«Nachhaltigkeit darf ästhetisch sein»
22.11.2019 GstaadEin Baumwolltuch aus Japan könnte das Bild unter den Weihnachtsbäumen umkrempeln, das Wissen der Araber hat Europa bereits vor langer Zeit geprägt. Am letzten Montag präsentierte der Abschlussjahrgang 17 Maturaarbeiten.
SARA TRAILOVIC
Jeden November gilt es für die Schülerinnen und Schüler am Gymnasium in Gstaad, ihre Abschlussarbeiten zu präsentieren. Langweilig wird es dabei nie, denn die Themenwahl ist jeweils so vielfältig wie die Jugendlichen selbst und immer auch vom aktuellem Geschehen geprägt. Der «Anzeiger von Saanen» war bei zwei Vorträgen live dabei.
Das multifunktionale Tuch
Ein paarmal falten, einen Knoten binden, fertig. So geht das Einpacken mit einem Furoshiki. Furoshikis, das sind quadratische Tücher, die in Japan seit bald einem Jahrtausend zum Einpacken und Tragen von Dingen verwendet werden. Die Tradition aus Japan findet in Zeiten der Nachhaltigkeit ihren Weg in Haushalte und Kunstmuseen auf der ganzen Welt. Auch Aline Pfister liess sich von Funktion und Ästhetik der Furoshikis begeistern. «Das Ziel meiner Maturaarbeit ist es, das Furoshiki in der Region bekannter zu machen und somit den Einwegplastikverbrauch zu reduzieren», sagte sie zu Beginn ihrer Präsentation am vergangenen Dienstag.
Um das Furoshiki im Alltag zu integrieren, müssen Gewohnheiten überdacht werden. Zum Beispiel das Einpacken von Weihnachtsgeschenken. Während der Fragerunde der Präsentation zeigte sich das Publikum begeistert. «Die Tücher sind ja nicht nur praktisch, sondern auch wunderschön», sagte eine Zuschauerin. «Nachhaltigkeit darf auch ästhetisch sein», fügte Lehrerin Rahel Landolt an, welche die Arbeit betreut hatte. Natürlich fiel auch die Frage nach dem Preis. «Die Tücher kosten 25 bis 38 Franken», informierte die Gymnasiastin. Nach der Präsentation scharten sich einige Leute um den Tüchertisch und notierten sich die Kontaktdaten der Schülerin. Auch Gymnasiumsleiter Christoph Däpp war begeistert: «Ich könnte mir gut vorstellen, meine Weihnachtsgeschenke dieses Jahr in Furoshikis einzupacken.»
Kreativer Prozess
Für die Herstellung eines 90 mal 90 Zentimeter grossen Furoshikis, inklusive Druck des Blättermotivs, brauchte sie gegen Ende ihrer Arbeit etwa eine Stunde. «Die Grösse ist praktisch zum Einpacken von Geschenken, aber auch zum Knoten von Taschen.» Doch bis dahin hatte sie zuerst viel ausprobieren müssen.
Bei der Motivwahl liess sich Aline Pfister von den Blättern des Ginkgos inspirieren, der in ihrem Garten wächst. Die Schülerin: «Der Baum steht für Umweltschutz, Frieden und Widerstandskraft.» Im Verfahren des fotomechanischen Siebdrucks bedruckte sie die Stoffe mit verschiedenen Farben. Dabei entstanden Komplementär- und Hell-Dunkel-Kontraste sowie Ton-in-Ton-Kombinationen. Beim Stoff handelt es sich um Baumwolle mit der Ökobilanz 100.
Die Unikate stehen auch zum Verkauf bereit. «Wenn sich jemand eine spezielle Farbkombination und Grösse wünscht, stelle ich auch noch neue Tücher her», so Aline Pfister nach der Präsentation. Zuerst möchte sie herausfinden, ob lokale Geschäfte und Einheimische überhaupt Interesse an den Furoshikis haben. Wenn dies der Fall sei, würde sie auch einen Onlineshop in Betracht ziehen oder die Zusammenarbeit mit einem externen Produzenten. «Bei grösseren Mengen könnte ich die Produktion nicht mehr alleine stemmen», so Pfister. Dabei wäre es natürlich wichtig, dass die Qualität und Nachhaltigkeit der Herstellung erhalten bliebe.
