Am Sonntag, 22. Februar, fand im traditionellen Schweizer Käsereichalet in Gstaad die eintägige Pop-up-Ausstellung «Pow(d)er» statt. Bereits zum zweiten Mal organisierte der Schweizer Non-Profit-Verein art+château, der seit 2020 zeitgenössische Kunst in ...
Am Sonntag, 22. Februar, fand im traditionellen Schweizer Käsereichalet in Gstaad die eintägige Pop-up-Ausstellung «Pow(d)er» statt. Bereits zum zweiten Mal organisierte der Schweizer Non-Profit-Verein art+château, der seit 2020 zeitgenössische Kunst in historischen und traditionellen Räumen ausserhalb des «White Cube» präsentiert und lokale Kontexte mit internationalen Perspektiven verbindet, ein Projekt im Rahmen der Gstaad Art Week in Gstaad.
IRINI PAPANDREOU
Das Ausstellungsprojekt widmete sich den historischen Verflechtungen von Süsse und Gewalt, Verführung und Kontrolle innerhalb kolonialer Systeme von Extraktion und Macht.
Ausgehend von Arbeiten der Künstler:innen Pavel Aguilar, Nicolas Christol und Lucía Moure untersuchte «Pow(d)er» Materialien wie Kakao, Schiesspulver und Kokablätter als Träger globaler kolonialer Geschichten. Diese Substanzen wurden in der Ausstellung als historisch und politisch aufgeladene Stoffe sichtbar – begehrt, reguliert und zugleich eng mit Ausbeutung, Gewalt, Spiritualität und Kontrolle verbunden. Pulver fungierte dabei als zentrale Metapher zwischen Zartschmelz und Zerstörung.
Der Ausstellungsort, das alpine Chalet Bächlihof, traditionell mit Handwerk, Reinheit und lokaler Identität verbunden, bildete einen bewussten Kontrast zu den globalen Machtverhältnissen, die in den gezeigten Arbeiten thematisiert wurden. Gerade in dieser räumlichen Spannung entfaltete das Projekt seine kritische Dimension.
Kakao als Klangkörper kolonialer Erinnerung
Pavel Aguilars Werk «The Golden Rhythm» setzte sich mit der kolonialen Geschichte des Kakaos auseinander und verband Klang, Materialität und Erinnerung. Im Zentrum standen vergoldete Quijadas – ein traditionelles Perkussionsinstrument aus dem Kieferknochen eines Esels – die auf die Verflechtung von kolonialer Extraktion, Wertzuschreibung und kulturellem Gedächtnis verwiesen. In der Arbeit «Sweet Trading» übersetzte Aguilar zudem neun Klangfrequenzen lateinamerikanischer Rhythmen mit Kakao auf Aquarellpapier; Kakao wurde hier selbst zu Pigment, Staub und Vibration.
Wenn Gold zu Staub wird
Nicolas Christol untersuchte in «Transmutations» (2025) die symbolischen und politischen Dimensionen von Schiesspulver zwischen militärischer Zerstörung, Kolonialökonomie und Konsumkritik, unter anderem mittels zeitgenössischem Kunstschmuck als tragbarem Bildträger. Im Rahmen einer performativen Aktivierung vor Ort arbeitete er direkt mit dem untersuchten Material und machte dessen energetisches Potenzial räumlich erfahrbar. Mit «With Mercury Makes Mad» (2025) thematisierte er zudem die toxischen Folgen der Goldgewinnung: Ein Schweizer Goldbarren wurde zu Pulver zermahlen, mit Quecksilber amalgamiert und in einem Glasröhrchen versiegelt – ein Wert, der sich buchstäblich verflüchtigt.
Die Kokapflanze jenseits der Kriminalisierung
Lucía Moures «Altar de coca» widmete sich der kulturellen, rituellen und spirituellen Bedeutung der Kokapflanze jenseits westlicher Kriminalisierungsnarrative. In einer altarähnlichen Anordnung, inspiriert von andinen Kosmologien, verband sie Messing, Glas und mit Koka- und Tabakpulver versetzte Materialien. Die Arbeit unterschied klar zwischen dem Kokablatt als anzestralem Wissensträger und seiner kolonialen wie später chemischen Umdeutung.
Mit allen Sinnen
Neben Installation, Skulptur und zeitgenössischem Kunstschmuck verstand sich «Pow(d)er» als multisensorisches Erlebnis. Ein Chocolate Tasting ergänzte die Ausstellung und stellte einen nachhaltigen Zugang zur Kakaoproduktion in den Mittelpunkt – als Versuch, die Schweizer Schokoladentradition verantwortungsvoll neu zu denken.
Kuratiert von Giulia Busetti und Valentina Locatelli verzichtete «Pow(d)er» bewusst auf didaktische Eindeutigkeit und lud zur kritischen Reflexion über koloniale Kontinuitäten und globale Warenströme ein. Die Arbeit von art+château basiert wesentlich auf privater Unterstützung, Förderbeiträgen und Fundraising, die solche ortsspezifischen Projekte ermöglichen.