Auf Wiedersehen, Gstaader Messe!
27.10.2026 WirtschaftVier Tage lang war die Gstaader Messe Treffpunkt für Gewerbe und Bevölkerung. 61 Ausstellende präsentierten sich, 47 Lernende zeigten ihr Können und zahlreiche Besucher nutzten die Gelegenheit zum Entdecken, Fachsimpeln und geselligen Beisammensein. Messepräsident Philipp ...
Vier Tage lang war die Gstaader Messe Treffpunkt für Gewerbe und Bevölkerung. 61 Ausstellende präsentierten sich, 47 Lernende zeigten ihr Können und zahlreiche Besucher nutzten die Gelegenheit zum Entdecken, Fachsimpeln und geselligen Beisammensein. Messepräsident Philipp Reber zog eine positive Bilanz und bestätigte: Eine nächste Ausgabe wird es auf jeden Fall geben. Nur wann und wo, ist noch offen.
Wo das Gewerbe Gesicht zeigt
61 Ausstellende, 47 Lernende am Lehrlingswettbewerb und vier Tage voller Begegnungen: Die 44. Gstaader Messe zeigte nicht nur, was das regionale Gewerbe zu bieten hat, sondern auch, wie viel Engagement hinter den Betrieben steckt. Besonders der Berufsnachwuchs rückte ins Zentrum.
SONJA WOLF
Wer an der Gstaader Messe draussen oder drinnen von Stand zu Stand schlenderte, konnte einiges erleben. Sich von der Feuerwehr auf einer Autodrehleiter in luftige Höhen befördern lassen, ferngesteuerte Fahrzeuge durch einen Parcours manövrieren oder seine Geschicklichkeit mit fallenden Stäben testen. Wer es lieber gemütlich mochte, liess sich eine KI-generierte Karikatur von sich selbst anfertigen, besuchte eine Autorensignierstunde oder versuchte sein Glück bei einem der zahlreichen Wettbewerbe.
Kinder (aber auch grosse Kinder!) sammelten Blöckli, Gummibärchen und Schöggeli, liessen sich mit Tiermasken fotografieren oder verfolgten gebannt das Kasperlitheater. Und zwischendurch ging es um ernstere Themen: etwa bei einem Waldspaziergang, der für die Folgen des Klimawandels sensibilisierte und zeigte, wie der Wald der Zukunft aussehen könnte.
Vor allem aber wurde geredet. Über Produkte und Dienstleistungen, neue Ideen und bewährtes Handwerk. Mal wurde fachgesimpelt, mal bei einem Getränk und etwas zu knabbern einfach geplaudert. Genau dafür ist die Gstaader Messe da: Sie bringt das regionale Gewerbe und die Bevölkerung zusammen.
Wo man sich noch persönlich trifft
Bereits bei der feierlichen Eröffnung am Donnerstagabend hatte Messepräsident Philipp Reber diesen Gedanken aufgegriffen. In einer Zeit, in der fast alles online bestellt werden könne und Kontakte über soziale Medien gepflegt würden, sei eine Gewerbemesse beinahe etwas Altmodisches. «Wir treffen uns persönlich, wir reden miteinander und wir zeigen, was wir können.» Gerade das mache die Messe heute wertvoller denn je.
«Persönliche Begegnungen sind keineswegs altmodisch!», widersprach Regierungsrat Raphael Lanz dem Präsidenten in seiner Rede. Gerade im Gespräch entstünden Beziehungen und neue Ideen.
61 Aussteller waren dieses Jahr dabei, darunter 14 erstmals. «61 verschiedene Ideen, 61 Geschichten», fasste Reber zusammen. Hinter jedem Stand stünden Menschen, die Arbeitsplätze schaffen, Lernende ausbilden und dafür sorgen, dass das Saanenland nicht nur ein Ferienort, sondern auch ein lebendiger Lebens- und Arbeitsraum bleibe.
