«Die neue Marketinggesellschaft muss e erbringen, dass sie erfolgreich ist»
22.07.2016 TourismusSeit drei Jahren geistert der Name Gstaad Group im Saanenland herum. David Matti (Präsident Gstaad Saanenland Tourismus GST), Martin Bachofner (Direktor GST), Albert Bach (Gemeindepräsident Saanen), Armando Chissalé (Verwaltungsdirektor Saanen), Heinz Brand (Präsident Bergbahnen Destination Gstaad AG BDG) und Matthias In-Albon (Geschäftsführer BDG) geben Auskunft darüber, was die Gstaad Group ist und dass die Destinationsstrategie sowie die neue Marketinggesellschaft daraus resultieren.
Wer hat die Gstaad Group erfunden?
Martin Bachofner: Vorweg ist mir wichtig: Gstaad Group ist ein Arbeitstitel eines Projektes, ein Grundgedanke für die Entwicklung der Destination Gstaad. Gstaad Group ist also weder eine Firma noch ein Gebilde. Dieses Projekt wurde vor drei Jahren von GST initialisiert und wird seither von der Gemeinde Saanen sowie von der BDG mitentwickelt.
Was ist die Grundidee von Gstaad Group? David Matti: Viele Anspruchsgruppen in der Destination haben ähnliche Arbeitsprozesse. Als Beispiel nenne ich den IT-Bereich oder administrative Aufgaben. Die Grundidee von Gstaad Group ist, dass man Synergien nutzt, damit nicht jeder eine eigene Abteilung unterhalten muss, sondern dass man die immer komplexer werdenden Aufgaben gemeinsam löst und somit auch Geld sparen kann.
Martin Bachofner: Es geht eigentlich um eine Destinationsverdichtung nach innen. Wir stellen uns die Frage: Welche touristischen Leistungsträger können enger kooperieren als bisher und somit zum Beispiel Marketingmittel besser einsetzen?
Ist die neu gegründete Marketinggesellschaft also ein Teilprojekt der Gstaad Group?
David Matti: Ja, genau, sie basiert auf der Idee der Gstaad Group.
Geht es einzig ums Sparen oder gibt es noch andere Aspekte?
David Matti: Es geht bei weitem nicht nur ums Sparen. Am Projekt Marketinggesellschaft kann ich es einfach erklären: Konkret bündeln wir die zur Verfügung stehenden Mittel und können somit mit gleichem Werbebudget eine grössere Wirkung erzielen.
Die Marketinggesellschaft vereint aber nur Gelder von GST, BDG, Hotelierverein und Gewerbeverein. Sind alle anderen Leistungsträger wie die Grossevents davon ausgeschlossen?
Martin Bachofner: Es ist gedacht, dass bei den entwickelten Projekten sehr viele Partner Platz haben. Die Erfahrung der letzten drei Jahre hat aber gezeigt, dass viele Interessierte etwas Zeit brauchen, den Prozess von aussen beobachten und vielleicht später aufspringen.
Ist die Marketinggesellschaft das einzige Projekt, das aus der Gstaad Group gewachsen ist?
Martin Bachofner: Nein, auch die touristische Destinationsstrategie, welche in der zweiten Hälfte August der Öffentlichkeit vorgestellt wird, ist ein Produkt der Arbeitsgruppe Gstaad Group.
Wieso brauchte es diese neue Marketinggesellschaft? Wird der Verwaltungsapparat weiter aufgebläht?
Martin Bachofner: Nein, aber die Vergangenheit hat gezeigt, dass eine einfache Zusammenarbeit zwischen GST und BDG nicht möglich ist. Wir haben erkannt, dass es ein unabhängiges neues Gefäss braucht, um gut zu funktionieren, wo sich auch weitere Partner beteiligen können.
Wo sieht die BDG ihre Rolle in der Entwicklung der Destination?
