«Meine Welt war angehalten»

  13.04.2026 Gesellschaft

Tanja Lama erlebte auf dem Weg zur Mutterschaft grosses Glück und tiefes Leid. Die betroffene Mutter setzt sich dafür ein, dass offen über Kindsverlust gesprochen wird. Trost findet Lama in ihrem christlichen Glauben und im Gedanken an ein Wiedersehen mit Hannah. 

JONATHAN SCHOPFER

Tanja Lama, wo beginnt Ihre Geschichte?

Für mich beginnt sie, als ich 30 Jahre alt war. Mit meinem Ehemann Bikash kam der Kinderwunsch. Die Frauenärztin sagte schon aufgrund meines Blutbilds – zum Beispiel wegen dem niederen Wert des Anti-Müller-Hormons –, dass es ein grosses Wunder brauche, damit wir überhaupt Kinder bekommen. Und wenn ich schwanger würde, bräuchte es ein noch grösseres Wunder, dass das Kind überlebt. Das hat mich sehr vor den Kopf gestossen. 

Was löste diese Diagnose bei Ihnen aus?

Es war eine sehr schwierige Zeit. Ich suchte Hilfe in der christlichen Kinderwunschgruppe «Hope». Entgegen der Aussage der Frauenärztin wurde ich schwanger. Traurigerweise habe ich das Kind aber verloren. Deshalb habe ich mich später im Inselspital an der Kinderwunschklinik eingeschrieben. Dort merkte ich schnell: Man wird kompetent betreut und ernst genommen.

Wie ging es nach der Klinik weiter? 

Danach wurde ich noch zweimal schwanger und verlor auch diese zwei Kinder wieder. In der Klinik machten sie viele Tests, um herauszufinden, warum ich die Kinder verliere. Aber es kam nichts heraus.

Wann wendete sich das Blatt?

Ich wurde ein Jahr lang nicht schwanger. Dann begann ich eine hormonelle Behandlung. Ich musste Hormone spritzen und so wurde ich mit Joel schwanger.

Mit welchem Gefühl gingen Sie in diese Schwangerschaft?

Mein Vater gab mir eine Jahreslosung – einen Bibelvers – und betete schon vor der Schwangerschaft für mich, da er von Gott hörte, dass er für mein ungeborenes Kind beten soll. In diesem Psalm 57 steht: «Ich rufe zu Gott, dem Allerhöchsten, zu Gott, der meine Sache zum guten Ende bringt.»

Und bei Joel ging alles gut?

Dann ist wirklich alles gut gekommen. Joel haben wir ja jetzt zu Hause. Das ist nicht selbstverständlich. Es kam später schon wieder der Wunsch, dass Joel ein Geschwisterli bekommt. Gleichzeitig merkte ich, dass ich versuchte, meinen Wunsch nicht zu stark werden zu lassen, um nicht enttäuscht zu werden.  Als Joel zwei Jahre alt war, ging ich wieder in die Kinderwunschklinik. Und ich wurde nochmals schwanger. Zuerst sah es aus, als würde es eine Bilderbuchschwangerschaft. Ich hatte das Gefühl, dass jetzt vielleicht doch noch alles gut kommt für uns.

Was passierte dann?

In der 17. Schwangerschaftswoche war ich am Freitagmorgen noch in einer Untersuchung, aber dort schien alles in Ordnung. Am gleichen Nachmittag bekam ich Blutungen.

Konnte man klären, weshalb das geschah?

Zuerst sah man ein Hämatom in der Gebärmutter. Später wurden die Schmerzen immer stärker. Es waren keine Wehenschmerzen, sondern ein heftiger Dauerschmerz. Im Spital haben sie alles probiert. Starke Schmerzmittel durften sie nicht geben. Ich glaube, ich hatte die schlimmste Nacht meines Lebens. Am Sonntag kam das Kind still zur Welt. Dann war dieser Traum einfach vorbei. Hannah war sehr schön. Die Nase war perfekt, einfach ganz klein. Auch die Lippen.

Möchten Sie über diesen Verlust reden?

