Pulver gut – alles gut

  19.12.2017 Sport

«Teste unsere Skilehrer» war die Devise von 80 Schweizer Skischulen am vergangenen Wochenende. Die Initiative lag bei Swiss Snowsports, dem Dachverband der Schweizer Skischulen. Auch drei Skischulen im Saanenland haben an der Aktion teilgenommen. Der «Anzeiger von Saanen» hat die Skilehrer von Gstaad getestet.

BLANCA BURRI
Kaum jemand kam in den vergangenen Tagen und Wochen um die glatten Strassenverhältnisse herum, so auch die Autorin. Im Skioutfit marschierte ich am vergangenen Montag zielstrebig Richtung Eggli Gondelbahn, lief etwas zackig ums Auto herum und schon lag ich mitsamt der gesamten Ausrüstung am Boden. Nach einem kurzen Check war klar, dass ausser einem blauen Ellbogen keine weiteren Beinträchtigungen zu erwarten waren. Schliesslich rief der Berg – Testski und Skilehrer inbegriffen. Schon bei der Gondelbahn lief mir eine Gruppe Skilehrer entgegen. Jan Brand, Skischulleiter der Skischule Gstaad, klärte mich auf: «Diese Skilehrer haben eine interne Weiterbildung und sind nicht Teil der Aktion ‹Teste unsere Skilehrer›.»

Ski testen
Auf dem Eggli waren sie wiederum prominent vertreten, die traditionsgemäss rot und weiss gekleideten Skilehrer der Schweizer Skischulen. Sie wärmten sich im Kreis auf, während es vom Himmel «Leintücher» schneite. Bald darauf nahmen sie die bestens präparierten Skipisten unter ihre Ski und machten sich Richtung Tal auf, um die neusten Tricks zu lernen, wie sie ihre Skigäste unterrichten sollten. Zurück blieben eine Handvoll Skilehrer und ein paar Duzend Ski, die Brand Sport zum Testen auf die Skipiste gebracht hatte. Nach der kurzen Begrüssung war bald klar, dass mich Skilehrer Urs Annen unter die Fittiche nehmen würde, um mir ein paar Tricks weiterzugeben. Er half mir bei der Auswahl des Skis. «Ich empfehle dir heute diesen Salomon, dessen Schaufel und Mittelstück wenige Zentimeter breiter ist als ein typischer Carving-Ski», erklärte er. Damit sei ich auf der weichen Piste und im perfekten Pulver gut beraten, denn der Ski habe etwas Auftrieb. Kompetent und in Windeseile montierte Michel Brand die Ski an meine Skischuhe und schon ging es los.

Rot mit Weiss und vielen Tipps
«Mach ein paar lange und ein paar kurze Schwünge», instruierte mich Urs Annen. «Ich schaue ab und zu über die Schultern, um deinen Fahrstil zu beurteilen.» Urs Annen im leuchtend roten Anzug fuhr also vornweg und ich hinterher, das klassische Bild, das man auf den Skipisten so oft antrifft. Schon nach wenigen Schwüngen wuchs mir der Ski ans Herz. Er glitt perfekt über die Piste, die mit einer Schicht Pulverschnee bedeckt war. Er meisterte den Übergang in den Pulverschnee reibungslos und trug mich wunderbar über die Schneemasse, ohne zu tief einzusinken. Auch verzieh er jede Unebenheit und aufgestossenen Schnee.

Schon bald sah Urs, was an meinem Fahrstil grundsätzlich zu ändern war: «Bei den langen Schwünge sollten die Ski knapp hüftbreit auseinanderliegen, bei den kurzen Schwüngen aber bleiben sie geschlossen.» Seit Carven in die Mode kam, war ich immer bemüht, die Ski nicht zu eng zu halten. Als ich die Kurzschwünge nun mit geschlossenen Beinen versuchte, merkte ich, wie viel einfacher es ging – fast ohne Krafteinsatz. Erstaunlich, was dieses kleine Detail ausmacht.

Schon bald suchten wir den perfekten Hang für ein paar Schwünge ausserhalb der Piste. Das war am Samstag ein Muss, weil es in den letzten Tagen eine einladende Schneedecke gegeben hatte. Der einheimische Skilehrer führte mich durch ein paar Bäume in eine grosse Lichtung, von der es talwärts Richtung Matten ging. Er gab mit seinen kurzen Schwüngen den typischen Neuschneerhythmus vor, der mit dem Testski einfach zu imitieren war. In den Pausen erklärte er mir, dass man immer vorausschauen und sich überlegen solle, welche Route man nehmen wolle. Gerade die Unebenheiten im Schnee solle man lernen zu lesen, damit man sich auf Hindernisse unter dem Schnee vorbereiten könne. «Zum Beispiel könnten Wölbungen einen Stein, eine Wurzel oder Äste unter dem Schnee bedeuten und sollten umfahren werden.»