Heinz Brand: Wir stellen uns die Frage: Wie können wir die Region in einer Einheit präsentieren und vermarkten? Wir haben für die Marketinggesellschaft die BDG und GST als Hauptpartner bewusst gewählt, weil sie die Hauptplayer der Region sind. Gstaad Mountain Rides zum Beispiel haben wir nicht integriert, weil wir möchten, dass GST und BDG direkt über die Verwendung der Marketinggelder entscheiden können. Somit entfällt künftig die Marketingaufgabe des Tarifverbundes Gstaad Mountain Rides. In einer früheren Phase wollten wir nicht nur das Marketing, sondern alle Aufgaben von GST, BDG und den Events zusammenlegen. Das hätte ein ganz neues Konstrukt gegeben. Davon sind wir nun aber abgekommen, weil wir sonst den Wagen überladen hätten. Wir möchten, dass die Gesellschaft von innen natürlich wächst und sich entwickelt.
Zurück zu meiner Frage: Welche Rolle nimmt die BDG in der Marketinggesellschaft ein?
Matthias In-Albon: Das spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass wir etwas entwickeln, wo wir Synergien nutzen und Mittel bündeln können, damit wir nicht mehr doppelspurig auftreten.
Welche Rolle nimmt die Gemeinde Saanen ein?
Albert Bach: Für uns ist es sehr wichtig, dass wir nur noch einen Ansprechpartner haben. Nun müssen wir einen Leistungsvertrag mit der neuen Marketinggesellschaft ausarbeiten, damit wir prüfen können, dass die Gelder in unserem Sinn eingesetzt werden. Es soll ein Instrument sein, bei dem wir auch eingreifen können, wenn es aus unserer Sicht falsch läuft.
Was wird als Grundlage für den Leistungsauftrag dienen?
Martin Bachofner: Das muss die touristische Destinationsstrategie sein, bei der auch die Gemeinde Saanen mitgearbeitet hat.
Matthias In-Albon: Wir befinden uns im Saanenland in der sehr schönen Situation, dass Marketinggelder nicht nur aus Kurtaxen und TFA bestehen, sondern dass auch die Gemeinde einen Beitrag leistet. Eine reiche Gemeinde ist eine grosse Chance, kann aber auch ein grosses Risiko sein, weil man mit den Geldern plötzlich nicht mehr haushälterisch umgeht oder zu wenig innovativ ist. Zudem werden von vielen Seiten Begehrlichkeiten angemeldet.
Martin Bachofner: Betreffend Begehrlichkeiten wird es dann gefährlich, wenn die Gemeinde Geld nach dem Giesskannenprinzip verteilen würde. Wir möchten fokussierter und zielgerichteter in die Zukunft schreiten als bisher. Deswegen sind die laufenden Prozesse sehr wichtig.
Bei welcher Gemeindeversammlung werden Sie den ersten Kredit beantragen?
Heinz Brand: Noch dieses Jahr, das heisst an der September- oder Dezember-Gemeindeversammlung.
Wie hoch stellen Sie sich den Kredit vor? Heinz Brand: (lacht) Die Marketinggesellschaft stellt sich den Betrag relativ hoch vor und die Gemeinde relativ tief. Martin Bachofner: Der Marketing Push, den die Gemeinde Saanen in den letzten Jahren finanziert hat, betrug jährlich rund 500 000 Franken. Gegenwärtig arbeiten wir an einer neuen Finanzierungsvorlage für die Gstaad Marketing GmbH, bei der nicht nur direkte Marketinggelder beantragt werden, sondern auch ein «Finanzierungstopf» von kleineren Events.
Worum geht es bei diesem Event-Kredit? Martin Bachofner: Die Marketinggesellschaft möchte einen Bereich Eventmanagement und -koordination aufbauen. Dabei geht es darum, dass Eventgelder neu von der Marketinggesellschaft verteilt werden und nicht mehr von der Gemeinde und von GST separat.
