An diesem grauen Februarnachmittag wirkte die Start- und Landebahn des Flughafens Gstaad ungewöhnlich still – bis man Tarmak22 betrat. Dort fand sich ein stetiger Strom von Gästen zur Vernissage von Picasso: Maler und Modell, Reflections by Naomi Campbell, ein. Es war ...
An diesem grauen Februarnachmittag wirkte die Start- und Landebahn des Flughafens Gstaad ungewöhnlich still – bis man Tarmak22 betrat. Dort fand sich ein stetiger Strom von Gästen zur Vernissage von Picasso: Maler und Modell, Reflections by Naomi Campbell, ein. Es war offensichtlich, dass sich an diesem Tag viele für die Kunst statt für die Skipisten entschieden hatten.
Schon der Ort selbst verdient Aufmerksamkeit. Tarmak22, untergebracht in einem Flughafenhangar, hat sich rasch als ungewöhnlicher, zugleich jedoch passender Kulturort etabliert. Mit Flugzeugen, die nur wenige Meter entfernt parken, entsteht ein spannungsreicher Kontrast zwischen alpiner Infrastruktur und Blue-Chip-Kunst. Für die Ausstellung wurde der Raum verwandelt: Die Wände in einem sorgfältig gewählten, gedämpften Farbton gestrichen, der Picassos Leinwände wärmt und das Licht weicher erscheinen lässt – ein kluger Gegenpol zum flachen Winterhimmel draussen.
Spätwerk im Fokus
Die Ausstellung, die noch bis am 15. März läuft, vereint ausgewählte Gemälde aus Pablo Picassos später Serie «Le Peintre et son modèle» (1963–65). Die Werke zeigen einen Künstler an der Staffelei, der ein weibliches Aktmodell (Person, die nackt oder teilweise unbekleidet für Künstler:innen posiert) malt – weithin verstanden als Darstellung Picassos selbst und seiner zweiten Ehefrau Jacqueline Roque. Entstanden im letzten Lebensjahrzehnt des Künstlers, wirken diese Leinwände unmittelbar, beinahe reduziert. Kräftige Konturen, starke Farbkontraste und eine Direktheit, die den Austausch zwischen Maler und Modell zum eigentlichen Thema macht.
Blick und Gegenblick
Jacqueline Roque, die Picasso 1961 heiratete, wurde zu einer der am häufigsten dargestellten Frauen in seinem Œuvre. In diesen Gemälden ist sie keine passive Erscheinung. Mit festem Blick tritt sie dem Künstler und uns gegenüber. Die Dynamik zwischen Schöpfer und Muse erscheint nicht dekorativ, sondern aufgeladen und kollaborativ. Auch ohne theoretische Überlagerungen stellt sich eine einfache und zugleich fesselnde Frage: Wer beobachtet hier eigentlich wen?
Stimme der Muse
Die Präsentation in Gstaad wird von Reflexionen Naomi Campbells begleitet, die über ihre Erfahrungen als Model und Muse gesprochen hat. Campbell war bei der Eröffnung zwar nicht anwesend (eine Entscheidung, die den Organisatoren praktisch gesehen wohl aufwendige Massnahmen zur Besucherlenkung ersparte), doch ihre Perspektive verleiht der Ausstellung eine zeitgenössische Stimme. Nach Jahrzehnten vor der Kamera spricht sie über Vertrauen, Neuerfindung und die subtile Macht jener Person, die betrachtet wird.
Kunst im Hangar
Im Tarmak22 jedoch bleibt der Fokus klar auf Picasso gerichtet. Der Flughafen als Ausstellungsort verankert die Schau zugleich in der lokalen Landschaft. Die Gäste trafen in Wintermäntel gehüllt ein, manche direkt aus dem Dorf, andere vielleicht gerade erst gelandet. Drinnen war die Atmosphäre warm, konzentriert und neugierig. Gespräche bewegten sich mühelos zwischen Kunstgeschichte und Alltagsleben – genau jene Art von Austausch, die Gstaads wachsender Kulturkalender fördert.
Leise Strahlkraft
Dass eine so präzise kuratierte Picasso-Ausstellung in einem ehemaligen Flugzeughangar im Saanenland zu erleben ist, zeugt vom stillen Ehrgeiz der regionalen Kunstszene. An diesem besonderen Nachmittag brauchte es keine grossen Gesten. Die Gemälde erfüllten den Raum.
JEANETTE WICHMANN/GSTAADLIFE
INS DEUTSCHE ÜBERSETZT VON PAM