Alphorn-Burger im Basler Backofen
30.06.2026 GstaadDas 32. Eidgenössische Jodlerfest vom 26. bis 28. Juni mutierte zur absoluten Hitzeschlacht. Bei extremen Temperaturen von bis zu 39 Grad wurde die Alphorngruppe Gstaad im besten Sinne «garüberzogen». Auf den Aussenplätzen wurde die Alphorngruppe unfreiwillig zu den ...
Das 32. Eidgenössische Jodlerfest vom 26. bis 28. Juni mutierte zur absoluten Hitzeschlacht. Bei extremen Temperaturen von bis zu 39 Grad wurde die Alphorngruppe Gstaad im besten Sinne «garüberzogen». Auf den Aussenplätzen wurde die Alphorngruppe unfreiwillig zu den am heissesten diskutierten «Alphorn-Burgern» des Wochenendes. Die Jodlergruppen, auch die aus dem Saanenland, durften in klimatisierten Räumen auftreten. Das Eidgenössische Jodlerfest lockte rund 200’000 Gäste in die Rheinstadt, die sich innert kürzester Zeit in einen riesigen Glutofen verwandelte.
EUGEN DORNBIERER-HAUSWIRTH
Letzter Feinschliff vor dem Eidgenössischen
Eine Woche vor dem Fest, nach einem langen Arbeitstag und ebenfalls bei hochsommerlichen Temperaturen, versammelten sich die Alphornbläser:innen zu ihrer finalen, entscheidenden Probe vor dem Eidgenössischen. Für das feinfühlige Einspielen setzte Dirigent Philippe Chevalier auf ein fokussiertes Warm-up à la Cichowicz. Systematisch liess er die Tonreihen spielen, um die notwendige Flexibilität und Lippenkontrolle für das bevorstehende Fest zu schulen. Besonderes Augenmerk galt dabei der rhythmischen Genauigkeit – schliesslich bildet der Rhythmus das tragende Fundament einer jeden gelungenen Melodie.
Pädagogisch behutsam, menschlich einfühlsam und dennoch klar artikuliert in seinen Ansprüchen leitete Chevalier sein Oktett. «Das war bereits ein hervorragender Ansatz», motivierte er seine Frauen und Männer nach dem ersten Probedurchgang. «Doch wir spielen das Stück noch einmal – ich weiss, dass ihr euer volles Potenzial noch steigern könnt. Ihr habt jahrelang intensiv auf das Eidgenössische hingearbeitet; zeigt nun, was in euch steckt!»
Ein weiteres Mal setzten die Spielleute hoch konzentriert die Mundstücke an, um die komplexe Tonfolge exakt im Sinne ihres Leiters zu intonieren. Trotz der spürbaren Anspannung wich die fröhliche Grundstimmung nicht aus dem Raum – und machte schliesslich der Erleichterung eines sichtlich zufriedenen Dirigenten Platz. Zum Probenende entliess Philippe Chevalier seine Kolleginnen und Kollegen mit einem Augenzwinkern und einem wertvollen Rat für das Festwochenende: «Unsere Lippen sind unser wichtigstes Kapital – tragt in diesen heissen Tagen besonders gut Sorge zu ihnen!»
Der Countdown beginnt
Schienengesteuert reiste die Alphorngruppe am Freitagvormittag ans Rheinknie. Die gute Laune erinnerte an längst gewesene Schulreisen, als die Mädchen noch schüchtern in den Zugabteilen sassen und die Knaben allerlei Schabernack trieben. Wertvoll, dass die Gstaader Alphornbläser:innen diese goldenen Jugendzeiten erleben durften. Im Herzen sind sie noch immer wie damals, möglicherweise weniger schüchtern, jedenfalls ohne Klamauk zu veranstalten.
Bei ihrer Ankunft in Basel erlebte die Alphorngruppe Gstaad eine hitzige Überraschung. Während im heimischen Saanenland noch eine erfrischende Brise wehte, empfing die Rheinstadt die Musikanten mit hochsommerlicher Bruthitze. Die extrem hohe Temperatur tat der Spielfreude jedoch keinen Abbruch.