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen? Martin Bachofner: Klar. Wenn zum Beispiel eine Formula-E-Meisterschaft neu auf dem Flugplatz Saanen ein Rennen durchführen will und dazu bei der Gemeinde Geld abholen möchte, wird sie an die Marketinggesellschaft verwiesen. Dort wird geprüft, ob dieser Event in die Destinationsstrategie passt. Danach wird mit einem Bewertungsraster festgelegt, wie viel Geld der Event für die ersten Austragungen erhält. Nach der Durchführung wird überprüft, ob der Event die Zielsetzungen eingehalten hat.
Werden künftig auch die Topevents über diesen Pool laufen?
Armando Chissalé: Die Grossevents müssen vorerst separat betrachtet werden.
Wieso?
Armando Chissalé: Es wird Zeit brauchen, bis die lokalen Grossveranstaltungen sich mit der neuen Marketinggesellschaft identifizieren können. Die Grossveranstaltungen betrachten die Marketinggesellschaft momentan als Durchlauferhitzer, weswegen die neue Marketinggesellschaft erst den Beweis erbringen muss, dass sie erfolgreich ist. Dies schafft die Basis dafür, dass auch die Grossevents Vertrauen gewinnen und dass das gesamte Marketinggeld der Gemeinde künftig über die neue Gesellschaft verteilt werden kann.
Und die bisherigen kleineren Events?
Armando Chissalé: Diese werden sicherlich schon bald über die Marketinggesellschaft laufen.
Wie viel Knowhow hat die Gemeinde, um im Sinne der Destination Marketinggelder zu verteilen?
Armando Chissalé: Wir haben uns das Knowhow in den letzten Jahren stetig aufgebaut und schlecht sind wir nicht. Denn wir haben eine Studie von der Universität Bern erarbeiten lassen, die nach der Auswertung aufgezeigt hat, dass die Gemeinde in den letzten fünf Jahren Events oder Kreditanträge von Tourismusseite sehr praxisnah und ausgeglichen beurteilt und das Geld dementsprechend gut verteilt hat. Natürlich wollen wir uns in diesem positiven Sinn weiterentwickeln.
Wie viel Geld wurde bisher an Events verteilt?
Armando Chissalé: Rund 110 000 Franken pro Jahr.
Gehen wir davon aus, dass BDG und GST künftig den Bereich Personal und Administration ähnlich der Marketinggesellschaft zusammenlegen wollen. Wird in diesem Fall wiederum eine neue GmbH gegründet?
Heinz Brand: Das lassen wir noch offen, denn das wird vom Steuerungsausschuss geprüft und mit Arbeitsgruppen entwickelt, entsprechend der Erschaffung der touristischen Destinationsstrategie und der Marketinggesellschaft.
Martin Bachofner: Mit den Meilensteinen Marketinggesellschaft und Destinationsstrategie ist zwar der Startschuss gelungen, es ist jedoch richtig, dass diese Projekte weiterentwickelt und andere Projekte folgen werden.
Matthias In-Albon: Dort, wo es Sinn macht und wo wirklich Synergien realisiert werden können, können wir zusammenlegen, bei grossen branchenspezifischen Unterschieden wird es aber schwierig.
Könnte sich auch die Gemeinde vorstellen, künftig Leistungen zum Beispiel im Bereich IT abzuholen?
Armando Chissalé: Wir haben viele branchenspezifische Gegebenheiten und tausend extrem heikle Schnittstellen mit dem Kanton, Bund etc. Deswegen kann ich es mir nicht vorstellen, dass die Gemeinde den Bereich IT abgibt. Sie könnte aber ein Rechenzentrum für die ganze Destination zur Verfügung stellen.
