Anderer Titel, anderes Programm, anderer Sänger
08.09.2026 MusikWer für das Konzert vom letzten Mittwoch einen Platz reserviert hatte, war von der Festivalleitung vorgängig informiert worden: Die gefeierte Sopranistin Julia Lezhneva war erkrankt und an ihrer Stelle sollte der israelische Sopranist Maayan Licht auftreten. Der Abend ...
Wer für das Konzert vom letzten Mittwoch einen Platz reserviert hatte, war von der Festivalleitung vorgängig informiert worden: Die gefeierte Sopranistin Julia Lezhneva war erkrankt und an ihrer Stelle sollte der israelische Sopranist Maayan Licht auftreten. Der Abend stand neu unter dem Titel «Sopranista Fireworks». Das Kammerorchester Basel unter Dmitry Smirnov war nicht zu beneiden. Es hatte sich in aller Eile auf den am Vortag angereisten Solisten einzulassen und andere Stücke einzuüben.
HANSUELI GAMMETER
Die italienische Oper dominierte zur Zeit des Spätbarocks in ganz Europa. Ihre unerhörte musikalische Virtuosität, ihre emotionale Tiefe sowie die Prachtentfaltung auf der Bühne waren neu und versetzten die damalige Elite in Begeisterung. Der Prunk der Opernaufführungen bot den Fürstenhäusern Europas Gelegenheit, ihre Macht und ihren Reichtum zu zeigen. Die Primadonnen und Kastraten waren die Superstars des Zeitalters, vergleichbar mit heutigen Popikonen. Die Stars zogen von Bühne zu Bühne und brachten ihre Bravourstücke mit. Liessen sie sich für eine neue Oper engagieren, hatte der Impresario zu garantieren, dass diese Nummern in die Oper aufgenommen wurden. So hatten auch Grössen wie Händel sich mit solchen Paradenummern herumzuschlagen.
Typisch für diese Art von Arien sind rasante Läufe, weite Tonsprünge und dramatische Koloraturen.
Ein klug zusammengestelltes Programm
Trotz des geänderten Titels war man dem im Programm angekündigten Konzept treu geblieben: Geboten wurde ein Abend voller barocker Pracht, in dem Händels brillante «Concerti grossi» in einen funkelnden Dialog mit selten gehörten italienischen Opernarien traten. Auf dem Programm standen Werke von Georg Friedrich Händel, Antonio Vivaldi, Riccardo Broschi, Nicola Porpora und Geminiano Giacomelli.
Die beiden Grossmeister der Barockoper, Händel und Vivaldi, brauchen hier nicht vorgestellt zu werden, sie sind allerseits bekannt. Porpora kennt man heute allenfalls noch als Lehrer von Joseph Haydn und als Rivalen von Händel in London. Gegner von Händel holten ihn nach London, um den grossen deutschen Musiker aus seiner Stellung zu verdrängen. Zwischen den beiden rivalisierenden Unternehmen begann ein Kampf, der beide in den Ruin trieb. Broschi ist der Bruder des berühmten Kastraten Farinelli. In seinen Opern gab er dem Bruder reichlich Gelegenheit, Feuerwerke der Virtuosität zu zünden.
Als Händel seine Opern zur Aufführung brachte, liess er als Pausen- und Eröffnungsmusiken seine Orgelkonzerte erklingen. Entsprechenden Gebrauch machte er mit seinen später komponierten «Concerti grossi» bei der Aufführung seiner Oratorien. Abgesehen davon, dass der Wechsel von Vokalund Instrumentalmusik das Programm auflockerte, griffen die Programmgestalter auf diese Tradition zurück, wenn sie die Arien mit «Concerti grossi» von Händel kombinierten. Ganz im Sinne Händels wurde der Abend mit dem Concerto grosso op. 3 Nr. 2 in der heiteren, feierlichen Tonart B-Dur eröffnet.
Ein mit allen Gaben der Bühnenpräsenz ausgestatteter Solist: der Sopranist Maayan Licht
Ein überraschend junger Mann betrat die Bühne, in seinem dunklen Mantel mit Golddekor und dem Hemd aus Goldfäden sah er aus, als wäre er aus einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht herausgetreten. Er stellte sich vor als Sopranist Maayan Licht und gab seinem Stolz Ausdruck, die Sopranistin Julia Lezhneva, sein grosses Vorbild, vertreten zu dürfen. Sodann bedankte er sich beim Orchester für dessen ausserordentliche Flexibilität.
Es ist üblich, dass das Repertoire des Abends von einem Countertenor übernommen wird. Dieser ist ein Tenor, der die hohe Alt- oder Sopranlage durch den Einsatz der Kopfstimme singt. Demgegenüber gibt es nur ganz wenige Sopranisten wie Maayan Licht, die die hohen Tonlagen mit ihrer natürlichen Stimme singen können.
Die Aufgabe des Solisten ist bei diesen Barockarien keine einfache: Er hat bei aller Virtuosität des Gesangs ein reiches Gefühlsleben auszudrücken. Bei den Arien des Abends waren dies Trennungsschmerz, keimende Liebe, Verzweiflung, Sehnsucht nach der Geliebten. Maayan Licht verfügt über alle stimmlichen und technischen Mittel, um den hohen Anforderungen dieser Stücke zu genügen: Mit heller, eleganter Stimme erklimmt er jede Höhe, meistert mit grosser Beweglichkeit rasende Läufe und grosse Tonsprünge, rasche Wechsel von Forte und Pianissimo. Auch die seltenen lyrischen Passagen weiss er überzeugend zu gestalten. Dabei bleibt er völlig unangestrengt, wirkt verliebt, verzweifelt, voller Sehnsucht oder was die Situation sonst gerade erfordert. Er hat unbestritten auch schauspielerisches und komödiantisches Talent, wenn er seine Musik mit dramatischer Mimik und Gestik erweitert und zu tänzeln beginnt. Es gab zwei Zugaben: zwei Arien von Händel. In der ersten Zugabe bewies er, dass er die Arien nicht nur singen, sondern auch pfeifen kann. Mit dem zuletzt vorgetragenen Klagelied «Lascia ch’io pianga» (Lass mich weinen) wurde das Spielerische der Barockoper noch einmal auf den Punkt gebracht: Die Tragik der Szene vermochte die Feierlaune des Publikums damals wie heute in keiner Weise zu trüben. Das Saaner Publikum war begeistert und bedankte sich mit tosendem Beifall für die prächtige Unterhaltung.