Freitag: Die Vorträge unserer Alphorngruppen
Das Trio «Le Clou» machte den glanzvollen Auftakt der Vortragsreihe. Im Schatten des Leonhard-Schulhauses gaben sie das Stück «Geissenreihen» von Hansjörg Sommer zum Besten. Bei gefühlten 40 Grad Celsius regte sich über dem gepflegten Rasen nur gelegentlich ein Lüftchen – dieses war jedoch so heiss, als öffne man einen Backofen, um nach dem Schmorbraten zu sehen. Nichtsdestotrotz meisterten die Musiker ihren besonnenen Vortrag mit Bravour.
Das Trio «Julia e due Romeo» folgte um 19.12 Uhr. Mit der traditionellen Weise «Ranz des vaches des Alpes Gruyère» liessen Julia Reichenbach, Stefan Karnusian und Arnold Reuteler-Bettler das Bild des abendlichen Viehtriebs in den Bergen lebendig werden. Die wohlklingenden Harmonien berührten das Publikum tief und weckten innige Heimatgefühle.
Die Alphorngruppe Gstaad offerierte um 20.56 Uhr mit dem Titel «Gsundi Äntlibuecher Choscht» den Anwesenden im Schulhaus Leonhard ein traditionelles, kräftiges Nachtessen. Der Komponist Hermann Studer aus Escholzmatt wurde für sein Lebenswerk im Bereich der Alphorn-, Jagdund Blasmusik im Jahr 2015 mit dem renommierten Goldenen Violinschlüssel ausgezeichnet.
Samstag: Die Vorträge unserer Solistin und unserer Solisten
Um 16.28 Uhr waren die Ränge im Schulhaus St. Johann restlos besetzt. Julia Reichenbach zog das Publikum mit Robert Scottons «Ballade en montagne» sofort in den Bann: Virtuos entfaltete sie die Naturtöne des Alphorns und fing die friedliche Stimmung der Schweizer Bergwelt berührend ein.
Um 17.44 Uhr betrat Philippe Chevalier die Bühne. Sein Ziel: das Publikum mit dem Vortrag «L’air de rien» von Robert Scotton mitzureissen. Ob er das Stück – ganz im Sinne der französischen Redewendung – beiläufig und unbeeindruckt intonieren würde, blieb abzuwarten. Sicher ist: An Ehrgeiz fehlt es dem langjährigen, erfolgreichen Swiss-Ski-Trainer nicht.
Um 17.48 Uhr stellte Hansruedi König im Schulhaus St. Johann sein feines musikalisches Gespür unter Beweis. Mit seiner Interpretation von Eugen Fenners «Ostschweizer Choral» schuf er einen Moment tiefer Besinnung. Das Werk machte seinem Namen alle Ehre: Getragen, feierlich und von grosser Klangkraft erfüllt, erfüllte die Melodie den Raum und hinterliess eine sichtlich berührte Zuhörerschaft.
Die Jagd nach der «Klasse 1»
Die Bewertung baut auf fünf Punkten auf. Zuerst muss der Klang stimmen – er soll warm, rund und richtig voll sein. Jeder Tonsprung muss sitzen. Rutscht ein Ton weg oder gibt es einen unsauberen «Streifer», zieht die Jury Punkte ab.
Dazu kommt das Feingefühl für Lautstärke und Pausen. Das Tempo muss passen und wenn man in der Gruppe spielt, muss die Truppe absolut synchron sein. Den echten Unterschied für einen Spitzenplatz macht aber das Bauchgefühl: Erst wenn der Funke überspringt und die Musiker es schaffen, echte Emotionen rüberzubringen, gibt es die begehrte Note 1 – ein «Sehr gut».
Fazit von Stefan Karnusian
Das Jodlerfest hinterlässt bei der Alphorngruppe Gstaad einen rundum positiven Eindruck, so der Präsident der Gruppe. Betreffend Beschilderung und Toilettenkapazitäten an den Aufführungsorten gäbe es noch Raum für Optimierungen. «Mit den Noten waren meine Kolleginnen und Kollegen unterschiedlich zufrieden. Über allem standen jedoch die tief verankerte Harmonie, der starke Zusammenhalt und die gelebte Kameradschaft innerhalb der Gruppe und mit den Partnern. Und mit der Hitze… was solls – heiss ist heiss!»
