33 Jahre für den Strom
21.04.2026 GsteigSimon Graa gibt das Präsidium der Elektrizitätsgenossenschaft Gsteig ab. An der Generalversammlung blickte die Genossenschaft auf die Entwicklung der letzten 33 Jahre und auf ein finanziell solides Jahr 2025 zurück.
JONATHAN SCHOPFER
«Als ich das erste Mal eine ...
Simon Graa gibt das Präsidium der Elektrizitätsgenossenschaft Gsteig ab. An der Generalversammlung blickte die Genossenschaft auf die Entwicklung der letzten 33 Jahre und auf ein finanziell solides Jahr 2025 zurück.
JONATHAN SCHOPFER
«Als ich das erste Mal eine GV der Elektrizitätsgenossenschaft Gsteig besuchte, war neben mir nur noch ein weiterer Stimmberechtigter anwesend: Martin Gehret selig», blickte der abtretende Präsident Simon Graa zurück. Anders präsentierte sich die Situation am Mittwoch, 15. April: An der 78. Generalversammlung waren 42 Votanten anwesend.
Simon Graa war ab 1993 zunächst als Kassier tätig und seit 2012 als Präsident. In seinem Rückblick zeigte er auf, wie stark sich die Genossenschaft in dieser Zeit verändert hat. Sein Fazit fiel positiv aus: «Heute steht die EGG finanziell und organisatorisch prima da.» Dass für ihn nun der richtige Zeitpunkt für den Rücktritt gekommen sei, begründete Graa, der ein Flair für Zahlen hat, auch mit einer Zahlenspielerei: «Ich war 33 Jahre im Vorstand und bin nun 66 Jahre alt.»
Als neuer Präsident ist ab Juli der bisherige Vizepräsident Roger Kohli vorgesehen.
Deutliche Entwicklung seit 1993
Der Rückblick auf die Jahre seit 1993 zeigte die Veränderungen auf: Bis 2025 stieg der Stromverbrauch um rund 18 Prozent, die Stromproduktion sogar um 68 Prozent. Auch der Eigenversorgungsgrad erhöhte sich von 26 auf 52 Prozent. «Ich durfte miterleben, wie sich eine eher alte Struktur zu einer modernen entwickelt hat», sagte Graa.
Solarstrom gewinnt an Bedeutung
1993 gab es im Versorgungsgebiet der EGG noch keine Photovoltaik. Heute liefert Solarstrom einen Beitrag zur lokalen Versorgung. 2025 lag die gesamte PV-Produktion bei 582’885 kWh. Davon stammten 122’063 kWh aus eigenen Anlagen der Genossenschaft und 460’822 kWh aus Anlagen von Kundinnen und Kunden. Damit deckte die Photovoltaik zwölf Prozent des lokalen Strombedarfs.
Graa wies jedoch auch auf die Kehrseite hin: Weil Solarstrom wetterabhängig ist, wird die Strombeschaffung komplexer.
Bei wechselhaftem Wetter schwankt die Produktion stark, was von den Netzbetreibern schnelle Reaktionen verlangt. «Die Stromwelt hat sich stark verändert und wird sich weiter verändern.»
Schneereiches Frühjahr fordert das Netz
Neben den personellen Veränderungen blickte die Genossenschaft auch auf ein aussergewöhnliches Ereignis im vergangenen Jahr zurück. Der technische Leiter Stefan Walker berichtete von einem späten Wintereinbruch im April 2025, der zu Schäden am Stromnetz führte. Nasser, schwerer Schnee verursachte Störungen und beschädigte Freileitungen in mehreren Gebieten. Insgesamt gingen rund 16 Störungsmeldungen ein. Teilweise wurden Leitungen von den Masten gerissen oder Verankerungen beschädigt. «Es ist so weit gekommen, dass sogar Ankersteine bis zu 25 Zentimeter aus dem Boden gezogen wurden. Das löste eine Kettenreaktion aus. Dabei brachen fünf Stangen», schilderte Walker die Situation. Betroffen war unter anderem die Region Chasperguet im Saali.
