von der Schweizer Politik, aber nicht vom Oval Office. Die Nationalbank hat die Unabhängigkeit geopfert – für den Zolldeal.
Ein happiger Vorwurf.
Die SNB könnte ihn ja aus der Welt räumen. Aber sie schweigt. Duckt sich weg. Das passt ins grosse Bild der aktuellen Schweizer Politik. Während Trump die Industrie zurück in die USA holen will und der amerikanische Aussenminister Marco Rubio kürzlich an der Münchner Sicherheitskonferenz die Europäer vor der Deindustrialisierung warnt, sind wir Schweizer, die Champions eines erfolgreichen Industriestandorts, auf bestem Weg, unsere eigene Schweizer Industrie zu opfern. Weil der Mut zu kämpfen fehlt.
PATRIK MÜLLER UND WERNER DE SCHEPPER/
«BIELER TAGBLATT»



