Mit dem Fahrrad um die Welt
29.01.2026 GesellschaftDer 23-jährige Bikepacker Charles Winmar aus Spanien ist mittlerweile bereits seit dreieinhalb Jahren mit seinem Fahrrad unterwegs und bereiste ganz Europa und den grössten Teil von Asien. Vergangenen Freitag reiste Charles Winmar durch Gstaad und verkaufte seine ...
Der 23-jährige Bikepacker Charles Winmar aus Spanien ist mittlerweile bereits seit dreieinhalb Jahren mit seinem Fahrrad unterwegs und bereiste ganz Europa und den grössten Teil von Asien. Vergangenen Freitag reiste Charles Winmar durch Gstaad und verkaufte seine Fotografien.
PAULA H. MITTAG
Wer durch die Promenade in Gstaad spaziert, dem fällt zunächst nichts Besonderes auf. Doch dann: Gegenüber der St.-Niklaus-Kapelle steht ein kleiner Stand. Darauf ausgestellt sind eindrucksvolle Fotografien und selbst gemachte Kekse. Daneben ein vollbepacktes Fahrrad, geschmückt mit zahlreichen Länderflaggen. Der Schriftzug auf dem Stand lautet «Biking around the World».
Hinter dem Stand steht ein junger Mann, der freundlich lächelt, sich bedankt und geduldig Fragen zu seiner Reise beantwortet. Es ist Charles Winmar. Der heute 23-jährige Spanier startete seine Reise im Alter von 19 Jahren und ist bis heute unterwegs. «Die Welt ist mein Zuhause», erklärt er glücklich.
69 Länder mit dem Fahrrad
Mittlerweile hat er bereits 69 Länder aus eigener Kraft mit dem Fahrrad entdeckt. «Meine Mission ist es, jedes Land der Welt mit dem Fahrrad zu bereisen», sagt Winmar. Auf die Frage, warum er sich für ein solches Leben entschieden habe, antwortet er ohne zu zögern: «Es ist eine wunderschöne Welt mit so vielen schönen Ländern und Menschen. Jeder einzelne Tag ist ein Streben nach Glück und genau das erfüllt mich jeden Sein Lieblingsland sei Kirgisistan, erzählt Winmar, vor allem wegen der Landschaften und der Menschen, die dort noch ein nomadisches Leben führen. «Die Menschen waren unglaublich freundlich. Ich wurde zu einer Hochzeit mitten in der Wüste eingeladen, die eine ganze Woche dauerte. Jeder Dorfbewohnende kannte meinen Namen, sie hatten so gut wie noch nie einen Ausländer gesehen», berichtet er begeistert.
Wie es dazu kam
Eigentlich hatte Winmar gerade sein Studium in Oxford begonnen, als die Coronapandemie ausbrach. «Ich musste nach Spanien zurückkehren und später alleine nach Barcelona ziehen. Ich kannte dort niemanden», erzählt er. Schon seit seiner Kindheit habe er davon geträumt, die Welt zu bereisen. «Also habe ich mein Fahrrad genommen, meine Sachen gepackt und bin losgefahren.» Sein ursprüngliches Ziel war es, Europa zu bereisen und danach weiterzusehen. «Der erste Monat war einfach wunderschön. Ich habe mich sofort in diese Reise verliebt und wusste, dass ich weitermachen muss.»
Zuvor habe er keinerlei Erfahrung im Langstreckenradfahren gehabt. «Man muss niemand Besonderes sein, um mit dem Fahrrad um die Welt zu reisen», sagt Winmar. Das Fahrrad sei für ihn nicht nur ein Fortbewegungsmittel, sondern ein Weg, sich selbst herauszufordern und Orte zu entdecken, die man sonst nie sehen würde. «Man begegnet Schwierigkeiten, denen man im normalen Leben nie begegnen würde. Gerade dadurch lernt man viel über sich selbst und wächst daran. Es ist ein wunderschöner Prozess.»
Die Abenteuer von Charles Winmar
Ich hatte schon Situationen, in denen es knapp wurde», erzählt Winmar von seinen Herausforderungen.
