«Machet wyter so»
11.07.2016 SaanenAm zweiten Tag seiner Reise besuchte der Gesamtbundesrat Abländschen und Saanen. Nach einer E-BikeTour durch das Grischbachtal wurden die zwei Bundesrätinnen und die sieben Bundesräte auf dem Sanonaplatz von der Bevölkerung herzlich willkommen geheissen. Nach dem klassischen Konzert mischten sich die Bundesräte beim Apéro auf dem Dorfplatz zum «Dorfe» mit der Bevölkerung unter das Volk.
ANITA MOSER
Am Vormittag sprachen die Mitglieder des Bundesrates und die Bundeskanzler in Abländschen mit dem Gemeindepräsidenten Albert Bach und einigen der 43 Einwohnerinnen und Einwohnern über die Geschichte des Dorfes und die Perspektiven im Berggebiet. Anschliessend hiess es, den Velohelm aufsetzen und sich in den Sattel schwingen: per E-Bike ging es vom Mittelberg durchs Grischbachtal nach Saanen. Die Fahrt habe etwa eine Dreiviertelstunde gedauert. «Das Grischbachtäli wurde von der Polizei abgesperrt, damit nicht plötzlich einer entgegenkommt», sagte Bundespräsident Johann Schneider-Ammann später im Gespräch mit den Medienvertretern. «Im gestreckten Feld sind wir nach Saanen gekommen. Man hat schon gemerkt, welche gut trainiert sind …»
Auf dem Sanonaplatz kamen die Landesregierung und die gegen 500 Anwesenden mit dem Konzert «Top of Switzerland – Brass Prélude», gespielt von den Blechbläsern des Gstaad Festival Orchestras und des Lucerne Chambers Brass – in den Genuss einer Kostprobe des Menuhin Festivals Gstaad, das am kommenden Donnerstag beginnt. «Top of Switzerland» aus verschiedenen Gründen, erklärte Leonz Blunschi. «Die Top-Musiker kommen aus dem hauseigenen Festival Orchestra und dem Lucerne Brass. Es ist auch eine Hommage an die Brass-Tradition im Saanenland. Und», wandte sich Blunschi direkt an die Mitglieder der Landesregierung, «Sie sind natürlich Top of Switzerland». Das Publikum quittierte dies mit spontanem Applaus.
Der Bundespräsident bekomme als Geschenk weder Käse noch Wurst, sondern ein Sitzkissen, das am kommenden Donnerstag Premiere habe. «Als engagierte Landesregierung werden Sie sehr oft sehr lange Sitzungen haben und eventuell auch Stühle, die vielleicht im Sitzen ausharren lassen, da könnte es dienlich sein, einen Sitz auf diesen Sitz nehmen… » witzelte Blunschi. Der Bundespräsident nahm den Faden auf: «Ich kann Ihnen sagen, es gibt in Bundesbern Stühle, da braucht man mindestens drei oder vier davon, damit man so sitzen kann, dass man auf die Pulte und in die Säle sieht. Es sind wunderschöne Sitze, aber nicht alle sind gleich bequem …»
Falsch abgebogen und im Saanenland gelandet
Es sei ihm eine grosse Ehre, den Bundesrat im Namen der Gemeinde und Bevölkerung zu begrüssen, betonte Gemeindepräsident Albert Bach. Dieser Tag werde sicher allen in Erinnerung bleiben und speziell ihm – dank der guten Gespräche, die er mit der Landesregierung habe führen können. Er überreichte dem Bundespräsidenten eine Gutschein für das Menuhin Festival. So hätten die Damen und Herren Bundesräte einen guten Grund für einen weiteren Besuch im Saanenland. «Es ist kein Geschenk, das Sie an eine Wand hängen oder im Staatsaarchiv abgeben müssen. Sie dürfen es selber gebrauchen …», meinte Albert Bach mit einem Schmunzeln.
«Wir sind beeindruckt – vor allem vom Dorfkern, der ein Bijou geworden ist», begann ein gut gelaunter Bundespräsident seine kurze Ansprache auf dem Dorfplatz. Das Saanenland sei für ihn so etwas wie die zweite Heimat, der Erholungsort Nummer eins. Diese Liebe zum Saanenland habe vor 40 Jahren begonnen. «Wir wollten über die Lenk auf das Wildhorn, sind aber in Lauenen gelandet und von da auf das Wildhorn gestiegen.» So habe er das Saanenland kennen gelernt.