Noten der einheimischen Formationen Alphorngruppe
Alphorngruppe Gstaad: «Gsundi Äntlibuecher Choscht», Chevalier Philippe, Karnusian Stefan, Studer Hermann, König
Hansruedi, Reuteler Arnold, Fernqvist Pam, Bütschi Esther, Reichenbach Julia, Schläppi Petra, Note 2.
Alphorn Trio
Trio «Le Clou»: «Geissenreihen», Karnusian Stefan, Chevalier Philippe, König Hansruedi, Note 2; Trio «Julia e due Romeo»: «Ranz de vache des Alpes Gruyère», Karnusian Stefan, Reichenbach Julia, Reuteler-Bettler Arnold, Note 2.
Alphorn Einzel
Reichenbach Julia, «Ballade en Montagne», Note 2; Chevalier Philippe, «L’air de rien», Note 1; König Hansruedi, «Ostschweizer Choral», Note 2.
Jodlerklub
Jodlerklub «Bärgfriede» Gstaad: «Früehlingswunder», Note 1; Jodlerklub Lauenen: «1. August Jutz», Note 1.
Jodel Einzel
Kunz Sabine, Lauenen: «Chumm säg mer s doch», Note 2; Deborah Reber, Zweisimmen: «E Läbesrat», Note 1.
Jodelduett
Reichenbach Hedy und Oehrli Maria, Lauenen: «Duftendi Veiali», Note 2.
PHILIPPE CHEVALIER, EHEMALIGER SKITRAINER UND DIRIGENT DER ALPHORNGRUPPE
Philippe Chevalier prägte als langjähriger Ausbildungschef von Swiss-Ski die moderne Struktur des Schweizer Skisports. Mit seinem Fokus auf die Weiterentwicklung der Schweizer Trainerschule und der Talentförderung legte er Meilensteine, die den Verband über Jahrzehnte hinweg professionalisierten.
Er wirkte in einer Ära, in der die Schweizer Nationalmannschaften – getragen von Ikonen wie Vreni Schneider, Maria Walliser oder der Slalomspezialistin Erika Hess – im Weltcup und bei Grossanlässen absolute Glanzzeiten feierten.
Im Jahr 2004 baute er gemeinsam mit Roland Hofmann ein Programm auf, das Schule und Skirennsport kombinierte. Er war Gründungsmitglied und von 2009 bis 2023 Präsident des Regionalen Leistungszentrums (RLZ) Saanenland-Obersimmental in Gstaad.
EDH
Gibt es Parallelen zwischen dem Spiel auf dem hölzernen Traditionsinstrument und den beruflichen und/oder Freizeitaktivitäten?
Philippe Chevalier
«Die faszinierende Gemeinsamkeit von Alphorn- und Skitraining: Durch die bewusste Erfahrung von Druck schwindet der Stress – es entsteht Souveränität. Der Nachteil dieser Resilienz liegt allerdings in der Gefahr, den Bogen zu überspannen und in einen permanenten Optimierungszwang zu verfallen.»
Julia Reichenbach
«In meinem Beruf als Coiffeuse stehe ich täglich mitten im Leben; es herrscht ein wunderbares, dynamisches Treiben. Das Alphornspielen im Freien ist mein persönlicher Ruhepol. Hier vertausche ich die Lebendigkeit des Salons mit der Stille der Natur. Um die Melodien fliessen zu lassen, muss ich bewusst entschleunigen und ganz im Moment ankommen.»
Hans Ruedi König
«Unser Alltag ist oft geprägt von Atemlosigkeit. Wir eilen von einem Termin zum nächsten, und selbst in der Freizeit jagen wir dem Tempo hinterher. Ob beim dynamischen Motorradfahren, auf sportlichen Skitouren oder beim rasanten Biken – der Puls bleibt hoch, die Hektik fährt immer mit. Wir tun viel, aber wir kommen selten zur Ruhe. Für mich gibt es einen Inbegriff der Entschleunigung, der diesen Kreislauf augenblicklich durchbricht: das Alphorn.»
EDH






