«Une Suisse au dessus de tout soupçon», das bedeutete «Eine Schweiz, über jeden Verdacht erhaben». Der Buchtitel war damals, in den Sechzigerjahren, der alsbald berühmt gewordene Titel des Erstlings unseres jungen und verehrten Professors Jean Ziegler an der ...
«Une Suisse au dessus de tout soupçon», das bedeutete «Eine Schweiz, über jeden Verdacht erhaben». Der Buchtitel war damals, in den Sechzigerjahren, der alsbald berühmt gewordene Titel des Erstlings unseres jungen und verehrten Professors Jean Ziegler an der Universität Bern.
Nun steht doch da heute auf Seite 1 der Zeitung «Le Temps»: «Une Suisse au dessus de tout danger?» Will uns das sagen: «Eine Schweiz, über jegliche Gefahr erhaben»? Was man darunter zu lesen bekommt, ist zwar spannend, denn der Chef des Nachrichtendienstes mahnt zur Vorsicht. Terrorismus, Spionage und Cyberattacken könnten bald – selbst in der Schweiz – an der Tagesordnung sein. Und die Neutralität der Schweiz – als ein Schutz gegenüber allfälligen Aggressoren – existiere quasi nicht mehr. Denn die «Financial Times» könne sich nicht irren: Schon erwähne auch sie den Niedergang der «Marke Schweiz». In einem Diskussionsforum sei allerdings auch darauf hingewiesen worden, dass sich 95 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer in Sicherheit wähnen würden.
Der erwähnte Nachrichtendienst (NDB) sagt uns doch sicher, was zu diesem Thema Sache ist: «Der Nachrichtendienst sieht in Russland den Hauptaggressor in Europa und warnt, dass auch die Schweiz als Teil des europäischen Systems von Destabilisierungen, Cyberangriffen oder Spionage betroffen sein kann.» Dieselbe Bundesverwaltung sagt uns zudem, dass drei Viertel der schweizerischen Bevölkerung unserer Schweizer Armee eine wirksame Landesverteidigung nicht zutrauen, während das Vertrauen in die traditionelle Neutralität als absolutem Schutzschild sinken würde. Ja, was soll man in einer solchen Situation tun? Auswandern?
Fazit: Diese Angstmacherei ist nicht nur dumm, sondern auch noch gefährlich. Indem der NDB noch ausführlich erklärt, was seiner Meinung nach gar nicht richtig läuft, könnte das gefährliche Reaktionen hervorrufen.
OSWALD SIGG
JOURNALIST, EHEMALIGER BUNDESRATSSPRECHER
oswaldsigg144@gmail.com