Zwischen Kuhstall und Teeraum: Wie Alexandre de Betak eine Saaner Scheune in einen Lichtraum verwandelt
20.02.2026 KulturIm winterlichen Saanen, etwas oberhalb der Eggli-Talstation, leuchtet seit dieser Woche ein Schürli in ungewohntem Glanz. Dort, wo sonst Heu lagert und Kühe überwintern, hat der französische Designer und Szenograf Alexandre de Betak eine begehbare Lichtinstallation ...
Im winterlichen Saanen, etwas oberhalb der Eggli-Talstation, leuchtet seit dieser Woche ein Schürli in ungewohntem Glanz. Dort, wo sonst Heu lagert und Kühe überwintern, hat der französische Designer und Szenograf Alexandre de Betak eine begehbare Lichtinstallation geschaffen.
CLAUDIA HEINE
Alexandre De Betak kam nicht wegen eines Kunstprojekts ins Saanenland, sondern seiner Tochter zuliebe: Die achtjährige Sakura besucht im Winter die Lovell School. Erst mit diesen regelmässigen Aufenthalten habe er verstanden, wie besonders die Region sei, erzählt der französische Designer und Szenograf – weniger wegen der Chalets der Zweitwohnungsbesitzer, als wegen der vielen kleinen Ställe und Scheunen, die das Landschaftsbild prägen.
Er bewundert, wie konsequent die lokale Architektur geschützt wird: Hier kann man nicht einfach bauen, was man will, egal wie gross das Budget ist. Diese Haltung, sagt de Betak, sei der Grund, weshalb er sich in das Tal «aus Respekt» verliebt habe.
Eine Scheune wird zum Palazzo
Die Scheune in Saanen, in der seine Installation während der Gstaad Art Week zu sehen ist, gehört der Familie Bach. De Betak erzählt, wie er im letzten Winter an vielen leeren Ställen klopfte – «es war niemand da, weil keine Kühe da waren» – und schliesslich mit Willy und Christiane Bach sowie Timon Zimmermann ins Gespräch kam.
Sie hätten sein Vorhaben sofort unterstützt und ihm den Stall überlassen. Für de Betak ist dieses Schürli ein Palazzo: ein ebenso würdevoller Ort wie ein venezianischer Stadtpalast, nur eben in Holz, mit Heuboden und Kuhständen.
Japanischer Teeraum über dem Kuhstall
Die typische Zweiteilung der Scheune – oben Heu, unten Tiere – wird zum Ausgangspunkt der Installation. Im oberen Stockwerk entwickelt de Betak einen abstrahierten Chashitsu, den Raum der japanischen Teezeremonie: Ein Raster aus Licht, Spiegeln und Schatten deutet die Geometrie des Teeraums an, eine Öffnung im Hintergrund erinnert an die Feuerstelle, an der das Wasser erhitzt wird.
Im unteren Bereich, wo normalerweise die Kühe stehen, setzt er einen Torii – das charakteristische Tor japanischer Schreine – in Beziehung zu den erhaltenen Fressplätzen. Die ursprüngliche Struktur der Kuhstände wurde bewusst restauriert und sichtbar belassen; so wird der Lebensraum der Tiere Teil der künstlerischen Erzählung.
Von London ins Saanenland – und weiter nach Japan
Die Saaner Scheune ist nicht de Betaks erstes Experiment mit Licht und Architektur. In London präsentierte er bereits während der Kunstmesse Frieze eine Installation mit ähnlichen Lichtstrukturen in seinem Atelier. Auch dort ging es darum, einen historischen, eher bescheidenen Ort in einen Atmosphärenraum aus Licht, Spiegelungen und Reflexion zu verwandeln.
Die Kunstinstallation in Saanen bildet nun die nächste Station dieser Reise. Als nächsten Schritt plant de Betak, das Projekt in die japanischen Berge zu bringen: Wieder soll ein ländlicher, traditioneller Bau zum Resonanzraum zwischen alpiner und japanischer Architektur werden – diesmal mit einem «bernischen Akzent», wie er anmerkt. Parallel arbeitet er an freistehenden Lichtskulpturen, die wie kleine Gebäude funktionieren und künftig in sehr unterschiedlichen Kontexten auftauchen könnten.
Zukunftspläne: ein wandernder Dialog aus Licht
Im Gespräch macht de Betak deutlich, dass er seine Arbeit im Saanenland als Auftakt zu einem längerfristigen Vorhaben versteht. Die Installation in der Scheune sei eine Art Vorschau auf das, was er im Rahmen der kommenden Biennale in Venedig in grösserem Massstab weiterdenken möchte: ein fortlaufender Dialog zwischen Licht, Raum und historischer Architektur, der an unterschiedlichen Orten der Welt neue Formen annimmt.
Er spricht von «Freiheit und keiner Regel», einem roten Faden im Werk, der sich von London über Saanen bis nach Japan ziehen soll. Mal als In-situ-Installation in bestehenden Gebäuden, mal als eigenständige Lichtarchitektur, die in Kontrast zu ihrer Umgebung tritt – entscheidend ist für ihn, dass immer ein Gespräch entsteht: zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen ländlicher Alltagsarchitektur und zeitgenössischer Kunst.
Bürolicht, das wärmt – und Ställe, die Liebe brauchen
Besonders reizt de Betak das Spiel mit einem Lichttyp, den man sonst kaum mit Poesie verbindet: den langen Röhren aus klassischen Bürodecken. Er liess Leuchten anfertigen, die formal an diese nüchternen Lampen erinnern, sie aber in eine warme, fast meditative Lichtquelle verwandeln. Am Abend werden die Lichttöne weicher, der Stall taucht in ein schmeichelndes Leuchten, in dem Holz, Spiegelbilder und Besucher:innen verschmelzen.
Hinter dem Projekt steht auch eine Sorge: Die Scheunen bzw. Schürli sind zwar solide gebaut, könnten aber eines Tages verfallen, wenn sie niemand mehr braucht oder beachtet. «Sie brauchen Liebe», sagt de Betak – Aufmerksamkeit, Nutzung, Geschichten, die sich in ihnen abspielen. Mit seiner Installation will er genau das anstossen: einen neuen, liebevollen Blick auf jene einfachen Bauten, die das Saanenland so unverwechselbar machen.





