Happy Birthday, alter Krieger

  09.12.2024 Saanen

Dass ein Flugzeug seinen 80. Geburtstag feiert, ist an sich schon speziell. Doch die Tatsache, dass der Geburtstags-Flieger an der Invasion der Alliierten in der Normandie beteiligt war, verleiht dieser Geschichte eine nahezu epische Dimension.

KEREM S. MAURER
Es ist auf den ersten Blick ein eher unscheinbares, kleines Flugzeug, das nur Platz für zwei Personen bietet und ausser einem solarbetriebenen Radio keine Elektrotechnik an Bord hat. Der Flieger mit der genauen Typenbezeichnung J-3C-65/L-4 CUB wurde 1944 von der Firma Piper in Lock Haven, Pennsylvania USA, gebaut. Am 6. Dezember 1944 kam es aus dem Werk und absolvierte noch am selben Tag seinen ersten Flug. Das war am letzten Freitag vor genau 80 Jahren. Grund genug für das Besitzerduo Lukas Kappenberger und Paul-François Saugy (mittlerweile ist Saugys Sohn als Besitzer nachgerückt) diesen Tag mit rund 30 Freunden des Flugzeugs zu feiern. «Alle, die heute hier sind, haben in irgendeiner Weise mit diesem Flugzeug zu tun gehabt. Sie sind mitgeflogen oder haben es selbst gesteuert und viele kommen noch zu kleinen Hüpfern mit», sagte Lukas Kappenberger anlässlich der Geburtstagsfeier am Freitagabend im Hangar 1 des Airports Saanen. Garret Fisher, seines Zeichens Autor, Pilot und Abenteurer umrahmte den Anlass mit sehenswerten Luftaufnahmen, die er aus einer Piper heraus fotografiert hat.


«Es war ein sehr schöner Anlass!» Lukas Kappenberger (links) und Paul-François Saugy sind mit der Geburtstagsfeier für ihre OGA sehr zufrieden.

Für die Freiheit im Einsatz
Die US Army hatte 1944 einen grossen Bedarf an Flugzeugen, schliesslich planten die Alliierten die Befreiung Europas von Nazi-Deutschland. Angeblich sollen fast 75 Prozent der rund 435’000 US-Piloten, die während des Zweiten Weltkriegs im Einsatz waren, auf einer solchen Piper erste Flugerfahrungen gesammelt haben. «Unsere» Piper CUB, die mit der Immatrikulationsnummer HB-OGA bis heute flugfähig ist, wurde ebenfalls zu diesem Zweck gebaut. Ihre Geschichte erzählten Kappenberger und Saugy so: Am 13. Dezember 1944 wurde die OGA – wie das Flugzeug von seinen Freunden liebevoll genannt wird – nach Newark in New Jersey geliefert, wo einige kriegsdienliche Adaptionen vorgenommen wurden. «Worin diese bestanden, wissen wir leider nicht genau», bedauerte Kappenberger. Sicher aber sei, dass die OGA am 16. Februar 1945 – da war die Invasion in der Normandie, die mit dem D-Day am 6. Juni 1944 begonnen hatte, in vollem Gange – nach Europa verschifft wurde. Am 1. März erreichte die Piper die Bodentruppen. Einem Dokument des Amerikanischen Amtes für historische Luftwaffenforschung zufolge, listen die Flugaufzeichnungen für den Zweiten Weltkrieg nur das Einsatzgebiet auf, nennen aber keine Einheiten, Kampagnen oder Missionen, an welchen die einzelnen Flugzeuge beteiligt waren.

René Zürcher, der lange Jahre bei der Schweizer Luftwaffe tätig war und Bücher zum Thema geschrieben hatte, sagte, solche Pipers seien für Kurier-, Erkundungs-, Beobachtungsflüge und Sanitätstransporte eingesetzt worden. «Sie waren quasi die Jeeps der Lüfte, die man für alles brauchen konnte», so Zürcher, der viele von den alten Dokumenten ausfindig gemacht hatte.

In Zweisimmen grundsaniert
Nach Kriegsende wurden viele Flugzeuge zurückgelassen, so auch die OGA. 1947 wurde sie aus der Normandie in die Schweiz verkauft und vom Bundesamt für zivile Luftfahrt (BAZL) am 31. Mai 1947 als HB-OGA immatrikuliert. Nach dokumentierten Einsätzen in Biel, Grenchen und Reichenbach – wo sie 1971 einen neuen Motor bekam – gelangte die OGA im September 1987 mit rund 3490 Flugstunden unter den Flügeln nach Saanen, wo sie von der Fluggruppe Saanenland übernommen wurde. 1994 wurde gemäss BAZL eine Grundsanierung notwendig, welche der Verein – zu Gunsten eines grösseren Flugzeugs – nicht stemmen konnte, worauf Paul-François Saugy, Lukas Kappenberger und Ueli Rösti zusammen eine Haltergemeinschaft gegründet und das Flugzeug gekauft hatten. In einem Unterstand in Zweisimmen wurde das Flugzeug in Fronarbeit durch die Eignerfamilien einer Generalüberholung unterzogen. Die benötigten Ersatzteile brachte Lukas Kappenberger von vielen USA-Reisen als Handgepäck mit in die Schweiz. Ausser den Flügelverstrebungen, die dafür zu gross waren, aber von der Swissair grosszügig mitgenommen wurden. Nach Wiederaufbau von Zelle und Flügeln wurde das Flugzeug von einem amerikanischen Wandergesellen eingetucht und bemalt sowie vom BAZL abgenommen, worauf die OGA als goldgelbes Flugzeug ihr zweites Dasein in Saanen begann.

Bis heute ist die OGA zusammen mit etwa 50 anderen typengleichen Fliegern schweizweit noch im Register, eines davon steht im Verkehrshaus Luzern. So gesehen ist die gelbe OGA in Saanen zwar keine Rarität, aber für alle Beteiligten eine emotionale Angelegenheit, die auch von der Flugplatzgenossenschaft geehrt wird. Und wenn man die Geschichte hinter dem Flugzeug kennt, schaut man die eher unscheinbare gelbe Piper mit ganz anderen Augen an.


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