90-Prozent-Vegetarierin
17.04.2026 KolumneRANDNOTIZ
SONJA WOLF
Ja, so würde ich mich bezeichnen. Ob es so etwas überhaupt gibt? Vegetarier oder Veganer sind ja eigentlich immer superkonsequent. 100 Prozent. Und werden dafür von den Allesessern gerne als ein wenig fanatisch belächelt. ...
RANDNOTIZ
SONJA WOLF
Ja, so würde ich mich bezeichnen. Ob es so etwas überhaupt gibt? Vegetarier oder Veganer sind ja eigentlich immer superkonsequent. 100 Prozent. Und werden dafür von den Allesessern gerne als ein wenig fanatisch belächelt. «Flexitarier» traf vielleicht eine Weile auf mich zu, jetzt aber auch nicht mehr richtig.
Eigentlich war es bei mir schon immer so, dass ich keine Freudentänze aufgeführt habe, wenn die ganze Familie im argentinischen Steakhouse essen gehen wollte. Oder wenn einer aus meiner griechischen Verwandtschaft in der Taverne gleich fünf Hähnchen vorbestellte – vollgestopft mit jener speziellen Festtagsfüllung, für die das Lokal bekannt ist. Fleisch war einfach nicht mein Lieblingsessen.
So richtig verleidet wurde es mir aber erst im letzten Monat – in der «Boqueria», dieser berühmten Foodhall in Barcelona. Mein Mann steuerte direkt auf einen Stand zu, der seine anatomische Neugier weckte. In der Auslage stapelten sich alle möglichen Organe und Körperteile von Rindern. Er fing sogar an, mich abzufragen: Was ist das? Und schau, weisst du, was das ist? Magen auf Magen, Lunge auf Lunge, Speiseröhre auf Speiseröhre, Hoden auf Hoden. Einfach alles, was man sonst beim Metzger nicht so häufig sieht, fein säuberlich aufeinandergetürmt. Wie im Albtraum suchte ich fieberhaft den nächsten Ausgang – und musste draussen erst einmal eine Runde weinen. Auch das ist typisch für mich. Schon als Kind habe ich geheult, wenn einem Tier im Fernsehen etwas Ungerechtes widerfuhr.
Barcelona blieb nicht ohne Folgen. Mein sowieso schon bescheidener Tierkonsum hat sich seit diesem fast traumatischen Erlebnis noch ein wenig weiter reduziert. Vegetarisch koche ich eh schon lange, habe aber immer brav gegessen, wenn mein Mann uns etwas Tierisches zubereitet hat. Damit ist jetzt (fast) Schluss. Denn ich kann mich gar nicht mehr von dem Gedanken lösen, auf einem toten Tier herumzukauen...
Automatisch kommt mir bei Fleischgerichten Tuppi, das putzige Pommeranian-Hündchen meiner Schwägerin, vor Augen, das jeden Winter über die Feiertage bei uns wohnt. Die allgemein gängige Unterscheidung zwischen «essbaren» und «süssen» Tieren bekomme ich gedanklich nicht mehr hin.
Mein Mann hat sich angepasst und kauft Fleisch und Fisch inzwischen nur noch für sich. Und freut sich ansonsten an meinen Veggie-Gerichten. Ist in einer seiner Chefkreationen dann dennoch etwas kleines Tierisches miteingekocht, lasse ich ihm das aber durchgehen. Ganz konsequent bin ich also nicht. Vielleicht trifft die Bezeichnung ganz gut: 90-Prozent-Vegetarierin.
sonja.wolf@anzeigervonsaanen.ch