Einfluss der Araber auf Europa
In der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends nach Christus unterstützten gewisse, in Nordafrika lebende Berberstämme – die Mauren – die Araber bei der islamischen Expansion, die iberische Halbinsel zu erobern und brachten somit auch Wissen wie den Bau von Wasserleitungen, genauer «acequias», dorthin.
Jan Ruf wählte keine gestalterische, sondern geisteswissenschaftliche Arbeit. Aus Interesse an der Beziehung zwischen Westen und Osten analysierte er eine Quelle, in welcher der Gebrauch des maurischen Bewässerungssystems in Andalusien beschrieben wird. Ruf konnte in seiner Analyse die Frage beantworten, wie das Wissen der Araber Spanien veränderte: «Die von ihnen eingeführten Bewässerungssysteme bildeten den Grundstein für eine prosperierende Gesellschaft.» Als weitere Motivation seiner Arbeit galt es auch, Feindbilder gegenüber arabischen Völkern abzubauen. Ist es ihm gelungen? Ruf verneint: «Die Feindbilder haben nichts mit dem überlieferten Wissen zu tun, sondern vielmehr mit Politik und Religion.»
Geschickte Wasserleitungen
«Acequias» waren maurische Wasserleitungen aus Mergel. Sie waren meist fünf bis zehn Kilometer lang und ein Meter breit. Da acht bis 58 Prozent des hindurchfliessenden Wassers versickerte, gelangte es in die unterirdische Kluftsysteme und wurde in Form von Grundwasser gespeichert. Durch die fortgeschrittene Technik der «acequias» stand den Menschen in Andalusien mit der Zeit genügend Wasser zur Verfügung, um Grundbedürfnisse wie Trinkwasser und Nahrung konstant zu decken. Diese Sicherheit erlaubte es der folglich wachsenden Bevölkerung, auch Wasser in nichtexistenzielle Dinge wie den Ausbau von Siedlungen und Städten zu investieren. Die meisten Häuser wurden damals aus Stuck und Mauerziegeln gebaut – Material, dessen Herstellung viel Wasser benötigte. Die «acequias» stellten es bereit.
Wieso verfügten die Araber über ein so grosses Wissen? Jan Ruf begründete dies mit ihrem Übersetzungsdrang. «Die Araber lasen viele altgriechische Schriften und übersetzten sie. So konnten sie vom Wissen des antiken Griechenlands profitieren.» Auf diesem Weg hätten die Menschen beispielsweise herausgefunden, dass die Pest keine Gottesstrafe, sondern eine Krankheit ist.
17 Einzelarbeiten präsentiert
Insgesamt präsentierten zehn Schülerinnen und sieben Schüler ihre Maturaarbeiten. Dabei lockten Titel wie «Umsetzung einer Novelle in Form eines Mangas», «Kurze Druckphase als Technik des zukünftigen Riesenslaloms» und «Analyse von Fotovoltaikanlagen im Simmental» zahlreiche Besucher in die Räume des Oberstufenzentrums Gstaad.
«Schülerinnen und Schüler müssen allein oder in einer Gruppe eine grössere eigenständige, schriftliche oder schriftlich kommentierte Arbeit erstellen und mündlich präsentieren», steht im eidgenössischen Maturitätsanerkennungsreglement geschrieben. Alle Projekte der Gstaader Schülerinnen und Schüler waren Einzelarbeiten. Zufall? «Die Jugendlichen können selber wählen, ob sie die Arbeit alleine oder in einer Gruppe machen wollen», informiert der Gymnasiumsleiter auf Anfrage. Die Schule würde in keine bestimmte Richtung pushen, die vorherrschende Arbeitsform habe sich sowohl in Gstaad wie auch in Interlaken mit der Zeit so eingebürgert. Es kann vermutet werden, dass die Schulgrösse dabei eine Rolle spielt. Klar ist, dass die Maturaarbeit in jeder Form einen relevanten Teil der gymnasialen Ausbildung ausmacht und dabei auch Projekte entstehen können, die junge Menschen für ihren weiteren Weg prägen.
Bei Interesse an einem Furoshiki können Sie sich an Aline Pfister wenden: E-Mail pfister.aline@ hotmail.com



