Chrigel Maurer: «Ich hänge lieber hoch oben an einem Gleitschirm...»
30.01.2026 GstaadIn einem spannenden Vortrag erzählte der Gleitschirmprofi Chrigel Maurer im Turbach von seinen letzten beiden Abenteuern, der Besteigung aller 82 Viertausender der Alpen nur zu Fuss und mit dem Gleitschirm sowie dem Abenteuerrennen X-Alps.
MARTINA HALLER
Bis ...
In einem spannenden Vortrag erzählte der Gleitschirmprofi Chrigel Maurer im Turbach von seinen letzten beiden Abenteuern, der Besteigung aller 82 Viertausender der Alpen nur zu Fuss und mit dem Gleitschirm sowie dem Abenteuerrennen X-Alps.
MARTINA HALLER
Bis zum letzten Platz war die Turnhalle des Schulhauses Turbach gefüllt, als die Dorforganisation Turbach letzten Freitag zu einem Vortragsabend einlud. Pünktlich um 20 Uhr betrat Chrigel Maurer unter grossem Applaus das Podest neben der riesigen Leinwand. Von Anfang an gewann der international bekannte Wettkampfgleitschirmpilot aus Adelboden das Publikum für sich, indem er in seiner kurzen persönlichen Einleitung auch humorvolle Anekdoten erzählte. So berichtete er, dass er als Kind mit seiner Familie oft bergsteigen und wandern ging, darin jedoch lange keinen Sinn sah, weil man nach dem Erreichen des Gipfels wieder mühsam absteigen musste.
82 Viertausender zu Fuss und mit dem Gleitschirm
Fokus des Vortragsabends war sein Projekt «X-Peaks». Die Idee kam von Maurers Freund Peter von Känel, Bergführer und Gleitschirmpilot aus Frutigen. Warum nicht versuchen, alle 82 Viertausender der Alpen während einer einzigen Sommersaison von zu Hause aus zu besteigen, nur zu Fuss und mit dem Gleitschirm?
Maurer, der mittlerweile mehr Begeisterung fürs Bergsteigen zeigte als noch als Kind, war von der Idee angetan und so definierten sie zusammen die Regeln für das Projekt, unter anderem «Start von zu Hause in Frutigen, Ziel ebenfalls» oder «Bei Schlechtwetter Möglichkeit zur temporären Heimreise per ÖV, bei Wetterbesserung erneute Anreise zum Ausgangsort».
Zum Start des Abenteuers am 10. Juni 2024 war das Wetter so schlecht und es lag noch sehr viel Schnee, dass die beiden spontan entschieden, die Tourenskiausrüstung mitzunehmen und trotzdem zu starten. «Wir probieren mal…», entpuppte sich bereits am ersten Tag als richtige Einstellung. Via Kandersteg, Gasterntal und Lötschental schafften sie es trotz ungünstiger Bedingungen zur Oberaletschhütte und am nächsten Morgen aufs Aletschhorn, den ersten Viertausender. So nahm das Abenteuer seinen Lauf.
Viele Lacher aus dem Publikum erntete Chrigel Maurer, als er erzählte, dass er sich auf ausgesetzten Gräten überhaupt nicht wohlfühle, sondern lieber hoch oben an einem Gleitschirm hänge. Oder als er das Video einer Punktlandung mit Ski auf einem winzig kleinen Schneeflecken zeigte und meinte, von Känel sei ein bisschen weiter drüben auf dem Gras gelandet, das sei auch kein Problem gewesen.
In Saas-Fee war das Wetter so schlecht, dass sie zu Fuss ins Tal hinunter mussten – mit Schirm und Ski am Rücken besonders hart. Insgesamt hatten sie aber von 38 Tagen am Berg nur zwei Schlechtwettertage. Nach 30 Gipfeln tauschten sie die Tourenski gegen die Bergsteigerausrüstung. Die Grand-Jorasse-Überschreitung gelang ihnen in zwölf Stunden zu Fuss mit anschliessendem zwölfminütigen Rückflug zur Hütte. Den Piz Bernina bestiegen sie in 15 Minuten, weil sie knapp unter dem Gipfel landen konnten. Zum krönenden Abschluss des Abenteuers flogen die beiden von unterhalb des Lauteraarhorns zur Mönchsjochhütte und bestiegen von dort aus die Jungfrau. Wie zu Beginn geträumt, gelang auch der emotionale Rückflug direkt nach Frutigen, wo sie von vielen Menschen frenetisch empfangen wurden.
Achtmaliger X-Alps-Gewinner
Im zweiten Teil erzählte Maurer vom Abenteuerrennen Red Bull X-Alps, welches in der Ausgabe 2025 als Rundkurs ausgelegt war, in Kitzbühel startete und via St. Moritz nach Les Deux Alpes (F) und von dort zurück nach Zell am See ging. Es galt, in maximal zwölf Tagen die 1283 Kilometer nur zu Fuss oder mit dem Gleitschirm zurückzulegen, an 16 vorgegebenen Turnpoints zu signieren und drei Klettersteige zu absolvieren.