Ich habe schon sehr heftig reagiert. Durch die Zeit im Spital, die Medikamente und die Behandlungen war ich ohnehin schon sehr schwach. Ich hatte auch das Gefühl, ich sehe nur noch Kinder, Familien und Schwangere. Manchmal überkam es mich in der Öffentlichkeit – dieser Schmerz. Die Welt drehte sich weiter und meine war angehalten.

Ist der Schmerz heute ein anderer geworden?

Der erste Schock ist weg, aber der Schmerz ist noch genauso stark. Ich kann ihn vielleicht ein bisschen besser zurückhalten. Mein Mann geht anders damit um, er sagt, dass er nicht zu fest in der Traurigkeit bleiben möchte, weil wir ja Joel haben. Er versucht, sich darauf zu fokussieren.

Wie erlebt Joel den Verlust?

Joel redet fast jeden Tag von Hannah, auch jetzt noch. Sie ist ihm sehr wichtig und er äussert immer wieder den Wunsch, Hannah solle zu uns kommen. Er weiss, dass sie seine Schwester ist und hat sie auch gesehen. Auch singt er ihr regelmässig «Happy Birthday, Hannah». Er sagt oft: Hannah ist bei Jesus. Er kommt auch manchmal mit auf den Friedhof. Er hat eigentlich einen sehr schönen Umgang damit.

Hat sich Ihr Familienleben verändert?

Ich habe das Gefühl, dass es uns als Ehepaar näher zusammengeschweisst hat. Natürlich ist es ein heikles Thema und für jedes Paar anders. Andere Ehen brechen deswegen auseinander. Aber ich glaube, bei uns war es eher so, dass wir noch stärker gemerkt haben, wie sehr wir einander brauchen. Wir sind sehr dankbar für Joel. Ich weiss nicht, ob andere Eltern ihrem Kind das auch so oft sagen, wie gern sie es haben. Ich sage es mehrmals täglich und singe es ihm auch vor. Mein Mann sagt Joel oft: «Danke, dass du bei uns bist.»

Haderten Sie mit Gott?

Doch. Ich hadere schon mit Gott. Ich glaube, das ist etwas, das ich auf dieser Welt wohl nicht mehr verstehen werde. Heute glaube ich schon, dass Hannah bei Gott sein darf. Und dadurch ist das Sterben vielleicht nicht nur Verlust. Es wird ein Wiedersehen werden. Es ist eine grosse Hoffnung von mir, dass ich in den Himmel komme und höre, wie Hannah «Mami» ruft.

Was hilft Ihnen, mit dem Schmerz umzugehen?

Einzelne Menschen helfen uns. Am Arbeitsplatz und auch im Freundeskreis. Es sind Menschen, bei denen man merkt: Die interessiert es wirklich. Die auch einfach mal vor der Haustür stehen. Die sich nicht scheuen, Hannah beim Namen zu nennen. Für mich alleine höre ich christliche Lieder oder lese ermutigende Sprüche und Texte, vor allem in Facebook-Gruppen mit dem Thema Kindsverlust und in Büchern.

Gab es auch schon Momente, die für Sie nicht in Ordnung waren?

Schwierig fand ich Aussagen wie: «Die kleine Seele wollte gehen.» So etwas kann man einfach nicht sagen. Auch Floskeln wie «Es hat alles irgendeinen Sinn», fand ich schwierig.

Wo braucht es aus Ihrer Sicht gesellschaftlich ein Umdenken?

Es passiert noch viel, das uns zum Teil belastet. Für Männer gibt es oft noch weniger Verständnis. Mein Mann musste darum kämpfen, überhaupt für eine Woche krankgeschrieben zu werden. Dabei verliert auch ein Vater sein Kind. Er freute sich genauso auf das Töchterchen. In der Schweiz ist es ausserdem noch nicht selbstverständlich, dass man ein Grab bekommt. Wir hatten das Glück, dass die Gemeinde Saanen sagte: Bei uns kann man für jedes Kind ein Grab haben. Uns hilft es sehr, einen Ort zu haben, an dem man weiss: Dieses Kind ist nicht vergessen.

Was ist Ihnen besonders wichtig geworden?

