Auszeichnung für Amparo Carvajal am Internationalen Tag der Menschenrechte
10.01.2025 KolumneDer Name Amparo Carvajal tauchte in den Bolivienspalten bereits mehrfach auf, jedoch hatte es stets – anders als in der jetzigen Ausgabe – einen sehr verstörenden und erschreckenden Hintergrund.
Am 10. Dezember jedoch, am Internationalen Tag der Menschenrechte, wurde ...
Der Name Amparo Carvajal tauchte in den Bolivienspalten bereits mehrfach auf, jedoch hatte es stets – anders als in der jetzigen Ausgabe – einen sehr verstörenden und erschreckenden Hintergrund.
Am 10. Dezember jedoch, am Internationalen Tag der Menschenrechte, wurde die bolivianische Aktivistin Amparo Carvajal mit noch sieben weiteren Personen im Rahmen einer Zeremonie in Washington durch Aussenminister Antony Blinken für ihre führende Rolle bei der Verteidigung der Menschenrechte ausgezeichnet und geehrt.
Auch wenn ich Amparo Carvajal schon mehrfach erwähnt habe, möchte ich dennoch vorab noch einmal einen Blick auf verschiedene Lebensstationen von ihr werfen, denn, wie ich nur immer wieder betonen kann, ist ihr Lebenslauf zweifellos beeindruckend und von Zivilcourage geprägt: In Spanien1939 geboren, als junge Frau dem Mercedarianerorden von Bérritz beigetreten, kam sie 1971, kurz nach dem blutigen Staatsstreich des Generals Hugo Banzer, nach Bolivien. Ihre Arbeit bestand u.a. darin, die politischen Gefangenen im Gefängnis zu besuchen, um sie materiell und moralisch zu unterstützen. Zeitgleich (1976) war sie Mitbegründerin der «Ständigen Versammlung für Menschenrechte Bolivien», deren Vorsitzende sie im hohen Alter von 76 Jahren wurde (2016) und auch heute immer noch ist!
Ende 1977 war ihre Haltung entscheidend dafür, dass eine Gruppe von Aktivisten, darunter Jesuitenpater Luis Espinal* (unser Studenten- und Lehrlingsheim Luis Espinal ist nach ihm benannt, wie man weiss), einen Hungerstreik begann, um die Militärjunta zu demokratischen Zugeständnissen hinsichtlich des Bergarbeiterstreiks zu bewegen und die Freilassung der politischen Gefangenen zu erzwingen. Bei der Frage, ob man den Streik unterstützen solle, meinte sie lakonisch: «Wir haben die Versammlung nicht gegründet, um grossartige Reden zu schwingen, sondern um zu handeln.»
Als sich ihr Orden 1980 aus Bolivien zurückzog, trat sie aus, weil sie sich weiterhin für die Rückkehr zur Demokratie in ihrer Wahlheimat einsetzen wollte. Sehr oft zitiert sie die Worte ihres ermordeten Glaubensgenossen Luis Espinal: «Schweigen ist gleichbedeutend mit Lügen.»
Guisela und ich hatten sie übrigens bereits in den Anfängen unserer Arbeit in den Neunzigerjahren kennengelernt, weil ihre Sozialprojekte zugunsten der Ärmsten in einem Randviertel von La Paz ebenso wie auch Tres Soles von der Bolivienhilfe St. Gallen unterstützt wurden, deren Gründerin Monika Frehner uns zusammenbrachte.
Seit dem Sturz von Präsident Evo Morales war auch Amparo Carvajal wieder ins Visier der Regierung geraten. Als Jeanine Áñez (Partido Demókratico), die man, um ein gefährliches Machtvakuum zu verhindern, mithilfe der Vermittlung der OAS, der EU und der katholischen Kirche zur Übergangspräsidentin bestimmt hatte, am 12. Juni 2022 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde, wurde Amparo nicht müde, das Gerichtsverfahren gegen die Politikerin anzuprangern, auch wenn sie ideologisch anders ausgerichtet war. Als sie sie wieder einmal im Gefängnis besuchen wollte, wurde ihr der Zutritt verweigert. Die alte Frau sass auf den harten Stufen vor dem Gefängnistor, bis die Behörden einlenkten und die Tür öffneten. Sie wurde nicht müde, den Prozess gegen die ehemalige Präsidentin als «politisch motiviert und gesteuert» zu bezeichnen. Daraufhin geriet Amparo selbst unter starken Druck, umso mehr sie mit der Regierung wegen der ständigen Menschenrechtsverletzungen und der Einschränkung der Meinungsfreiheit schon seit längerer Zeit auf Kriegsfuss stand. Sie wurde auf allen möglichen Ebenen angefeindet und das Versammlungsgebäude mit politischen Parolen verunstaltet.