Mehr als ein Geldgeber
Gemeindepräsidentin Petra Schläppi nutzte die Eröffnung auch für eine Botschaft an die kantonalen Gäste. Das Saanenland trage mit seiner Steuerkraft wesentlich zum Kantonshaushalt bei. Umso wichtiger sei es, dass die Region in Bern nicht nur als Geldgeber wahrgenommen werde.
Grossratspräsidentin Anne Speiser griff das Anliegen auf. Das Saanenland und das Obersimmental dürften ruhig mehr Forderungen stellen. «Wir haben einfach andere Anliegen, andere Sorgen. Und unsere Sorgen und Anliegen sind nicht weniger wert als die von den Städten Bern, Thun oder Biel.»
Einigkeit herrschte bei allen drei politischen Gästen über die Bedeutung der Berufsbildung. Angesichts des Fachkräftemangels sei es entscheidend, junge Menschen für das Gewerbe zu begeistern und ihnen gute Ausbildungsmöglichkeiten zu bieten. Besonders würdigten sie die Lehrbetriebe, die dafür Zeit, Geld und Herzblut investieren – und den traditionellen Lehrlingswettbewerb, der dieses Engagement sichtbar macht.
Eine Biene aus Kupfer holt den Sieg
47 Lernende beteiligten sich dieses Jahr am Lehrlingswettbewerb. Das Motto «Natürliche Energie» hatten sie selbst entwickelt: Das neue, dreiköpfige Organisationskomitee hatte lediglich das Oberthema «Energie» vorgegeben, das die Lernenden bei einem gemeinsamen Brainstorming konkretisiert hatten.
Die Vielfalt der ausgestellten Arbeiten zeigte, wie unterschiedlich sich dieses Thema interpretieren lässt. Besonders ins Auge stach eine überdimensionale Biene aus Kupfer, die auf einer Blüte mit weissen Blütenblättern sass. Darunter leuchteten kupferne Honigwaben in warmem Rot.
Ihr Schöpfer, Noah Hauswirth, Spenglerlernender im dritten Lehrjahr bei der Spenglerei Ueli Reichenbach AG, gewann damit den Einzelwettbewerb.
«Ich wollte unbedingt ein Tier machen», erzählt er. Die Biene habe ihm besonders gefallen, auch weil er einige Imker kenne. Sein Bezug zum Motto: Bienen bestäuben Pflanzen und sind damit unverzichtbar für die Natur. Und Honig liefert natürliche Energie.
Geschätzte 100 bis 120 Stunden hatte Noah in sein Werk investiert, vorwiegend nach Feierabend und an Wochenenden. Die Biene besteht vollständig aus Kupfer, das er teilweise brünierte. Für die Blüte verwendete er Messing, Kupfer und weiss beschichtete Elemente, für den Sockel Altholz.
Einen grossen Teil der Arbeit erledigte Noah zu Hause. Sein Vater hatte früher selbst eine Spenglerei betrieben, und die Maschinen stehen noch immer zur Verfügung. Material erhielt er von seinem Lehrbetrieb und weiteren Firmen.
Einfach war das Projekt nicht immer. «Ein paar Mal habe ich gedacht, ich hätte vielleicht lieber nicht mitgemacht», gesteht Noah. Viele Wochenenden seien dafür draufgegangen, an denen er auch anderes hätte unternehmen können. Doch als sein Werk fertig vor ihm stand, überwog der Stolz.
Leonardo da Vinci als Inspiration
Den Teamwettbewerb gewannen Lukas Gerber und Luis Fust, beide Zimmermannlernende im dritten Lehrjahr bei Bach & Perreten Holzbau AG.
Sie bauten ein filigranes Modell einer mit Wasserkraft betriebenen Holzsäge. Die Inspiration stammte von Leonardo da Vinci, der bereits eine entsprechende Konstruktion skizziert hatte.
Über ein Wasserrad wird der Sägemechanismus angetrieben. Gleichzeitig sorgt eine ausgeklügelte Mechanik dafür, dass der Holzstamm auf einem Wagen gegen das Sägeblatt vorgeschoben wird. Das Modell zeigt damit anschaulich, wie natürliche Energie in mechanische Arbeit umgewandelt werden kann.