Begeisterter Skilehrer
Nach dem perfekten Schneevergnügen hatten wir in der Gondel etwas Zeit, über den Beruf Skilehrer zu sprechen. Auch nach 25 Jahren ist der Landwirt im Winter immer noch begeisterter Skilehrer. Natürlich sei man im Frühling nach der intensiven Wintersaison mit Stallpflichten und vielen unterschiedlichen Gästen müde, doch jeden Herbst freue er sich wieder aufs Neue, mit den vielen Stammgästen auf dem Schnee unterwegs zu sein. Die Skischule Gstaad biete zwar ein breites Programm für Gruppenunterricht an, was aber nur etwa 40 % des Umsatzes ausmache. Urs Annen gehört zu den Skilehrern, die hauptsächlich mit Privatskigästen (60 % des Umsatzes) unterwegs sind. «Zwar ist die Aufenthaltsdauer der Gäste wie in den Hotels kürzer geworden, doch noch immer haben wir sehr viele private Skigäste», betont Annen. Das sei in anderen Skigebieten anders, wo der grössere Teil die klassischen Skiklassen für Kinder ausmacht.

Beim Privatunterricht sei die grösste Herausforderung zu spüren, was die Gäste wünschten und diese Wünsche zu erfüllen. «Eltern wollen zum Beispiel, dass die Kinder Spass haben und schnell Fortschritte machen. Oftmals brauchen Erwachsene einen Begleiter, der sie im Hotel abholt und ihnen ein schönes Skierlebnis mit einem feinen Zmittag bietet.»

Bei der Bergstation angekommen, gebe ich die Ski schweren Herzens wieder ab. Auch der Skilehrer wird bereits von einer anderen Person für die nächsten Tipps in Anspruch genommen. Und so sattle ich auf die Carving-Ski um, wage es aber dennoch, einen Pulverhang in Angriff zu nehmen. Welche Enttäuschung! Der Ski sinkt ein und so fahre ich mit grosser Kraftanstrengung und Schweissausbrüchen ins Tal. Das Gute daran: Ich kenne meinen Wunsch fürs Weihnachtsgeschenk 2018 bereits.


«TESTE UNSERE SKILEHRER»

«Wir möchten die Hemmschwellen abbauen, sich zwischendurch einen Skilehrer zu leisten», erklärt Jan Brand, Skischulleiter Gstaad, wieso seine Skischule bei der Aktion «Teste unsere Skilehrer» mitgemacht hat. «Denn viele Leute wissen nicht, wie es ist, einen Skilehrer bei sich zu haben, mit der Aktion können sie es für eine Abfahrt oder zwei ausprobieren.»
Noch immer gebe es viele Eltern, die ihre Kinder in den Unterricht schickten, sich selber aber ein bisschen vergessen würden, sagt auch Gaby Mumenthaler von Swiss Snowsports. «Der Skilehrer kann kleine einfache Tipps geben, sodass das Skifahren auch auf einem hohen Level ständig verbessert wird und somit noch mehr Spass macht», begründet sie.
Der Anlass am vergangenen Samstag sei ein Test gewesen und wenn die Rückmeldungen der Gäste und der Skilehrer positiv seien, baue man das Angebot «Teste unsere Skilehrer» aus. Das Echo sei bis Redaktionsschluss positiv gewesen, obwohl es durch den dichten Schneefall am Morgen nicht so viele Gäste gehabt habe.
Natürlich beinhalte die Aktion neben der Werbung für die Schweizer Skischulen auch Werbung für den Wintersport, meinte Jan Brand. Der perfekte Saisonstart am vergangenen Wochenende mit den weiss verschneiten Bergen sei dafür ideal gewesen. Nach den letzten schneearmen Wintern habe sich das Buchungsverhalten schon etwas verändert: «Die Buchungen sind etwas zurückhaltend», so Jan Brand. Das betreffe nicht die Hauptsaison, sondern eher die Nebensaison. Trotzdem habe er gleich viele Skilehrer engagiert wie in den Vorjahren, denn während der Spitze müsse das Angebot abgedeckt werden. Glücklicherweise arbeiten bei der Skischule Gstaad etwa 70 % Skilehrer, auf die Brand Jahr für Jahr zählen kann – die meisten davon seien einheimisch.


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