Matthias In-Albon: Die Anforderungen an den Bereich IT wachsen ständig überproportional und dieser Posten kostet uns leider sehr viel oder sogar zu viel Geld. Deswegen macht es unbedingt Sinn, eine grössere IT-Abteilung mit mehreren Partnern anzudenken. Somit können wir vollwertige attraktive Arbeitsplätze schaffen. Weil das Team grösser würde, wäre der Bereich IT weniger anfällig auf Personalausfälle, da das Wissen bei mehreren Mitarbeitern angesiedelt ist und es somit zu keinen Klumpenrisiken kommt. Vor drei Jahren wurde mit dem Prozess begonnen. Wieso gab es nicht früher Resultate?
Heinz Brand: Ich gebe es zu, die BDG war ein Bremsklotz. Sie war lange Zeit mit sich selber beschäftigt, weil sie bekanntlich grosse finanzielle Schwierigkeiten hatte. Inzwischen ist sie aber saniert und neue Strukturen werden aufgebaut. Deswegen hat sie nun wieder Kapazität, am wichtigen Thema Weiterentwicklung zu arbeiten.
Wie wichtig ist der Grundgedanke Gstaad Group für die Zukunft der Destination?
Heinz Brand: Der ist immens wichtig, denn wir müssen uns entwickeln! Weil wir mit den Projekten neues Terrain betreten haben, das wir erst ebnen mussten, hat die Erarbeitung der Marketinggesellschaft und der Destinationsstrategie sehr lange gedauert. Ich glaube, dass künftige Projekte schneller ins Rollen kommen. Eine grosse und schwierige Vorarbeit ist erledigt, wir können auf das neue Fundament bauen. Armando Chissalé: Ja, es wurde ein gutes Fundament erstellt. Aber die neuen Strukturen müssen sich erst beweisen, bevor weitere Projekte ins Laufen kommen können.
David Matti: Wichtig ist, dass wir nun nicht in Aktionismus verfallen, sondern mittelfristig denken.
Welche Risiken gibt es für die Entwicklung der Projekte?
David Matti: Vor allem externe Einflüsse können unser Vorhaben schwächen. Matthias In-Albon: Ja, zum Beispiel die Auswirkungen von Brexit, Bankenkrisen etc.
Martin Bachofner: Diese Krisen gibt es immer und sie wirken sich immer als erstes auf den Tourismus aus, damit müssen wir einfach umgehen. Aber es gibt auch destinationsinterne Risiken. Zum Beispiel in der Rollenteilung der involvierten Player. Wir, das heisst GST, BDG und die Gemeinde Saanen, müssen einen Weg finden, welche Rollen wir künftig intern und gegenüber der Bevölkerung spielen, und uns auch daran halten.
Welches wichtige Thema wurde noch nicht angesprochen?
Heinz Brand: Wir müssen im Saanenland endlich lernen, positiv zu denken und nicht immer alles negativ auszulegen …
Armando Chissalé: … und das Gärtlidenken muss endlich aufhören. Wir müssen globaler denken lernen.
Martin Bachofner: Man soll sich bewusst sein, dass auch bei GST oder bei der BDG, wie in jedem Unternehmen, Fehler passieren können und diese sollten auch verziehen werden können. Über alle Leistungsträger der Region gesehen machen wir – das Saanenland – einen guten Job, davon bin ich überzeugt. Wenn wir uns mit der Konkurrenz vergleichen, merken wir, dass wir gut sind.
Albert Bach: Das stimmt. Man muss weit gehen, bis man wieder eine Destination mit einem so dichten und abwechslungsreichen Angebot findet, wie wir es haben.
PROJEKTE, DIE AUS DEM GRUNDGEDANKEN GSTAAD GROUP ENTSTANDEN SIND Marketinggesellschaft
– Partner: GST (40 %), BDG (40 %), Gewerbeverein (10 %) und Hotelierverein (10 %) – Operative Tätigkeit: ab 1. November 2016 – Geschäftsführer: Andreas Wandfluh – Ort ist noch offen
Destinationsstrategie – Öffentliche Präsentation am 24. August um 20 Uhr in Saanen