Rund 100 Arbeitsstunden investierten die beiden gemeinsam in ihr Projekt. Besonders knifflig war der Vorschubmechanismus. «Das war ein reines Ausprobieren», erzählt Luis. Ursprünglich wollten sie, dass die Säge tatsächlich Holz schneidet. Doch dafür reichte die Konstruktion höchstens bei sehr dünnem Furnier. Schliesslich entschieden sie sich, die Mechanik in den Vordergrund zu stellen.
Auf die Frage, ob künstliche Intelligenz bei dieser komplexen Arbeit zum Einsatz kam, meinte Luis: «Höchstens bei der Endkorrektur der Dokumentation.» Bei der Konstruktion sei sie kaum hilfreich gewesen, erzählt Lukas. Manchmal sei es einfacher, selbst zu überlegen, zu zeichnen und auszuprobieren.
Stolze Lehrmeister
Die beiden Siegerprojekte beeindruckten auch die Lehrmeister. Benz Reichenbach, Inhaber der Spenglerei Ueli Reichenbach AG, hatte Noahs Biene während der Entstehung nur teilweise gesehen. «Was da für ein Handwerk dahintersteckt, ist eine sehr, sehr gute Leistung», sagt er. Besonders beeindruckt habe ihn Noahs Selbstständigkeit und Ausdauer. Selbst an heissen Sommertagen, an denen die Belegschaft früher Feierabend machte, sei sein Lernender manchmal noch in der Werkstatt geblieben, um weiterzuarbeiten.
Nathanael Perreten von Bach & Perreten Holzbau AG ermuntert seine Lernenden grundsätzlich zur Teilnahme. Die Ideen sollen sie aber selbst entwickeln und umsetzen. Dass Lukas und Luis weit vorne liegen würden, habe er gehofft, aber dass sie gleich den ersten Rang erreichten, freue ihn besonders.
Ein Wettbewerb, den das Gewerbe gemeinsam trägt
Für Newa Trummer und ihre beiden OK-Kollegen Cedric Brand und Nicola von Siebenthal war es die erste Austragung als Organisatoren. Alle drei hatten früher selbst am Wettbewerb teilgenommen und übernahmen nun die Aufgabe von ihren Vorgängern Valérie Ludi, Jasmin Käser und Marc Walker.
«Wir haben das Thema Energie vorgegeben, und die Lernenden sind dann selbst auf ‹Natürliche Energie› gekommen», erzählt Trummer. Bereits im Frühling begann die Organisation mit dem gemeinsamen Brainstorming. Insgesamt 15 Jurymitglieder bewerteten später die Arbeiten, darunter Fachpersonen aus den jeweiligen Berufsgattungen. Neben dem ersten Eindruck zählten die handwerkliche Ausführung, die Umsetzung des Themas und die Dokumentation.
Auch die finanzielle Anerkennung ist Teil der Nachwuchsförderung. Aus den Beiträgen der Mitglieder speist der Gewerbeverein Saanenland einen Ausbildungsfonds, aus dem die Preisgelder finanziert werden. Die Erstplatzierten erhalten höhere Beträge, doch auch alle anderen Teilnehmenden werden für ihren Einsatz entschädigt. «Es war ja viel Arbeit für jeden», betont Trummer. «Hinter den Projekten stecken so viele Stunden, oft auch Abend- und Nachtschichten.»
Dass sich dieser Einsatz lohnt, zeigte sich nicht nur bei der Rangverkündigung. Beim anschliessenden Apéro im Restaurant Boat wurden sämtliche Teilnehmenden gefeiert – unabhängig davon, welchen Platz sie belegt hatten.
7000 Lose und viele lachende Kinder
Am Sonntagabend blickte Messepräsident Philipp Reber auf vier Tage zurück, die für ihn «megaschnell» vergangen waren. Sein Fazit fiel ausgesprochen positiv aus: «Viele Menschen, viele lachende Kinder und eine gute Stimmung», fasste er zusammen.
