Aussergewöhnlich: «Le Refuge l’Espace»
05.11.2024 GstaadAuf 2860 Metern am Rand des Gletschers Glaciers 3000 wird es künftig ruhiger und einsamer werden. Denn Inge und Roland Beer, die das Restaurant irgendwo zwischen Himmel und dem ewigen Eis – das scheinbar nicht mehr ganz so ewig ist – während der letzten dreizehn Jahren ...
Auf 2860 Metern am Rand des Gletschers Glaciers 3000 wird es künftig ruhiger und einsamer werden. Denn Inge und Roland Beer, die das Restaurant irgendwo zwischen Himmel und dem ewigen Eis – das scheinbar nicht mehr ganz so ewig ist – während der letzten dreizehn Jahren geführt haben, sind letzte Woche pensioniert worden. Sie haben mit uns über ihre schönsten Momente im «Refuge» gesprochen und erzählen, warum sie die Strapazen immer wieder gerne auf sich genommen haben und wieso sie keinen einzigen Tag davon missen möchten.
Himalaja, Alaska und das Matterhorn an einem Ort
Das «Refuge l’Espace» am Rand des Gletschers auf 2860 Metern über Meer war die letzte Station ihres Berufslebens. Jetzt sind Inge und Roland Beer nach 13 Jahren im «spektakulärsten Bergrestaurant des Alpenbogens», pensioniert – und sind trotz einem weinenden Auge froh darüber.
KEREM S. MAURER
Das «Refuge l’Espace» ist nur mittels einer 45-minütigen Wanderung ab der Bergstation des Glaciers 3000 zu erreichen oder mit dem Helikopter auf dem nahegelegenen Gebirgslandeplatz oder mit einem Kleinflugzeug, welches auf dem Gletscher – rund fünfzehn Gehminuten entfernt – landen darf. Und mit den Ski natürlich. Zu den treusten Besuchern zählten, neben vielen Gästen aus aller Welt, auch drei Bartgeier. Das klingt nicht nur, als wäre das «Refuge» fernab von jeglicher Zivilisation – das ist es auch. Ein Rückzugsort im Gebirge, irgendwo zwischen Himmel und ewigem Eis. Ein spezieller Ort, in den man sich vom Fleck weg verlieben kann. So jedenfalls ist es Inge Beer ergangen, als sie zum ersten Mal als Aushilfe dort gearbeitet hatte.
Schneeschaufeln, hektische Arbeitssituationen, den dauernden Hin- und Hertransport von Lebensmitteln, Geschirr, Leergut und Abfall sind nur einige Herausforderungen des Lebens zwischen den Extremen. Aber: «Der morgendliche Sonnenaufgang über dem Gletscher machte jeden Arbeitstag zu einem magischen Erlebnis», schwärmen Inge und Roland Beer.
Organisation ist alles
«Zuvor waren wir vierzehn Jahre im Berghaus Wispile», erzählt Roland Beer. «Das ‹Refuge l’Espace› liegt ja nur tausend Meter höher. Wir dachten noch, Berg sei Berg.» Doch zwischen Berg und hochalpiner Zone gibt es grosse Unterschiede. So fallen auf knapp 3000 Metern die Temperaturen im Winter gut und gerne unter minus 20 Grad und der Nebel kann plötzlich aufkommen und alles in undurchdringbares Weiss tauchen.
Die Küche im «Refuge» war spartanisch eingerichtet, Strom gab es nur via Dieselgenerator und fliessendes Wasser gar nicht. Beers Arbeitstage waren lang: Kurz nach sechs Uhr in der früh ging es los. In den Räumlichkeiten der Experience AG in Schönried – der das «Refuge l’Espace» gehört und wo auch die Hauptküche untergebracht ist –, wurde jeweils alles für den täglichen Gebrauch auf dem Berg gerüstet und ins Auto gepackt. Dann fuhren sie auf den Col du Pillon und luden alles in die Seilbahn um. Auf dem Gipfel des Glacier 3000 angekommen, wurde alles auf den Sessellift geladen und damit zum Gletscher hinuntergebracht, von wo aus es mit dem Schneetöff oder dem Quad ins «Refuge» geferggt wurde. Wenn man nach anderthalb Stunden im «Refuge l’Espace» ankam, musste im Winter jeweils die Terrasse vom Schnee befreit werden. Die erste Gerstensuppe wurde etwa um 10 Uhr 30 serviert.
