Wispiler Wildsaujagd – eine Premiere
19.12.2024 RegionAm 30. November fand im Saanenland eine Wildsaujagd statt. Laut den Verantwortlichen wurde das erste Mal seit fast 100 Jahren eine organisierte Jagd auf das Schwarzwild durchgeführt. Unter der Leitung von Ueli Hefti beteiligten sich einige Jäger an der Gesellschaftsjagd.
ELISA OPPERMANN
Unter der Leitung von Ueli Hefti, selbst Jäger seit 40 Jahren und ehemaliger Präsident des Jagd- und Wildschutzvereins Saanenland, kamen am 30. November 2024 34 Personen auf der Wispile zusammen. Die wachsende Population der Wildsauen im Saanenland diente als Grund für die Vereinsjagd. Laut den Verantwortlichen liegt die Vermutung nahe, dass sich diese Tiere, in Jägerkreisen auch als Schwarzwild bekannt, nun in einem Gebiet ansiedeln, das eigentlich nicht ihre bevorzugte Heimat ist. «Normalerweise bevorzugen Wildsauen Bucheckern und Eicheln, die es hier im Saanenland kaum gibt. Es ist erstaunlich, wie sie sich anpassen, um zu überleben», erklärt Hefti. Auf der Wispile wurden zwei Wildkameras platziert, um herauszufinden wo sich die Tiere tagsüber aufhalten könnten. Auf einer Aufnahme waren sieben Stück Schwarzwild zu sehen. Die festgestellten Schäden seien flächenmässig grösser als mehrere Fussballfelder. Hefti, der auf der Wispile aufwuchs, kennt die Gegend gut: «Früher gab es vereinzelt Tiere, aber nie solche, die in Gruppen auftraten und so grosse Schäden hinterliessen.»
Organisatorisch eine Herausforderung
Diese Beobachtungen sowie Berichte von Landwirten über weitere Schäden gaben den Ausschlag für die Organisation der Jagd. Die Jagd erforderte eine Bewilligung des Kantons, da es sich um eine Gesellschaftsjagd handelte, bei der mehr als fünf Jäger beteiligt waren. Dank der gemeldeten Schäden wurde die Genehmigung zügig erteilt. Sicherheitsmassnahmen hatten hierbei oberste Priorität.
Hefti plante die Jagd akribisch, legte Schusswinkel fest und kommunizierte über Whatsapp. «Jeder Schuss wurde gemeldet, um Gefahren zu vermeiden», so Hefti. Bei der Jagd auf Wildsauen gäbe es zwei Möglichkeiten: die Mondjagd, da Schwarzwild als nachtaktiv gilt, oder die Treibjagd, welche normalerweise mit Hunden durchgeführt wird. «Wir hatten keine ausgebildeten Hunde zur Verfügung, also spielten Menschen die Treiber», erklärt Hefti. Jeder Treiber, jede Treiberin musste sich lautstark bemerkbar machen, einerseits um die Sauen aus ihrem Versteck zu treiben und anderseits, um den Jägern ihre momentane Position mitzuteilen. So konnte sichergestellt werden, dass aufgescheuchtes Schwarzwild nicht in Richtung der Treiber beschossen wurde.
40 Kilogramm Bache erlegt
Am Jagdtag trafen sich 27 Jäger und eine Jägerin, vier Treiber und zwei Treiberinnen sowie der Wildhüter Rolf Zumbrunnen um 8 Uhr morgens. Das Jagdgebiet umfasste knappe zehn Hektar, der Startschuss fiel um 9.30 Uhr. Bereits eine halbe Stunde später erlegte Kurt Hefti, ebenfalls ein Mitglied des Jagdvereins, das einzige Tier des Tages: eine 40 Kilogramm schwere Bache mit besonders dickem Fell – ein weiterer Indikator, laut Ueli Hefti, für die Anpassungen der Tiere an die kalten Wintertemperaturen im Saanenland: «Ich habe noch nie in meinem Leben eine Bache mit solch dichten und langen Borsten gesehen.» Insgesamt wurden am Jagdtag zwei Tiere gesichtet, doch es fielen nur zwei Schüsse, wovon der eine die Sau erlegte und der andere wurde zur Sicherheit auf das schon erlegte Tier abgegeben. Hefti zeigt sich zufrieden: «Die Jagd war nicht nur ein Erfolg im Sinne der Wildregulierung, sondern auch ein Beispiel für nachhaltige Nutzung.» Das Fleisch der erlegten Wildsau wurde zu Bratwürsten verarbeitet und an die Teilnehmer und Helfer verteilt. Das Fell (die Schwarte, Weidmannssprache) erhielt Kurt Hefti als Schütze. «Die Jagd ist etwas sehr Natürliches und Nachhaltiges», betont Ueli Hefti. «Wir nutzen alles vom Tier, und das macht sie so sinnvoll.» Die Jagd endete mit dem Streckenlegen. Das Tier wurde auf die rechte Seite gelegt. Die Jägerin und die Jäger sowie die Treiber:innen versammelten sich im Halbkreis um die Beute und Kobi Reichenbach spielte auf seinem Jagdhorn die Signale «Wildsau tot» und «Jagd vorbei» mit Halali. Der Jagdleiter dankte allen Teilnehmenden für ihre Disziplin und wünschte «e Guete». Anschliessend versammelten sich die Teilnehmer zu einem «Aser», einem gemeinsamen Essen im Wald.
Zukünftige Jagden stehen zur Debatte
Hefti könnte sich weitere Schwarzwildjagden in der Zukunft vorstellen: «Mit der konstant wachsenden Population der Wildsauen im Saanenland könnte ich mir schon vorstellen, noch mal eine Jagd zu organisieren.» Laut Hefti gäbe es bereits jetzt zwei Gruppen von Wildsauen auf der Wispile und eine in Lauenen – ein Phänomen, das es zuvor nicht gab. «Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es jemals eine organisierte Wildsaujagd im Saanenland gab, bestimmt ist dies schon über hundert Jahre her», erklärt Hefti. Er selbst gibt zu, auch ein «blutiger Anfänger» in der Schwarzwildjagd zu sein: «Wäre ich nicht manchmal für eine Wildsaujagd eingeladen gewesen in anderen Regionen, dann hätte ich gar keine Ahnung, wie so etwas organisiert werden muss», betont der Jäger.




