Mehr als ein Trödelmarkt: die guten Engel der Brocante
09.08.2019 SaanenAn der Brocante in Saanen, die letzten Samstag stattgefunden hat, sind traditionsgemäss auch Stände von gemeinnützigen Vereinen vertreten. Wir haben sie besucht und wollten von ihnen wissen, was sie hier machen und welche Projekte sie unterstützen.
MARTIN GURTNER-DUPERREX
Es geht hoch zu her im Zelt vom Lions Club Gstaad-Saanenland an der Brocante in Saanen. Die gut 180 Plätze sind belegt mit hungrigen und durstigen Gästen, die nach Bedienung rufen. Es ist ein denkbar ungünstiger Moment, Jahres-Klubpräsident Thomas Staub und sein Team, die schwitzend Mahlzeiten kochen, mit Fragen zu belästigen. Der OK-Präsident der Saaner Brocante & Markt, Niclas Baumer, und seine OK-Kollegin Marina von Grünigen stellen sich aber dafür gerne zur Verfügung. Warum sind an diesem Anlass – wo an über 150 Ständen von der ausgestopften Schildkröte über Kuhglocken bis zur güldenen Marienfigur alles Feil geboten wird – eigentlich gemeinnützige Vereine mit Ständen präsent? Dies sei wohl darauf zurückzuführen, dass bei der ersten Brocante deren Geburtshelfer gleichzeitig in gemeinnützigen Vereinen tätig waren, so die Organisatoren. Die Brocante verzeichne wegen ihrer Atmosphäre und dem schönen Dorf glücklicherweise eine grosse Nachfrage. «Die gemeinnützigen Vereine sind daher dankbar für diese Plattform», meinen sie einhellig. «Es ist ein idealer Ort, um für Projekte zu werben und Geld zu sammeln.»
Und das ist inzwischen zur Tradition geworden. Es ist bemerkenswert, dass sich zahlreiche Menschen im Saanenland freiwillig und ehrenamtlich für das Wohl unterprivilegierter, bedürftiger Menschen in der Schweiz und auf der ganzen Welt engagieren – sie sind sozusagen die guten Engel der Brocante.
Passt gut zur Saanengeiss
Ein paar Schritte weiter steht der Stand vom Rotary Club Gstaad-Saanenland. Béatrice Baeriswyl, Brocante-Verantwortliche für den Klub, unterstreicht: «Alle Klubmitglieder packen in irgendeiner Form mit an.» Das ganze Jahr über werden Geschirr, Schmuck, Möbel und allerlei Objekte gesammelt, um am Markt ein schönes Angebot parat zu haben. Der aus dem Verkauf zusammengekommene Betrag – es sind jedes Jahr mehrere Tausend Franken – kommt jeweils einem ausgewählten Projekt zugute, einem Hand-on-Projekt, in dem die Betroffenen selber Hand anlegen, wie Baeriswyl unterstreicht. Heuer sei es das Geissenprojekt in Togo von VSF-Suisse (Vétérinaires Sans Frontières), das passe gut zur Saanengeiss. Die in acht Ländern Afrikas tätige Organisation hat sich auf Nutztierverteilung und veterinäre Einsätze spezialisiert. Gemäss Nina Privitera, Chefin Kommunikation und Fundraising der Organisation, sind Ziegen sehr ergiebig: «Eine Ziege ernährt mit ihrer Milch bis zu fünf Kleinkinder.» Darüber hinaus generiere sie Einkommen für arme Familien und sei sehr klimaresistent.
