«Langlauf ist meine Passion»
22.01.2026 SportKaum jemand verbringt im Saanenland so viele Stunden auf der Langlaufloipe wie sie: Nathalie Herrmann. Die ausgebildete Langlauflehrerin vermittelt nicht nur Technik, sondern auch Lebensfreude.
JONATHAN SCHOPFER
«Jetzt erst einmal tief einatmen, hier kann ...
Kaum jemand verbringt im Saanenland so viele Stunden auf der Langlaufloipe wie sie: Nathalie Herrmann. Die ausgebildete Langlauflehrerin vermittelt nicht nur Technik, sondern auch Lebensfreude.
JONATHAN SCHOPFER
«Jetzt erst einmal tief einatmen, hier kann ich durchatmen», sagt Nathalie Herrmann, ausgebildete Langlauflehrerin. Ihr Blick schweift zu den Bergen, dann zurück auf die Langlaufloipe in Schönried. Sie macht zwei, drei Stockeinsätze und schon gleitet sie mit den schmalen Latten 20 Meter weiter. Nicht ohne Grund beschreiben Arbeitskolleg:innen ihren Stil als ergonomisch und elegant.
Seit ihrer Kindheit ist Langlauf ein fester Bestandteil ihres Lebens, ihre Passion. «Auch schon meinem Grosi, Margrit Matti, gab ich schon erste Langlauftipps», schmunzelt sie.
Wenn Nathalie Herrmann skatet, den Körper nach vorne lehnend – im Takt – nach links, nach rechts, Stockeinsatz für Stockeinsatz, hat das etwas Meditatives. Nicht umsonst spricht man von einem Tanz. «Beim Langlaufen kann ich meinen Alltag ganz vergessen», sagt sie.
Die Langlauflehrerin im Einsatz
Es ist 13.15 Uhr, Nathalie Herrmann ist mit einem Gast verabredet. Vor drei Tagen hat es geschneit, nun ist der Himmel blau, das Wetter ist schön. Sie stützt den Gast, damit er seine Langlaufski anziehen kann. Nach einer kurzen Einführung und dem Aufwärmen geht es los. Auf der Loipe mit einer leichten Neigung, beobachtet Herrmann genau die Bewegungen ihres Schützlings.
«Versuche einmal bei diesem Abschnitt, die Ski flach zu halten», rät sie dem Gast. Ihr Gesicht und ihre Augen leuchten auf, als sich der Gast sicherer fortbewegt. «Super! Jetzt hast du es!», ruft sie. Der Gast strahlt über beide Ohren.
Später erzählt sie, dass sie ihre Menschenkenntnis als Flight-Attendant, an der Réception in der Hotellerie und nun als Langlauflehrerin gesammelt habe. Ihr sei auch wichtig, dass sie bei jedem Gast behutsam vorgehe. «Ich urteile nicht», sagt sie. «Ich schaue, wo jemand steht und hole ihn dort ab.»
Wann macht eine Langlauflehrerin eigentlich eine Pause?
In der Saison ist sie fast immer mit Gästen ausgebucht, sprich: vier bis sechs Gäste pro Tag. «Ich lasse aber manchmal am Morgen ein Zeitfenster von 8 bis 9 Uhr offen, damit ich spontan noch einen Gast dazunehmen kann».
Was eine Langlauflehrerin denn esse, wenn sie den ganzen Tag unterrichtet? Zwischendurch eine Frucht oder ein Snack, oft bleiben ihr zwischen den Gästen nur etwa fünf Minuten Zeit. Am Mittag gehe sie jeweils für eine Stunde nach Hause, ihr Mann Markus koche ihr dann etwas.
Verpflichtet für das Wohl der Gäste
Wenn Gäste für den Unterricht bezahlen und die Loipen so sorgfältig von Gstaad Saanenland Tourismus präpariert werden, ist es ihr umso wichtiger, dass die Loipen diesen Zustand behalten. Für sie gehört dazu auch, Menschen auf die Regeln innerhalb der Loipe aufmerksam zu machen. Wenn Spaziergänger auf den Loipen wandern, entstehen Fussabdrücke, welche die Loipen beschädigen.