Auch die Gastronomie war gut besucht. Besonders freute Reber die herzliche und unkomplizierte Zusammenarbeit mit den fünf beteiligten Gastronomen, die gemeinsam das Messe-Restaurant und die Bar betrieben.
Ein Beispiel für den grossen Zuspruch lieferte der gemeinnützige Frauenverein Saanenland. Er hatte für seine Tombola 7000 Lose und 700 Preise vorbereitet. Bereits am Sonntag um 13 Uhr waren sämtliche Lose verkauft. «Sie hätten noch mehr verkaufen können», stellte Reber begeistert fest.
Für den Messepräsidenten ist die Gewerbeschau aber nicht nur ein Schaufenster für Produkte und Dienstleistungen, sondern vor allem eine Gelegenheit zum Netzwerken. Gewerbetreibende, die nicht regelmässig Kunden im eigenen Geschäft haben wie etwa Bodenleger, könnten an der Messe Kontakte knüpfen und ihre Arbeit einem breiten Publikum vorstellen.
Ein persönliches Highlight wollte Reber auf Anfrage nicht herausgreifen. Dafür habe es schlicht zu viele schöne Momente gegeben.
Und die nächste Gstaader Messe? «Die wird es auf jeden Fall geben», versicherte Reber. Offen sei allerdings, ob sie wie gewohnt in zwei Jahren stattfinden könne und wo. Denn am bisherigen Standort soll das neue Areal mit der Gstaad Concert Hall und der Sportund Eventhalle entstehen.
Gemeindepräsidentin Petra Schläppi hatte bei der Eröffnung deshalb eine mögliche Alternative ins Spiel gebracht: das Areal beim Ebnit-Schulhaus. Auch eine Verschiebung auf 2029 erwähnte sie als denkbare Variante. Noch ist nichts entschieden. Der Vorstand werde die Entwicklung aufmerksam verfolgen, so Reber.
Fest steht für ihn nur eines: «Die nächste Messe kommt auf jeden Fall.»
Auch die Ehrungen herausragender Leistungen aus den Gemeinden Saanen, Gsteig und Lauenen gehörten zum Messeprogramm. Sie fanden am Freitagabend statt und werden in einem separaten Beitrag gewürdigt (siehe Seite 6 und 7).
EIN GOLDENER KRANICH FÜR MEHR BEGEGNUNGEN
Marco «Balu» Nigg gewinnt mit Gstaad Alive den Goldenen Kranich 2026 – und weiss bereits, wofür er das Preisgeld einsetzen möchte.
Die Freude war Marco «Balu» Nigg bei der Preisverleihung deutlich anzusehen. Mit mehr als der Hälfte der eingegangenen Stimmen gewann Gstaad Alive den diesjährigen Goldenen Kranich und damit 10’000 Franken Preisgeld. «Das bedeutet mir mega viel», sagte Nigg im anschliessenden Gespräch. Nicht nur wegen des stattlichen Betrags: Vor allem empfinde er die Auszeichnung als grossen Rückhalt aus der Bevölkerung. «Die Leute schätzen, was ich mache. Und das freut mich sehr.» Wofür er das Preisgeld verwenden möchte, weiss er bereits: «Damit bezahlen wir wieder Bands. Es wird Gratiskonzerte auf der Promenade geben – für alle.»
Denn genau darum geht es ihm bei Gstaad Alive: einen unkomplizierten Treffpunkt für Einheimische, Saisonmitarbeitende und Gäste zu schaffen. Gerade weil immer mehr Einheimische aus verschiedenen Gründen wegzögen, seien solche Begegnungsorte wichtig. «Ich finde es schön, wenn man wenigstens für eine gewisse Zeit einen Treffpunkt hat und einen Grund, nach Gstaad zu gehen.» Und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: «Wegen der schönen Louis-Vuitton-Taschen geht ja kein Einheimischer ins Dorf.»
SWO




