Knusperli für eine gute Sache
Inzwischen ist es viel ruhiger geworden im Lions-Zelt, die Tische sind fast leer. Thomas Staub, mit gelber Lions-Mütze auf dem Kopf, freut sich: «Wir hatten heute volles Haus!» Die Mitglieder helfen alle in der Küche, in der Bedienung sowie beim Zeltauf- und -abbau fleissig mit, das sei obligatorisch. Auch bei Lions kämen, sagt er nach kurzer Konsultation mit seinem Kassier, mit dem Restaurationsbetrieb und dem traditionellen «Redle» – heuer gibts Knusperli vom Thunersee oder Bratwurst mit Hardöpfelsalat – jedes Mal ein paar Tausend Franken Reingewinn für einen guten Zweck zusammen. Unterstützt wird das Projekt «We Fly – We Serve» der humanitären Fluggesellschaft Moonlight Air Organization. Ein Flugzeug soll mit Operationsmaterial und Ärzten in entsprechende Länder fliegen und dort vor allem Augenoperationen vornehmen. Das Projekt befindet sich gemäss Staub in Vorbereitung und wird lanciert, wenn das nötige Geld zusammengekommen ist.
Heute wollen alle Brätzeli
Wenn der Brätzeli-Liebhaber mit feiner Nase dem köstlichen Duft folgt, landet er unweigerlich beim Stand des Frauenvereins Saanen an der Bahnhofstrasse. Die Standverantwortliche Anna Dieckmann berichtet stolz, dass schon am Morgen um die tausend frisch gemachte Brätzeli von wackeren Schafferinnen angeliefert worden seien. «Seither sind wohl zwischen zwei- und dreihundert weitere vor Ort gemacht worden, denn heute wollen alle Brätzeli», dies trotz der vorherrschenden Hitze. Der Teig sei am Ausgehen, meint sie trocken. Daneben werde «e bits alles» aus der eigenen Brockenstube in Saanen zum Verkauf angeboten. Der Ertrag – Anna Dieckmann lässt sich nicht zu einer Prognose provozieren – komme den Projekten des Frauenvereins im Sozial- und Bildungsbereich zugute, aber auch Besuchen im Spital, der Alpenruhe und im Altersheim. Und: «Alle Helferinnen arbeiten ohne Entgelt, sie machen das gern!»
Die besten Stücke sind schon weg
Zwei Stände weiter Richtung Landhaus findet man den Stand der Heilsarmee. Ueli und Margrit Schopfer, ihres Zeichens Korpsleiter in Saanen, sieht man im ersten Augenblick hinter den zahlreichen Raritäten – ins Auge stechen eine monumentale Wilhem-Tell-Skulptur sowie ein Bronzeadler – fast nicht. Es sind dies Schätze aus der Heilsarmee-Brocki in Saanen, die das Betreiberehepaar wohlweislich durch das ganze Jahr speziell für die Brocante aussortiert. «Die besten Stücke sind aber schon weg», freut sich Schopfer. Sie würden ihnen von Einheimischen wie Chaletbesitzern (auch vom Oberbort!) gratis zugetragen. Er ist mit dem heutigen Erlös sehr zufrieden. Damit würde im Saanenland Flüchtlingen und Randständigen geholfen, so das engagierte Paar.
Ein wichtiges Anliegen
Der letzte Besuch des etwas anderen Brocante-Rundgangs gilt last, but not least einem kleinen Stand, der ein wichtiges Anliegen vertritt, nämlich den Schutz von sexuell missbrauchten Kindern und Jugendlichen. «Die gemeinnützige Organisation Innocene in Danger – zu Deutsch: Unschuld in Gefahr – ist dieses Jahr das erste Mal an der Brocante», erzählt Hanane Zeglama. Sie verkauft von Privaten zur Verfügung gestellte, farbenfreudige Kinderkleider und andere «Gänggeli»-Waren. «Für mich ist es wichtig, präsent und sichtbar zu sein, um auf diese schlimme Problematik aufmerksam zu machen», so Zeglama. Die seit 20 Jahren international tätige Organisation fördere Therapien und Ausbildungen für betroffene Kinder, Eltern und Erzieher, führt sie weiter aus. Jedes Jahr werden für Opfer und ihre Begleiter Sommercamps in den Bergen des Saanenlands durchgeführt. Da ist es natürlich sehr naheliegend, dass sie mit ihrem Stand wie die anderen guten Engel an der Brocante in Saanen nun auch dabei ist …