Dank eines raschen Einsatzes konnten die meisten Haushalte noch am selben Tag wieder mit Strom versorgt werden. In einem betroffenen Gebiet entschied sich die Genossenschaft in der Folge, die beschädigte Freileitung nicht mehr zu ersetzen, sondern das Netz dauerhaft zu verkabeln.
HAUPTAUFGABEN DER ELEKTRIZITÄTSGENOSSENSCHAFT
Die 1947 gegründete Elektrizitätsgenossenschaft Gsteig (EGG) ist für die Stromversorgung und den Netzbetrieb in Gsteig und Feutersoey zuständig. Sie produziert unter anderem mit zwei Wasserkraftwerken eigenen Strom. Reicht die Eigenproduktion nicht aus, bezieht sie Energie vom Partner BKW. Umgekehrt verkauft sie diesem Strom, wenn Überschüsse anfallen. Dabei muss im Netz jederzeit ein Gleichgewicht zwischen Produktion und Verbrauch gewährleistet sein.
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ZAHLEN UND FAKTEN
Alle Traktanden wurden an der GV genehmigt. Die Jahresrechnung 2025 der Elektrizitätsgenossenschaft Gsteig sah folgendermassen aus. Der Stromverkauf belief sich auf rund 1,22 Millionen Franken. Nach Abzug der Kosten für Strom, Netznutzung, Unterhalt, Abschreibungen und Steuern resultierte ein Gewinn von 80’715 Franken. Die Genossenschaft ist nach der Rückzahlung der letzten Hypothek über 750’000 Franken wieder schuldenfrei. Ende Jahr verfügte sie über flüssige Mittel von rund 1,2 Mio. Franken und über Finanzanlagen von 715’000 Franken sowie Rückstellungen von 1,2 Millionen Franken.
Vom Bilanzgewinn werden fünf Prozent Zins auf das Genossenschaftskapital ausbezahlt, was rund 1195 Franken entspricht. Der verbleibende Gewinn von gut 80’700 Franken wird dem Eigenkapital zugewiesen.
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«Ich habe schon immer gerne Buchhaltung geführt»
Seit 1993 war Simon Graa für die Elektrizitätsgenossenschaft Gsteig tätig, zuletzt als Präsident. Im Gespräch erzählt er über seine Höhepunkte und den Wandel in der Stromwelt.
JONATHAN SCHOPFER
Simon Graa, Sie waren von 1993 bis 2012 Kassier und danach Präsident. Welche Erlebnisse sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Ein Meilenstein war sicher die Gesamterneuerung des Kraftwerks. Wir haben die Anlage 2014 und 2015 von Grund auf neu gebaut. Nicht nur das Maschinenhaus, sondern das ganze Kraftwerk inklusive Wehr wurde erneuert.
Was hat Sie damals gereizt, zuerst das Amt als Kassier und später jenes als Präsident zu übernehmen?
Ich habe schon immer gerne Buchhaltung geführt. Zudem wollte ich das System neu aufbauen.
Was zum Beispiel?
Die Einführung der EDV (Elektronische Datenverarbeitung, Anm. der Redaktion). Das war übrigens auch ein weiterer Meilenstein für mich. Zusammen mit einem Programmierer konnten wir ein System entwickeln, das zu unseren Bedürfnissen passte. Ich war noch nie so stark an der Entwicklung eines Informatik-Programms (Software) beteiligt. Das war faszinierend. Es war zwar viel Arbeit, auch nachts, aber es hat Spass gemacht.
Und was resultierte daraus?
Das zeigte sich zum Beispiel darin, dass die Stromrechnungen neu elektronisch verarbeitet und erstellt werden konnten. Die Digitalisierung begann damals gerade erst.
Wo sehen Sie die Vorteile der Elektrizitätsgenossenschaft Gsteig gegenüber einem grossen Anbieter?