Auch die zehn FIS-Regeln sind ihr wichtig. Rücksicht nehmen zum Beispiel oder in der richtigen Richtung fahren. «Bei den Loipen gibt es Schilder, die die Richtung kennzeichnen», sagt sie. «Die Gäste haben es verdient, das bestmögliche Erlebnis zu bekommen.»
Die Loipe steil, das Leben manchmal herausfordernd
Langlaufen sei ein taktischer Sport. «Man muss vorausschauen, das Gelände lesen, das Tempo einteilen und die eigenen Kraftreserven kennen», sagt sie und wechselt in der Steigung in den asymmetrischen Stockeinsatz. Auch abseits der Loipe hat Nathalie Herrmann steile Hänge bezwungen. Vor sechs Jahren erkrankte ihr Mann schwer. «In guten wie in schlechten Zeiten haben wir uns gesagt, das ist wichtig.» Heute gehe es ihm zum Glück wieder besser.
Als Bäuerin trägt sie zudem Verantwortung für ihre Kühe. Um 5.00 Uhr steht sie auf, um im Stall zu arbeiten. Es gebe Tage, an denen sie müde sei, doch sobald sie draussen sei und ein paar Runden auf der Loipe drehe, gehe es ihr besser.
Stolz zeigt sie ihren Langlaufausweis. «Ich habe mich erst mit 45 Jahren zur Langlauflehrerin ausbilden lassen.» In der Klasse sei sie deutlich älter gewesen als viele andere. Sie habe sich gefragt, ob sie die Anforderungen schaffen würde. Sie schaffte es. «Wenn ich heute den Ausweis anschaue, denke ich: Da habe ich etwas richtig gemacht.»
Der Glaube und die Dankbarkeit
Wenn Sommer ist und die Loipen geschmolzen, dann sind Nathalie und Markus Herrmann seit nunmehr 23 Jahren auf der Alp anzutreffen. Ihr Käse wurde bereits ausgezeichnet und erhielt bei einer AOP-Bewertung die volle Punktzahl. Die Arbeit auf der Alp ist für Nathalie Herrmann Ausgleich und Kraftquelle zugleich. «Wenn ich auf der Alp bin und die Berge erblicke, dann spüre ich eine höhere Macht. Ich bin ein gläubiger Mensch», sagt sie. Der Glaube äussert sich für sie in Dankbarkeit – für ihre Arbeit, für ihre Familie und für das Leben im Saanenland.
Diese Haltung zeigt sich auch darin, dass sie etwas weitergeben möchte. Sie unterstützt Anlässe rund um den Langlauf. Es gehe ihr darum, den Kindern vom Saanenland den Sport spielerisch weiterzugeben. So half sie etwa bei Anlässen wie dem Dario-Cologna-Funparcours mit.
Der Kreis schliesst sich
Die Langlauflektion endet dort, wo sie begonnen hat. Lehrerin und Gast resümieren gemeinsam die Fortschritte, dann verabschieden sie sich herzlich.
Seit ihrer Jugend gab es bei Nathalie Herrmann Langlaufausflüge mit der Familie, an denen Grossmutter Margrit Matti auch oft dabei war. «Seit drei Monaten bin ich selber stolzes Grosi», sagt sie. Ob sie ihrem Grosskind das Langlaufen auch einmal beibringen wird?
ZUR PERSON
Nathalie Herrmann, geborene Grundisch (2. August 1974), ist im Gschwend in Gstaad aufgewachsen. Sie besuchte die Primarschule Rütti und die Sekundarschule Ebnit. Nach der Schulzeit absolvierte sie eine dreijährige KV-Ausbildung in Lausanne und vertiefte danach ihre Englischkenntnisse während eines Aufenthalts in Bath in England.
Beruflich sammelte sie unter anderem zwei Jahre Erfahrung als Flight-Attendant bei Crossair und arbeitete während drei Saisons in der Hotellerie. Mit 45 Jahren absolvierte sie die Ausbildung zur Langlaufinstruktorin bei Swiss Snowsports.
Heute unterrichtet Nathalie Herrmann Langlauf, arbeitet als Bäuerin und ist als Tourguide für Explora Gstaad tätig. Sie ist Mutter von vier Kindern, lebt mit ihrem Ehemann Markus in Schönried und führt dort gemeinsam mit ihm einen landwirtschaftlichen Betrieb. Seit drei Monaten ist sie Grossmutter von Eline Matti.
JSC