«Gestern waren wir in meiner ersten Heimat», erzählte der Bundespräsident. «Wir waren in Affoltern im Emmental und haben dort Emmentaler Käse hergestellt. Wir haben ein KMU besucht, das zu 95 Prozent seiner Produkte in die Internationalität verkaufen können muss und damit 180 Arbeitsplätze sichert. Wir konnten uns einmal mehr überzeugen, dass es trotz des starken Schweizer Frankens immer noch möglich ist, Exportgeschäfte zu tätigen.»
Am Abend habe sich der Gesamtbundesrat zusammen mit den drei Bundeskanzlern das Fussballspiel Frankreich gegen Deutschland angeschaut.
«Selbstverständlich waren alle einverstanden mit dem Resultat – die einen etwas mehr und die anderen etwas weniger …»
Ein typischer schweizerischer Tourismusort
Für ihn sei Saanen ein typischer schweizerischer Tourismusort, wie er sein soll. Er freue sich darüber, wie es dem Saanenland gelinge, das Publikum, auch das künftige Publikum, immer wieder herzubringen und zu begeistern. «Machet wyter so, machet wyter so.»
Aber ganz ohne Politik geht es auch auf der bundesrätlichen Schulreise nicht. Es gebe Themen, die «für unser Land wesentlich sind, die kann man
nicht ausblenden, auch auf einer Schulreise nicht», betonte der Bundespräsident. Ganz zuoberst auf der Agenda sei die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative, die das Volk am 9. Februar 2014 angenommen hatte. «Wir wollen und müssen eine Lösung mit der europäischen Union finden – ein Unterfangen, das nicht einfach ist.» Aber er sei zuversichtlich. «Wir finden eine Lösung. Wir finden sie etwas früher oder später – sie muss gefunden werden.»
Und noch mehr Komplimente
Und zum Schluss gab es noch mehr Komplimente von höchster Stelle: «Sie, die Gemeinde Saanen, bringt es fertig, eine fast Nullprozent-Arbeitslosigkeit zu realisieren.» Und das sei in einem «Randgebiet» eines grossen Kantons keine Selbstverständlichkeit. «Das Gewerbe ist aber so vielseitig, der Tourismus so gut ausgewogen geführt und gepflegt, dass es eben gelingt. Und mit diesem Beispiel gehen wir dann von Saanen weg und sagen uns: Wir tun das Unsrige, dass in diesem Land möglichst alle eine Beschäftigung bekommen und damit eine Perspektive. Das ist meine politische Zielsetzung.»
«Dorfe» mit der Bevölkerung
Während des Apéros mischten sich die Mitglieder der Landesregierung unter das Volk zum «Dorfe», wie man im Saanenland zu sagen pflegt. Die Bundesrätinnen und Bundesräte zeigten sich dabei so volksnah, dass man sie im Gedränge kaum mehr ausmachen konnte. Eine Volksnähe, die viele Anwesende positiv überraschte. «Dass man von einer Bundesrätin angesprochen wird, hätte ich nicht erwartet. Ich war ganz perplex», meinte eine Frau.
Weitere Bilder vom Besuch des Bundesrates in Saanen werden wir in der nächsten Ausgabe publizieren.
Der «Anzeiger von Saanen» als Bettlektüre Eigentlich habe er bei seiner kurzen Ansprache noch sagen wollen, dass er zweimal pro Woche mit dem «Anzeiger von Saanen» einschlafe, sagte Bundespräsident Johann Schneider-Ammann mit einem Augenzwinkern gegenüber der Schreibenden und schob – um Missverständnissen vorzubeugen – sofort nach: «Aber in gutem Sinn».
So richtig bergsteigen im Fels tue er nicht mehr, antwortete er auf die Frage, ob er noch Touren mache wie beispielsweise dazumal auf das Wildhorn. «Aber ich mache meine Touren, auf die Walliser Wispile und solche Sachen.» Dass man sich als Bundesrat, als Landesregierung im Saanenland, in der ganzen Schweiz ingesamt frei bewegen könne, sei ein Privileg, das er sehr zu schätzen wisse.
Nun geniesse er eineinhalb Tage Ferien und dann gehe es für eine Woche in den Fernen Osten, danach wieder nach Saanen. «Rechtzeitig zum Menuhin Festival.»
Auf die Frage eines Journalisten, was von der zweitätigen Schulreise in Erinnerung bleibe, anwortete der Bundespräsident: «Wahrscheinlich wird es schon die Velotour sein. Es war wunderschön, das hat man nicht jeden Tag.» ANITA MOSER