Maurer hatte zuvor bereits achtmal an diesem Rennen teilgenommen und es achtmal gewonnen. Diese Ausgabe aber sollte zu seinem härtesten X-Alps-Abenteuer werden. Bereits zum Start waren Gewitter angesagt und es war unklar, ob die Entscheidung der Rennleitung, das Rennen trotzdem weiterlaufen zu lassen, in Ordnung war. Auf dem ersten Gipfel erwischte Maurer einen Stromschlag von einem Blitz, was ihn sehr nachdenklich stimmte, insbesondere als er am nächsten Tag erfuhr, dass am gleichen Tag in der Nähe drei Bergsteiger von einem Blitz tödlich verletzt wurden.
Während des nachfolgenden Hagelgewitters konnten Maurer und seine Konkurrenten in einer Hütte Unterschlupf finden und anschliessend ins Tal fliegen. Sie kassierten aber eine Zeitpenalty wegen eines Regenfluges.
Die Stimmung war nach alldem komisch und einige Teilnehmer entschieden sich zum Abbruch des Rennens. Maurer beschloss, weiterzumachen, obwohl er zwischenzeitlich begonnen hatte, an der Sinnhaftigkeit des Anlasses zu zweifeln. «The Show must go on», sagte sich der Veranstalter – doch wie gross darf das Risiko sein, das jeder Einzelne dabei auf sich nimmt? Zudem stellte sich heraus, dass Maurers Material nicht wie gewünscht funktionierte. Immer wieder konnte er die Thermik nicht gleich ausnützen wie seine Konkurrenten, was an seinem Selbstvertrauen nagte.
Er beendete das Rennen schliesslich auf dem vierten Platz und war froh, überhaupt ins Ziel gekommen zu sein. Insgesamt beendeten nämlich nur 21 von 35 Teilnehmern den Wettkampf. «Nach einem solchen Abenteuer ist die Rangierung zweitrangig. Ich habe währenddessen sehr viel über mich selbst gelernt», sagte Maurer. Augenzwinkernd meinte er, dass er ja einfach bei der nächsten Ausgabe wieder mitmachen könne.
Mit tosendem Applaus wurde Chrigel Maurer nach zwei spannenden Stunden verabschiedet.
CHRIGEL MAURER IM INTERVIEW
«Erfolg ist nicht nur eine Zahl oder ein Rang»
INTERVIEW: MARTINA HALLER
Welchen Bezug haben Sie zum Saanenland?
Die Rennstrecke Niesen–Lauenenhorn– Wispile ist mir natürlich sehr bekannt. Früher, als junger Pilot, hatte man etwas Respekt davor, weil der Rückflug so lange dauerte und nicht immer gelang. Das war eine Herausforderung.
Gibt es Spots in der Region, die Sie zum Fliegen besonders mögen?
Die Strecke Niesen–Wispile kann man natürlich noch Richtung Col du Pillon verlängern, das ist sehr schön. Oder die Wildhornhütte ist auch immer grossartig. Aber die zählt wohl nicht mehr zum Saanenland (lacht).
Was hat das Berner Oberland für eine Bedeutung für den Flugsport?
Es ist naheliegend, dass man hier fliegt. Die Berge sind so nah und gut erschlossen mit Bergbahnen und ÖV. Das lockt viele Menschen in die Luft.
Sie halten schon lange diese Vorträge. Was reizt Sie daran?
Ja, ich habe 2009 im Zuge der X-Alps, damit angefangen. Es kam daher, dass mich immer viele Leute fragten, wie ich es gemacht habe und wie es gewesen sei. Ich habe damals eigentlich nicht gerne vor Leuten gesprochen, aber mit den Vorträgen konnte ich einfach die Bilder zeigen und frei von der Leber weg erzählen. Als mit der Zeit der Erfolg kam, habe ich gemerkt, dass ich so auch eine Vorbildfunktion übernehmen kann. Es ist mir zum Beispiel auch wichtig zu zeigen, dass Erfolg nicht nur eine Zahl oder ein Rang ist, sondern bedeutet, fähig zu sein, seine Strategien anzupassen, den Fokus zu verschieben oder seine Einstellung zu ändern. Was wir alles bei den letzten X-Alps tun mussten, weil es nicht optimal lief.
ZUR PERSON
Christian Maurer, bekannt als «der Adler von Adelboden», gehört zu den erfolgreichsten Gleitschirmpiloten der Welt. Der 44-Jährige wuchs in Adelboden auf und lebt heute in Frutigen. Mit dem Gleitschirmfliegen begann er 1998 im Alter von 16 Jahren, bereits ein Jahr später stieg er in den Wettkampfsport ein.
Seither hat Maurer eine aussergewöhnliche Karriere aufgebaut. Er wurde einmal Europameister und dreimal Weltmeister, gewann viermal das legendäre X-Pyr-Rennen und konnte sieben Schweizermeistertitel sowie elf Weltcupsiege feiern. Besonders prägend ist seine Dominanz beim härtesten Gleitschirmabenteuer der Welt: Das Red Bull X-Alps entschied Maurer insgesamt achtmal für sich.
MARTINA HALLER