Irre Schneemengen
Sie erinnere sich an gigantische Schneemengen, die mit 72 Mannstunden weggeschaufelt wurden, sagt Inge Beer. «Kühlschrankgrosse Schneeblöcke schnitten wir mit der Schneesäge aus den vom Wind gepressten Schneemassen und schippten sie mit der Schneehexe in die Tiefe.» Das Tagesgeschäft dauerte nur viereinhalb Stunden. Um 16 Uhr mussten die letzten Gäste das «Refuge» verlassen haben, damit wieder alles zusammengeräumt und abtransportiert werden konnte. Dann galt es, die Fünfuhrbahn zu erreichen. Zurück im «Experience» machte Inge den Abwasch, während Roland mit der Produktion für den nächsten Tag begann: Suppen kochen und Schoggikuchen backen. Feierabend gabs an Spitzentagen erst gegen zehn oder elf Uhr, sonst vielleicht schon gegen sieben oder acht Uhr abends.
Im Winter zu acht, im Sommer zu zweit
Inge und Roland Beer zauberten mit Leidenschaft Gerichte wie Gerstensuppe, Schüblig, Bratkartoffeln und einige Desserts auf Einweggeschirr, welches sie aus Gewichts- und Stabilitätsgründen mehrfach verwendeten. «Wenn die Gäste darüber staunten, wie hübsch unsere Speisen angerichtet und dekoriert wurden – was man heutzutage in einem Bergrestaurant nicht erwartet – war das für mich die schönste Bestätigung», sagt Roland Beer, der als Koch für das leibliche Wohl verantwortlich war. Inge war die Chefin und die gute Seele bei den Gästen, die sie gerne nach französischem Vorbild an der Tür abholte und platzierte. «So konnte ich die Gäste persönlich begrüssen und erst noch alle Plätze besetzen», sagt sie. An Spitzentagen im Winter waren sie zu acht oder gar zu elft, im Sommer schmissen Beers den Laden zu zweit.
Nachfolger gesucht
Wenn Beers von ihrer Zeit im «Refuge l’Espace» erzählen, ist das Feuer noch spürbar, das man braucht, um ein solches Lokal zu betreiben. «Es war hart, aber wir liebten es. Wir wollen keinen einzigen Tag missen. Dennoch sind wir froh, dass es geschafft ist. Schliesslich wird man nicht jünger», sagen sie. Und sie freuen sich auf viel Freizeit, die jetzt vor ihnen liegt. «Wir haben in naher Zukunft gar nichts geplant und holen das nach, wofür wir in den letzten Jahrzehnten nie Zeit hatten», sagt Inge, und Roland ergänzt: «Wir hatten ja immer nur bei schlechtem Wetter frei.» Doch das machte ihnen nichts aus. «Wir hatten dort oben den Himalaja, Alaska und das Matterhorn. Wo sonst findet sich das alles an einem Ort?», fragt Roland Beer. Bei der Frage, was die beiden am meisten vermissen werden, sind sie sich einig: Den Sonnenaufgang über dem Gletscher. Und Inge nennt ausserdem das Schneeschaufeln, «weil der Schnee dort oben so ganz anders war».
Seit ihrem Weggang am 28. Oktober ist das «Refuge l’Espace» geschlossen und wird es auch bleiben, bis sich wieder jemand findet, der sich in diesen aussergewöhnlichen Ort verliebt und aus purer Freude am Gastgebersein die ganzen Strapazen auf sich nimmt, um den Gästen, welche diesen magischen Ort hoch oben bei den Bartgeiern besuchen, unvergessliche Erlebnisse zu bereiten.