Mir ist wichtig, dass auch eine Mutter, die ihr Kind verloren hat, als Mutter gesehen wird. Ausserdem wünsche ich mir, dass diese Kinder als wertvoll wahrgenommen werden. Hannah ist mir so kostbar, ich würde mich immer wieder für sie entscheiden. Auch wenn dies bedeutet, dass sie nicht bei mir sein kann. Ich bin sehr stolz, ihre Mutter zu sein. Und so ein Verlust braucht Zeit. Meistens ist es nicht nach einem Monat vorbei. Wenn jemand ein Kind verliert oder Unterstützung braucht, dann möchte ich für diese Person da sein. Weil ich weiss, wie wichtig es ist, mit jemandem zu sprechen, der es versteht.


«Wir sind uns nicht gewöhnt, offen über schwierige Gefühle zu sprechen»

Anne Siegenthaler ist Hebamme, Verantwortliche im Beratungsdienst von kindsverlust.ch und Trauerbegleiterin. Sie spricht über Hilfsangebote und darüber, warum der Kindsverlust in der Schweiz noch immer ein Tabuthema ist.

JONATHAN SCHOPFER

Anne Siegenthaler, an wen können sich Familien wenden, wenn sie Unterstützung suchen?

Nach dem Tod eines Kindes in der Schwangerschaft, während der Geburt oder kurz danach haben Eltern Anspruch auf Begleitung durch eine Hebamme. Sie unterstützt nicht nur bei den körperlichen Veränderungen nach der Geburt, sondern auch dabei, einen ersten Umgang mit der Trauer zu finden. Viele Spitäler bieten zusätzlich seelsorgerische Begleitung an. Je nach Situation können auch psychologische Unterstützung oder körpertherapeutische Angebote hilfreich sein.

Wir von kindsverlust.ch bieten zudem kostenlose Beratungen für betroffene Familien und Fachpersonen an. Bei Bedarf vermitteln wir anschliessend an Fachpersonen in Wohnortnähe weiter.

Was hilft Betroffenen aus dem Umfeld – und was nicht?

Trauer ist individuell und braucht Zeit. Denn auch wenn das Kind nicht mehr lebt, bleiben die Eltern Mutter und Vater. Das anzuerkennen, ist zentral. Hilfreich ist aufrichtige Anteilnahme. Viele Betroffene erleben es als verletzend, wenn Menschen ausweichen oder so tun, als wäre nichts passiert. Auch gut gemeinte Ratschläge können belasten. Unterstützend ist hingegen, das Kind beim Namen zu nennen, sofern die Eltern dies ebenfalls tun, und ihnen zu überlassen, ob und wie viel sie erzählen möchten. Ebenso wichtig sind konkrete Unterstützung im Alltag und Zeichen, dass das Kind auch später nicht vergessen wird, zum Beispiel am Geburtstag oder an Weihnachten.

Ist der Kindsverlust ein Tabuthema?
Ja, der frühe Kindsverlust ist ein grosses Tabu. In unserer heutigen Gesellschaft sind wir wenig daran gewöhnt, offen über schwierige Gefühle zu sprechen. Nach dem Tod eines Kindes gilt das umso mehr: Menschen im Umfeld sind oft überfordert, finden keine passenden Worte und schweigen aus Angst, etwas Falsches zu sagen.

Wo sehen Sie in der Begleitung von Familien noch Lücken?
In der Schweiz ist es noch immer stark vom Zufall abhängig, wie Eltern nach dem frühen Tod ihres Kindes begleitet werden. Wir setzen uns deshalb öffentlich für eine flächendeckend kompetente Betreuung, tragfähige Strukturen und eine nachhaltige Grundversorgung ein. Handlungsbedarf besteht auch bei der Finanzierung. Noch immer werden nicht alle Leistungen in der Schwangerschaft beziehungsweise nach einer Fehlgeburt von der Grundversicherung übernommen.


ÜBER DIE ORGANISATION

kindsverlust.ch ist eine Non-Profit-Organisation und das Kompetenzzentrum für Unterstützung beim Tod eines Kindes in der Schwangerschaft, während der Geburt und in der ersten Lebenszeit. Die Fachstelle bietet kostenlose Beratung für betroffene Familien an, Schulungen und Coachings für begleitende Fachpersonen und engagiert sich in Öffentlichkeit und Politik.

PD/JSC

Mehr Informationen unter: www.kindsverlust.ch


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