Fantastische Kulisse in Saanen

  22.07.2016 Sport

Angefeuert von hunderten Zuschauerinnen und Zuschauern fuhr das lang gezogene, 180 Mann starke Fahrerfeld kurz vor 14 Uhr in hohem Tempo – angeführt vom Polen Rafal Majka im Bergpreistrikot – durch das Saanendorf.

ANITA MOSER
Schon lange bevor der Tross der Tour de France auch nur in Sichtweite war, drängten die Radsportfans und solche, die das Spektakel live verfolgen wollten, in den historischen Dorfkern von Saanen oder sicherten sich einen guten Platz am Ein- oder Ausgang des Dorfes und entlang der Hauptstrasse. Ganz «angefressene» Fans bezogen mit ihren Campern schon am Vorabend Position in Saanenmöser, wo es einen Bergpreis der Kategorie 3 gab.
Ab 12 Uhr schlängelte sich in der heissen Mittagssonne der kilometerlange, kunterbunte Werbetross durch das enge Dorf. Aus den Lautsprechern dröhnte laute Musik, die Animatorinnen und Animatoren verbreiteten gute Laune und warfen Werbegeschenke – Hüte, Bonbons, Mickey- Mouse-Heftli und dergleichen – in die Menge. Die Souvenir-Sammelwut erfasste jedoch nicht nur Kinder, auch die Erwachsenen streckten ihre Hände nach den Artikeln, bückten sich, um das eine oder andere Werbegeschenk vom Boden aufzuheben.

Volksfeststimmung im Dorf
Im Dorfkern konnte man sich an verschiedenen Ständen verpflegen und eine grosse Leinwand auf dem Dorfplatz sowie ein Grossbildschirm auf dem Sanonaplatz verkürzten die Wartezeit. Ein Grossaufgebot an Polizisten, Militärangehörigen, Zivilschützern und freiwilligen Helfern postierte sich nach und nach an seinen zugeordneten Plätzen. Kurz nach 13.30 Uhr entrollte die Kantonspolizei das Absperrband, um die immer grösser werdende Menge von der Fahrbahn zurückzuhalten. «Sie sind in Saanenmöser, in wenigen Augenblicken werden sie in Saanen sein», informierte ein uniformierter Beamter durch das Megaphon. Wenig später kündigten die Motorräder der Polizei und jene mit den Kamerafahrern die baldige Ankunft der Rennfahrer an und auch der Helikopter des französischen Fernsehens flog über das Dorf.

«Hopp Fäbu»
Kurz vor 14 Uhr und damit fast eine Viertelstunde früher als erwartet traf der Pole Rafal Majka im gepunkteten Bergpreistrikot als erster in Saanen ein, im Schlepptau eine kleine Verfolgergruppe. Wenig später fuhr das lang gezogene Fahrerfeld, angefeuert von der Menge am Strassenrand, in hohem Tempo durch das enge Saanendorf. Gut zu erkennen war Chris Froome im Maillot jaune, dicht dahinter der Schweizer Fabian Cancellara, der wie erwartet nach der 17. Etappe aus der Tour de France ausstieg, um sich für seine letzten Olympischen Spiele vorzubereiten – der Berner Radprofi wird Ende Saison seine Karriere beenden.
Viele Fans haben eine weite Reise in Kauf genommen, um einmal live bei der «Grande Boucle», dem nach den Olympischen Spielen und der Fussball-Weltmeisterschaft drittgrössten Sportereignis der Welt – dabeizusein. «Wann sieht man das schon, ausser man fährt nach Frankreich?», meinte etwa Christian Traianou aus Zofingen, der mit seiner Familie extra nach Saanen gekommen war. Mit ihrem Schild «Hopp Fäbu» haben die drei speziell Fabian Cancellara angefeuert. Vater Christian hat sich eine Plastikvelopumpe auf den Velohelm montiert, für den Fall, dass Cancellara «dr Schnuf usgoht …», wie er schmunzelnd sagte. Was dann zum Glück nicht der Fall war. Und Werner Frey, im Saanenland bestens bekannt als Zither- und Alphornspieler, ist bereits um 4 Uhr aufgestanden, hat sich «tourmässig» eingekleidet, um rechtzeitig mit dem Zug in Saanenmöser zu sein und den TdF-Tross mit Alphornklängen zu empfangen.

Nach dem Besenwagen die Kehrmaschine
Die Durchfahrt des rund 180-köpfigen Feldes dauerte nur wenige Minuten. Nach dem Besenwagen rückte die Putzkolonne vom Kanton und von der Gemeinde mit ihren Kehrmaschinen aus, um die letzten Spuren des Spektakels zu beseitigen. Helfer entfernten die Polsterungen von den Strassenschildern und Hindernissen und um 14.42 Uhr konnten die Strassen wieder für den Verkehr freigegeben werden.
Der Anlass verlief reibungslos, man spürte, dass ein eingespieltes Team am Werk war. Auch die stundenlange Sperrung der Strassen für sämtlichen Verkehr wurde von den meisten Verkehrsteilnehmern ohne Murren akzeptiert.

Ein Wermutstropfen bleibt
«Es war sensationell», betonte auch Armando Chissalé, Verwaltungsdirektor der Gemeinde Saanen. «Am meisten geärgert hat mich, dass im Fernsehen nichts von Saanen zu sehen war.» Die Liveübertragung hat nämlich erst nach der Durchfahrt des Fahrerfeldes begonnen. Die Fahrer waren (zu) schnell unterwegs und kamen mehr als eine Viertelstunde früher in Saanen an als erwartet. Im Fernsehen live übertragen wurde die erste Alpenetappe jedoch erst ab 14.15 Uhr …
Gewonnen wurde die anspruchsvolle Etappe von Bern nach Finhaut-Emosson im Wallis vom Russen Ilnur Sakarin. Tourleader Chris Froome konnte seine Führung ausbauen und wird wohl am kommenden Sonntag als Sieger der diesjährigen Tour de France in Paris eintreffen.


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