Falkenauge oder Kameralinse?
26.07.2019 KulturDas neu erschienene Buch «Gstaad Through The Eyes Of The Falcon» bietet einen schwindelerregenden Blick auf das Saanenland. Mit atemberaubenden Bildern imitiert das Werk – grösstenteils authentisch – die Sicht eines fliegenden Falkens.
SARA TRAILOVIC
Haben Sie auch schon einen Falken hoch oben am Himmel beobachtet und sich überlegt, wie das Saanenland aus seinen Augen wohl aussehen mag? Im Buch mit dem treffenden Titel «Gstaad Through The Eyes Of The Falcon», welches im vergangenen Monat erschienen ist, begleitet der Betrachter einen Wanderfalken bei seiner Tour über das Saanenland. Trotz der Zweidimensionalität und Statik der Bilder wähnt sich der Leser meist in der Bewegung eines Fluges, womit die eigentliche Aufnahmetechnik in den Hintergrund rückt und sich Bilder eröffnen, die sonst Vögeln vorbehalten bleiben.
Unterwegs mit einem Wanderfalken
Der Greifvogel erreicht die Bergdestination vom Wallis her und fliegt entlang der winterlichen Gsteigstrasse. Auf einem höher gelegenen Geröllfeld legt er eine Rast ein, nur wenige Meter von einem Alpensteinbock entfernt. Bald darauf eröffnet sich die Sicht auf die Matten Feutersoeys sowie auf den Gebirgskessel des Arnensees, ein bei Einheimischen wie Gästen beliebtes Ausflugsziel.
Die Reise geht weiter nach Gstaad, wo sich der Falke nach einem waghalsigen Flug durch die Promenade die Tribünen des Beachvolleyball-Turniers aus sicherer Entfernung ansieht. Dann lässt er die dichter bebaute Ortschaft zurück und es zieht ihn in das naturbelassene Turbachtal, wo er während seines Flugs nur eine Handvoll Gebäude zu sehen bekommt.
Atemberaubende Aufnahmen
Die Luftaufnahmen der vier Fotografen Garett Fisher, Christopher Ladley, Benoit Thumerelle und Nick Wallace zeigen das Saanenland nicht nur aus der klassischen Vogelperspektive, wie man sie von Landkarten und Google Maps kennt. Im Wechsel mit stimmungsvollen Panorama- und Nahaufnahmen werden dem Betrachter viele Facetten der Region nähergebracht. Kurzinformationen zu den neun Dörfern im Saanenland gehen den nach Ortschaften sortierten Bildern voran. Ansonsten wird sparsam mit Worten umgegangen. Nur ab und an präzisieren Bildlegenden den genauen Standort. Was die Jahreszeiten betrifft, berufen sich die Bilder auf keine Chronologie, und auch bei der geografischen Reihenfolge der Aufnahmen ist nicht immer eine kontinuierliche Route festzustellen. Dies lässt sich vielleicht damit erklären, dass vier verschiedene Fotografen – und damit auch vier verschiedene Falken – für das Buchprojekt gearbeitet haben. Einzelne Bilder fallen trotzdem mit Perspektiven auf, die nicht recht zum Rest des Buches passen wollen. Dabei schwingen jeweils auch Zweifel mit, ob sich ein Greifvogel in eine solche Situation begeben würde oder ob die Selbstinszenierung der Künstler bei der Auswahl im Vordergrund stand.
Die Reise geht weiter
Nach dem wilden Turbachtal führt die Reise des Vogels wieder zurück in Richtung Süden nach Lauenen, das im Buch als märchenhafter Kraftort beschrieben wird. Bei goldener Herbstsonne überfliegt er den Lauenensee, der vom Gelten- und Dungelschuss gespeist wird. Welcher der beiden Wasserfälle wenig später aus der spektakulären Falkenperspektive zu sehen ist, bleibt ungeklärt. Gleich darauf befindet sich der Reiseführer plötzlich wenige Meter über einem verschneiten Waldweg im Rohr, einem Naturschutzgebiet zwischen See und Dorf. Dann findet der Reiseführer seinen Weg nach Saanen, wo er den Gstaad Airport bei spätsommerlicher Abendstimmung sowie an einem Wintermorgen überquert (scheinbar ohne Zwischenlandung).
In turbulentem Stil geht die Reise weiter in die nördlich gelegenen Orte Schönried und Saanenmöser und endet in der abgelegenen Bergsiedlung Abländschen, wo der Falke auf junge Gämsen und eine Saanenziege trifft. Nach einem letzten Blick durch das «Grossmutterloch» im Felsen der Gastlosen verlässt er das Saanenland.
Ein turbulenter Flug
«Gstaad Through The Eyes Of The Falcon» will dem Leser ein vielfältiges und paradiesisches Bild der Region vermitteln. Nicht nur wegen den stimmungsvollen Licht- und Bildkompositionen werden die Gefühle des Betrachters angesprochen. Für viele wird der Wiedererkennungswert der Landschaft und Gebäude für Aufregung sorgen. Auch die verschiedenen Bildstile generieren Spannung. Kunstvolle, teilweise fast schon abstrakte Kompositionen folgen auf klassische Darstellungen der traditionsreichen Ortschaften.
Die sparsame Beschriftung verstärkt einerseits das Gefühl, aus dem Flug des Wildvogels auf das Saanenland zu blicken, unbefangen und frei. Andererseits generiert sie in Kombination mit den abrupten Perspektivenwechsel und Bildern von teilweise unzugänglichen Plätzen auch eine Orientierungslosigkeit. So könnten sich auch Leute, welche das Saanenland wie ihre Westentasche kennen, über den genauen Aufnahmeort den Kopf zerbrechen.
Das 190-seitige Fotobuch lässt sich von innen und aussen sehen und ist besonders für Stammgäste und Ortsansässige empfehlenswert. Doch auch Fotografie- und Naturbegeisterte dürften Gefallen daran finden. Die Aufnahmen entsprechen nicht alle dem Konzept des Falkenfluges, was der fotografischen Qualität jedoch keinen Abbruch tut. Ein gelungener und neuartiger Einblick in die Destination Gstaad, in dem auch unbekannte Teile der Region ganz gross herauskommen.
Das Buch ist erhältlich bei: Müller Medien in Gstaad, Buchhandlung Au Foyer in Saanen, Papeterien Cadonau in Gstaad und Pfander in Zweisimmen. Infos und Bestellung unter: www. mmedien.ch/falcon