Der Vorteil ist sicher, dass wir unsere finanziellen Mittel hier zum Wohl der Bevölkerung einsetzen können. Wir investieren in den Ausbau und Unterhalt des Stromnetzes. Wir sind keinem Aktionär verpflichtet, eine möglichst hohe Rendite zu erzielen. Unser Ziel ist es, für die Bewohner:innen unserer Gemeinde das Beste zu machen und eine gute Stromversorgung sicherzustellen. Wir sind unabhängig, und die Genossenschaft wird nicht von wenigen Einzelnen beherrscht.
Die Strompreise waren in der Schweiz die letzten Jahre aufgrund der weltpolitischen Lage immer wieder ein Thema. Wie haben Sie diese Phase erlebt?
Wir haben das intensiv im Vorstand diskutiert. Wir sahen am Anfang des Ukraine-Krieges, wie der Strompreis stark anstieg und mussten entscheiden, ob wir einkaufen oder noch zuwarten. Wir haben, wie in den Vorjahren, etappenweise Strom eingekauft und zum Glück nicht zum höchsten Preis. Im Nachhinein hätte man zwar teilweise noch günstiger einkaufen können, aber das wusste in diesem Moment niemand. Deshalb haben wir in den letzten zwei Jahren den Strom zeitweise günstiger verkauft, als wir ihn eingekauft hatten. Das konnten wir uns leisten, und wir wollten nicht, dass unsere Kundinnen und Kunden viel mehr bezahlen müssen als anderswo. Das wäre nicht in unserem Sinn gewesen.
Wie liefen diese Entscheide konkret ab?
Wir hatten innerhalb des Vorstands eine Whatsapp-Gruppe. Wenn ein Angebot kam, hatte man etwa eine Viertelstunde Zeit, um zu reagieren und zu entscheiden, ob man zu diesem Preis Strom kaufen wollte oder nicht. Wenn die Mehrheit dafür war, habe ich den Kauf ausgelöst. Das brauchte schon Nerven.
Worin sehen Sie grundsätzlich die energiepolitische Herausforderung der Zukunft?
Die grosse Herausforderung ist aus meiner Sicht, wie man Sonnenstrom speichern kann. Photovoltaikstrom ist gut, aber man kann ihn heute noch nicht in genügend grosser Menge vom Sommer in den Winter hinüberretten. Im Moment sind Stauseen dafür eigentlich die beste Batterie. Das Thema ist insgesamt sehr spannend und wird immer komplexer, je tiefer man hineinschaut.
Spürt die Genossenschaft in der Bevölkerung Rückhalt?
Ich denke schon. Früher gab es vereinzelt auch kritische Stimmen. Das haben wir heute schon länger nicht mehr in diesem Mass. Ich glaube, man nimmt wahr, dass wir unser Bestes geben, damit die Stromversorgung gut funktioniert. Früher gab es noch Situationen, in denen die Stromversorgung schwächer war. Wenn jemand eine Melkmaschine einschaltete, flackerte es anderswo. Das haben wir in den letzten Jahren stark verbessert.
Warum ist für Sie jetzt der richtige Zeitpunkt für den Rücktritt gekommen?
Eigentlich wollte ich mit 65 Jahren aufhören. Wegen der Umstände ist es nun ein Jahr später geworden. Mir war wichtig, dass ich selber entscheiden kann, wann ich gehe, und nicht erst dann, wenn man irgendwann aus dem Vorstand verabschiedet werden muss.
Mit welchem Gefühl treten Sie zurück?
Mit einem sehr guten Gefühl. Die Genossenschaft ist gut aufgestellt, und ich kann deshalb beruhigt zurücktreten. Ich freue mich auch darauf, wieder etwas mehr freie Zeit zu haben. Im Moment ist meine Agenda zwar noch immer recht voll. Wir haben ein gutes Team. Irgendwann muss man aufhören, und ich habe das Gefühl, jetzt passt es.