Als es im Juni 2023 zu einer erneuten Eskalation kam, hiess es u.a. in meinem Bericht, der in den Tageszeitungen «Los Tiempos» und «Opinión» veröffentlicht wurde: «Am 2. Juni dieses Jahres besetzten Gruppen von Anhängern der regierungsnahen MAS gewaltsam das Gebäude der Ständigen Versammlung für Menschenrechte Boliviens in La Paz. Seitdem hält deren Präsidentin, die 84-jährige, schwerkranke Amparo Carvajal, vor den verschlossenen Türen und bei nächtlichen Temperaturen um den Gefrierpunkt im Freien Wache, um zu protestieren. Manchmal sogar ohne die Möglichkeit, eine Toilette benutzen zu können.»
Ihre Aussagen, die sie gegenüber den Medien machte, lauteten: «Wenn ich sitze, tut mein Rücken weh, wenn ich liege, ist der Schmerz noch schlimmer. Aber die MAS-Leute, die uns hier weghaben wollen, haben mir angeboten, mir einen Sarg zu schicken, und das werden sie auch tun müssen, denn nur tot werde ich diese Massnahme beenden.»
Auch Amnesty international meldete sich zu Wort: Seit Wochen schlafe Amparo Carvajal bei fast eisigen Temperaturen vor dem Bürogebäude. Sie und ihre Kollegen hätten keine sanitären Einrichtungen und litten wiederholt an Atemwegserkrankungen. Viele Dokumente seien gestohlen oder vernichtet worden und die Rechtsverteidigung durch die Juristen der Organisation lahmgelegt.
Nun, anderthalb Jahre nach der Besetzung des Gebäudes, wurde der 85-jährigen Amparo Carvajal mehr als verdient die Ehre zuteil, für ihren jahrzehntelangen Kampf ausgezeichnet zu werden, wie man es in allen (unabhängigen) bolivianischen Zeitungen lesen kann. Hier ein kurzer Auszug aus El País: «Carvajal kämpft seit mehr als einem halben Jahrhundert für die Menschenrechte in Bolivien. Im Laufe der Jahrzehnte hat sie sich unzähliger Fälle angenommen, von einzelnen Fällen gefolterter und verschwundener Personen bis hin zur Verteidigung der Rechte indigener Gemeinschaften», sagte Staatssekretär Antony Blinken bei der Veranstaltung in Washington.
Auch wenn über dieses äusserst erfreuliche Ereignis in vielen Medien berichtet wurde und wir obige Fotos von Amparo am 12. Dezember zugeschickt bekamen, muss Folgendes gesagt werden: Leider hat diese Ehrung keinen Einfluss auf das Verhalten der bolivianischen Regierung. Sie ignoriert die Menschenrechtsaktivistin nach wie vor. Und was man jedoch noch unbedingt wissen sollte:
Amparo Carvajal arbeitet für die Ständige Versammlung der Menschrechte Boliviens seit dem 2. Juni 2023 nach wie vor noch immer auf der Strasse – und zwar vor dem zugeschweissten Eingang zu dem Gebäude!
Übrigens beendete ich meine Bolivienspalte im August 2023 über die gewaltsame Besetzung des Gebäudes der Ständigen Versammlung für Menschenrechte Boliviens in La Paz und das Ende der Mahnwache von Amparo bei eisigen Temperaturen nach 51 Tagen damals mit den Worten: «Ginge es hierbei um einen Roman, würde man sagen: Ende gut, alles gut. Leider ist dies jedoch die bittere Realität und es bleibt abzuwarten, wie sich die Lage in Bolivien weiterentwickelt.»
Bedauerlicherweise kann ich mich auch heute nur wiederholen, denn die bange Frage, wie sich die Lage in Bolivien weiterentwickeln wird, bleibt bittere Realität.
STEFAN GURTNER
*Stefan Gurtner, «Hautnah – Das Leben und grausame Sterben des Luis Espinal», Edition AV, 2021.
Stefan Gurtner ist im Saanenland aufgewachsen und lebt seit 1987 in Bolivien in Südamerika, wo er mit Strassenkindern arbeitet. In loser Folge schreibt er im «Anzeiger von Saanen» über das Leben mit den Jugendlichen. Wer mehr über seine Arbeit erfahren oder diese finanziell unterstützen möchte, kann sich beim Verein Tres Soles, Walter Köhli, Seeblickstrasse 29, 9037 Speicherschwendi, E-Mail: walterkoehli@ bluewin.ch erkundigen. Spenden: Tres Soles, 1660 Château-d’Oex, IBAN CH20 0900 0000 1701 6727 4. www.tres-soles.de