Reise nach Venedig
26.07.2024 KulturZusammen mit dem Kammerorchester Basel nahm Anastasia Kobekina das Publikum des Gstaad Menuhin Festival & Academy mit auf eine Traumreise nach Venedig. Sie führte durch den Wandel der Zeit, liess verschiedene Stimmungen aufkommen und Bilder der Lagunenstadt vor dem inneren Auge erscheinen. Die Musik wurde begleitet von visuellen Eindrücken des Videokünstlers René Liebert, der sich insbesondere mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzte.
MARIE-LINE MICHEL
«Venezia and beyond» ist eine Ode an Venedig, die berühmte italienische Lagunenstadt. Als Teil der Konzertreihe «Music for the Planet» setzt sich das Programm mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinander. So wurde das Konzert des Gstaad Menuhin Festival & Academy in der Kirche Saanen zu einem audiovisuellen Erlebnis mit vielen Eindrücken.
Traumreise nach Italien
Venedig, die romantische Stadt mit den Gondolieri, die in ihren Gondeln über die Lagunen gleiten, mit dem Markusplatz und den unzähligen Brücken… Im Laufe der Jahrhunderte hat die Stadt unzählige Künstlerinnen und Künstler in ihren Bann gezogen. So auch die russische Cellistin Anastasia Kobekina. Wie sie im Musikmagazin von Radio SRF erzählt, war sie verzaubert, als sie die Stadt ihrer Sehnsüchte 2020 endlich besuchen konnte. Am liebsten wäre sie viel öfter dort. Doch da dies physisch nicht möglich ist – die 29-jährige Cellistin ist viel unterwegs und hat Engagements auf der ganzen Welt –, hat sie einen anderen Weg gefunden: Durch ihr neues Album hat sie «ihrem» Venedig eine Melodie gegeben. Mit dem Konzert «Venezia and beyond» lädt sie das Publikum ein, sie auf ihrer Traumreise zu begleiten.
Eine Stadt im Wandel
Venedig ist eine Stadt mit vielen Gesichtern und einer jahrhundertealten Geschichte. Natürlich sind Antonio Vivaldi, Antonio Sartorio und Alessandro Marcello Teil davon. Doch Anastasia Kobekina hat nicht nur die venezianischen Komponisten aus dem Barock im Ohr, wenn sie an Venedig denkt. Sie kombiniert in ihrem Programm Stücke aus verschiedenen Jahrhunderten, venezianische Künstlerinnen und Künstler mit zeitgenössischen Musikerinnen und Musikern aus der ganzen Welt. Mal lustig und fröhlich, mal nachdenklich und melancholisch, hat sie auf diese Weise ihre eigene Wahrnehmung von Venedig vertont.
Wie jede Stadt ist auch Venedig stetig im Wandel. Diese Transformation – das Thema des diesjährigen Gstaad Menuhin Festivals – war am Dienstagabend besonders spürbar. Denn die Stücke wechselten von Allegro zu Adagio, und eben noch eine sanfte Melodie spielend, wurden Violine, Cello und Cembalo plötzlich zu Perkussionsinstrumenten.
In ihrem Konzert ist es Anastasia Kobekina gelungen, die Zuhörerinnen und Zuhörer auf ihre Reise mitzunehmen. Man sah den Markusplatz vor sich, mal gefüllt mit plaudernden Menschen, umgeben von lustigem Treiben und flatternden Tauben. Vor dem inneren Auge konnte man beobachten, wie jemand in der Dämmerung allein und in Gedanken versunken über den nun menschenleeren Platz spazierte. Plötzlich war da ein Schatten – war es ein Dieb, ein Trunkenbold oder einfach nur eine Katze? Schon brach der neue Tag an und das fröhliche Treiben begann von Neuem.
Begleitet wurde die Musik von visuellen Eindrücken auf einer Leinwand hinter dem Orchester. Mal plätscherten Wellen sanft vor sich hin, Schiffe bewegten sich fast unmerklich auf den Kanälen, die venezianischen Gebäude nahmen plötzlich Farbe an… Immer wieder wurden Zitate von Marco Polo und Kublai Khan eingeblendet, während sich die Bevölkerungszahl von Venedig laufend veränderte, die auf der Wand über dem Orchester projiziert war.