Wenn man in der Wüste unterwegs ist, müsse man manchmal mit Wasserknappheit zurechtkommen, weil ein Fahrrad nur eine begrenzte Menge transportieren kann. «In der Wüste kann man vielleicht drei Tage ohne Wasser auskommen, das ist das Maximum, und einmal musste ich deswegen gerettet werden. Ich dachte, ich sterbe. Aber ich bin nicht in Panik geraten, man muss einfach weitermachen und irgendwann rettet einen die Welt von selbst», berichtet er. Jedoch war dies nicht seine einzige Erfahrung: Der 23-Jährige fuhr durch Norwegen in der Arktis Rad und sah während zwei Monaten bei minus 40 Grad keine Sonne, jede Nacht schlief er im Freien und hätte wegen der Kälte fast seine Finger verloren. «Durch den Schneesturm war alles, was ich hatte, nass, und am nächsten Morgen musste ich etwa fünf Stunden radeln, um eine Siedlung zu erreichen, wo ich mich aufwärmen konnte. Eine Woche lang hatte ich blaue Finger.»
Couchsurfing als Alternative
Neben körperlichen Herausforderungen gehört auch die Suche nach einem Schlafplatz zum Reisealltag. «Wenn ich nicht in Städten bin, schlafe ich meist im Zelt», erzählt Winmar. In Städten oder grösseren Ortschaften nutze er Couchsurfing, eine App, die Reisende mit Einheimischen verbindet. «Ich habe bisher bei über 300 Menschen und ihren Familien übernachtet. Es ist unglaublich, wie viele Begegnungen dadurch entstehen.» Doch das ständige Unterwegssein habe auch seine Schattenseiten. «Man trifft so viele freundliche Menschen und baut in kurzer Zeit eine Verbindung auf. Oft erzählen sie dir ihre ganze Lebensgeschichte an einem einzigen Tag und dann muss man sich wieder verabschieden.» An diese intensiven, aber kurzen Begegnungen habe er sich erst gewöhnen müssen. «Es bedeutet mir sehr viel, diesen Menschen zuzuhören», sagt Winmar nachdenklich.
«Ich wäre dort fast ums Leben gekommen»
Doch das Reisen bringt nicht nur positive Erlebnisse mit sich. «Ich war in der Ukraine, als der Krieg begann, und wurde bombardiert. Ich wäre dort fast ums Leben gekommen und habe Menschen sterben sehen, es war furchtbar», sagt Winmar nachdenklich. Grundsätzlich müsse er auch Länder bereisen, die von Krieg betroffen seien. Wenn er diese jedoch vermeiden und zu einem späteren Zeitpunkt besuchen könne, versuche er dies. «Ich kann weder fliegen noch mit dem Zug fahren. Wenn ich ein Land auf einem Kontinent verlasse, muss ich den ganzen Weg zurückradeln, um dieses eine Land zu besuchen», erklärt er.
Auch durch Gstaad wird geradelt
Zu diesem Zeitpunkt reist Charles Winmar gerade durch die Schweiz, darunter auch durch Gstaad und Montreux. «Es ist bereits das vierte Mal, dass ich in der Schweiz bin», erzählt er. Sein Ziel sei es nicht nur, jedes Land zu besuchen, sondern möglichst viel davon zu sehen – «idealerweise jede Region». Nach eigenen Angaben hat er bereits jeden Schweizer Kanton bereist. In den kommenden Wochen bleibt er weiterhin in der Schweiz, bevor er anschliessend durch Deutschland und Österreich reist.
Finanzielle Planung
Eine Reise dieser Länge erfordert nicht nur Ausdauer, sondern auch eine durchdachte finanzielle Planung. Winmar hat dafür einen eigenen Weg gefunden: Er verkauft Fotografien, die er auf seinen Reisen aufgenommen hat. «Den Stand habe ich selbst in Zürich gebaut», erklärt er. So finanziere er seine Reise und spende 33 Prozent des Geldes an Wohltätigkeitsorganisationen. «Ich habe dadurch so viele wunderbare Menschen kennengelernt. Jeden Tag spreche ich mit Menschen, die diese Idee lieben und sich für die Bilder begeistern.» Anfangs habe er noch von Ersparnissen gelebt, mit denen er rund drei Jahre lang unterwegs sein konnte. «Jetzt habe ich so viele Fotos und Erlebnisse gesammelt, dass ich davon leben kann», sagt Winmar. Langfristig wolle er zudem mit Sponsoren und Marken zusammenarbeiten und seine Produkte auch online anbieten. Sein Tipp für alle, die selbst mit dem Fahrrad reisen möchten: «Gewöhne dich langsam an die Situation, in der du dich befindest. Du bist da draussen der Welt ausgeliefert.»
Für mehr Infos: linktr.ee/charleswinmar