Der Wandel der Zeit
Das audiovisuelle Erlebnis an diesem Abend war wie eine Analogie zum Wandel der Zeit, der uns alle manchmal überfordert. Wie auch im echten Leben passierte so viel, dass man sich gar nicht auf alles gleichzeitig fokussieren konnte. Eben hat man noch einer wunderschönmelancholischen Melodie gelauscht, da fielen einem plötzlich die Baumstämme auf, die nun nicht mehr als Bäume im Wald standen, sondern auf einem Schiff transportiert wurden. Oder die Bevölkerung, die auf einmal ab den späten Fünfzigerjahren um mehr als die Hälfte zurückging und zu grossen Teilen durch Touristenbetten ersetzt wurde. Durch die visuelle Interpretation des Programms wurde «Venezia and beyond» in Zusammenhang mit dem Thema Nachhaltigkeit gebracht. Der Videokünstler René Liebert stellte die Frage nach «(Over-)Tourism» und dem ansteigenden Meeresspiegel.
Das Wasser steht bis zum Hals
Nachdenklich stimmte die letzte Szene auf der Leinwand, als zu den Klängen von Alessandro Marcello, interpretiert durch Johann Sebastian Bach, Venedig langsam im Wasser versank. Was bleibt uns in dieser Zeit von menschengemachten Problemen und Unsicherheiten, in diesem «Inferno», um es mit der Bezeichnung von Marco Polo auszudrücken? In seinen Zitaten gab uns Marco Polo seine Antwort: Entweder wir begeben uns in das Inferno hinein, so nah, dass wir es gar nicht mehr als solches wahrnehmen. Oder wir sind uns dessen bewusst, was rund um uns passiert, finden die vielen kleinen Dinge, die schön sind und geben ihnen Platz.
Musik mit Leidenschaft
«Dann komme ich auf die Bühne und denke: Ich darf jetzt Musik machen. Das ist das Schönste!», sagte Anastasia Kobekina Anfang Jahr in einem Interview mit BR Klassik. Ihre Leidenschaft für Musik spürte man sofort. Schon als sie ganz allein, bereits im Gehen auf dem Cello spielend, auf die Bühne kam. Sie spielte voller Energie und lauschte während ihrer Spielpausen verträumt den Melodien des Kammerorchesters Basel. Dass die Musikerinnen und Musiker Spass hatten an ihrem Auftritt, stand ihnen wortwörtlich ins Gesicht geschrieben. Es schien, als ob sie gerne noch lange weitergespielt hätten. Doch dann, bei der Zugabe, sprang Anastasia Kobekina plötzlich auf und verschwand hinter der Leinwand. Wie sie gekommen war, verliess sie die Kirche Saanen auch wieder – spielend. So wurde das Publikum mit frischer Energie und einem Lächeln im Gesicht in den lauen Sommerabend entlassen.
Wer das Konzert verpasst hat und nun doch ein bisschen «gwundrig» geworden ist, sollte unbedingt auf dem Instagram-Profil von Anastasia Kobekina vorbeischauen. Unter dem Namen @anastasiakobekina veröffentlicht sie dort kleine Kostproben ihrer Stücke.
ANASTASIA KOBEKINA UND IHRE TRAUMSTADT
2020 besuchte Anastasia Kobekina Venedig zum ersten Mal. Die Stadt, welche im Laufe der Zeit bereits so viele Künstlerinnen und Künstler geprägt hat, zieht auch Kobekina sofort in ihren Bann. Gerne würde sie wieder zurück in die Lagunenstadt. Da dies aber nicht immer möglich ist, findet sie ihren eigenen Weg, den Ort ihrer Sehnsucht jederzeit besuchen zu können: durch die Musik. Dabei vereint sie bekannte venezianische Klassiker wie Vivaldi mit zeitgenössischen Komponistinnen und Musikern mit imaginären Verbindungen zu Venedig. Auf diese Weise schafft sie ihre persönliche Traumwelt und schlägt Brücken zwischen den Epochen und den verschiedenen Jahrhunderten in der Geschichte der Lagunenstadt.
Im Februar 2024 hat die 29-Jährige das Album «Venice» aufgenommen und ist nun zusammen mit dem Kammerorchester Basel auf Tour.
MARIE-LINE MICHEL




