Seit 125 Jahren: vom Vorsass-Stafel zum Restaurant am Lauenensee
29.09.2026 LauenenDas Restaurant Lauenensee feiert in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen. Das ehemalige Vorsass-Stafel wurde in den vergangenen Jahren saniert, erweitert und umgebaut. Die «Gastig» hat sich kaum verändert: Im Restaurant Lauenensee kehren Einheimische, Ferien- und Chaletgäste, ...
Das Restaurant Lauenensee feiert in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen. Das ehemalige Vorsass-Stafel wurde in den vergangenen Jahren saniert, erweitert und umgebaut. Die «Gastig» hat sich kaum verändert: Im Restaurant Lauenensee kehren Einheimische, Ferien- und Chaletgäste, Wanderer – heute vermehrt auch Biker – oder Familien ein. Auch der Status spielt keine Rolle. «Prominente Persönlichkeiten werden wie alle anderen behandelt», sagt Gastgeber Martin Zumstein.
ANITA MOSER
Am 1. Juli 1901 wurde die «Wirtschaft am See» auf dem Seebüehl (heute Bühl genannt) eröffnet. Dass die Vorschess von Fritz Reichenbach zu einem Sommerrestaurant wurde – und zwar vier Jahre vor der Eröffnung der MOB-Strecke von Montreux nach Zweisimmen und zehn Jahre vor Baubeginn des Gstaad Palace –, war der Weitsicht des damaligen Grossrats und Holzhändlers Carl Reichenbach zu verdanken. Er ahnte wohl schon damals, dass der Lauenensee zu einem bei Touristen aus der näheren und weiteren Umgebung beliebten Ausflugsziel werden könnte – zumal eine Schlaufe der MOB nach Lauenen damals angedacht war. Auf den Rat seines Namensvetters hin erweiterte Fritz Reichenbach sein Vorsass-Stafel mit einem Anbau, der ein Säli samt Holzterrasse umfasste.
Das Restaurant entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem beliebten Ausflugsziel. Auch prominente Gäste kehrten und kehren ein, davon zeugen zahlreiche Einträge im Gästebuch. Mindestens eine Einkehr im heimeligen Restaurant am See gehört für viele Einheimische, Chalet- oder Feriengäste zur Sommersaison.
In Familienbesitz …
Wie Victor Brand in seinem Buch «Lauenen – ein Blick in die Vergangenheit» schreibt, gehört der Kern des Gebäudes laut mündlicher Überlieferung zu den älteren Bauten in Lauenen. Bei Umbauarbeiten sei die Jahrzahl 1564 entdeckt worden.
Die Liegenschaft gehörte während vieler Generationen je hälftig den Vorfahren der heutigen Besitzern Toni von Grünigen und Jean-Claude Reichenbach. «Damals war es ein Vorschess-Stafel, ein Wintergut, wie andere Stafel auch», sagt Toni von Grünigen. Seine Grosseltern hätten jeweils bis Dezember hier gewohnt und das Vieh besorgt. Die Mitbesitzerfamilie Reichenbach besass jedoch keine Wohnung im Haus, erhielt aber einen Zins. «In den1980er-Jahren wurde im Dachgeschoss eine Wohnung für Rösi und Jean-Claude Reichenbach eingebaut.» Heute seien die Besitzverhältnisse durch eine Stockwerkeigentümerschaft geregelt.
… und in Frauenhand
Im Restaurant am Lauenensee hatten während vieler Jahre die Frauen das Sagen. Die erste Wirtin war Käthi Reichenbach, auf sie folgte ihre Tochter Käthi Schwizgebel-Reichenbach und auf diese deren Tochter Emma Romang-Reichenbach. Emma Romangs Tochter Bethli von Grünigen-Romang, die Mutter des heutigen Besitzers Toni von Grünigen, arbeitete viele Jahre dort und hatte das Wirtepatent. Die Frauen durften alle auf die tatkräftige Unterstützung ihrer Männer und Familien zählen. «An den Sonntagen hat jeweils die ganze Familie auf dem Bühl mitgeholfen, damit die Serviertochter – das war damals Rösi Reichenbach – einen freien Tag hatte», erinnert sich Toni von Grünigen an seine Schulzeit.
Seine Mutter führte das Restaurant bis 1995, 1996 gaben sie und ihr Bruder Karl Romang es Fred und Caroline Annen in Pacht. Nach dem Tod ihres Ehemannes im Jahr 2003 führte Caroline den Betrieb allein weiter. Seit 2024 sind ihre Tochter Priscillia und ihr Mann Martin Zumstein Gastgeber im Restaurant Lauenensee.
Beschwerliche Zulieferung
Als es noch keine Zufahrt zum See gab, wurden die Lebensmittel – wie damals üblich – in der «Hutte» über den steinigen Weg zum See getragen und die Milch vom Chüetungel über den teils steilen Zickzackweg heruntergebracht. Den Wein bezog Fritz Reichenbach von den Gebrüdern Varone aus Savièse. Sie brachten den Wein mit Maultieren über den Sanetsch und die Walliser Wispile in den in den Felsen gebauten Bühlkeller. Nach Beendigung der Zusammenarbeit mit den Varone-Brüdern bezogen die damaligen Wirtsleute Käthi und Kobi Schwizgebel den Wein in 60- und 90-Liter-Fässern aus Spiez. Jeweils im Februar liessen sie die Fässer durch Trämelfuhrleute bis hinter den See führen und schleppten sie dann das letzte Wegstück über den gefrorenen Schnee in den Keller. Als der Weg vom Dörfli Lauenen bis zum See ab 1935 mit Zweiradkarren befahrbar wurde, bezog man den Wein in Flaschen. Ab 1950 wurde die Zufahrt einfacher: Der Weg wurde verbessert – um die hohe Arbeitslosigkeit zu reduzieren, setzte man dafür Arbeitslose ein – und war ab dann mit Jeep und Einachser befahrbar, ab 1970 mit Autos.
«Wer keine Durchfahrtsbewilligung hatte, musste fünf Franken bezahlen», erinnert sich Toni von Grünigen. «Eine ‹Barrierefrau› hat die Fahrzeuge kontrolliert, wenn nötig den Fünfliber einkassiert und sie konnte die Barriere aus dem Barrierenhäuschen – wohl mit einem Seilzug – bedienen.» 1974 wurde die linksseitige Zufahrt zum See eröffnet.
Selbstversorger, soweit möglich
Seine Grosseltern seien, soweit möglich, Selbstversorger gewesen oder hätten Lebensmittel möglichst lokal eingekauft, erzählt Toni von Grünigen. «Sie führten einen Landwirtschaftsbetrieb, eine sogenannte Heimkuh lieferte täglich frische Milch für die Wirtschaft, die eigenen Hühner die Eier, eine Muttersau sorgte für Schweinefleisch und Geräuchtes. Food Waste kannte man nicht, die Reste wurden den Säuen verfüttert.»
Eine Heimkuh gibt es heute nicht mehr – obwohl die Gastgeberfamilie ebenfalls einen Bezug zur Landwirtschaft hat. Martin Zumstein ist als Bauernsohn aufgewachsen, mittlerweile führt sein Bruder den elterlichen Bauernbetrieb. «Wir beziehen aber die Lebensmittel für das Restaurant nach Möglichkeit in der Region», betont Priscillia Zumstein.
1984: Vergrösserung durch Anbau
Bis 1984 bestand das Restaurant nur aus einem kleinen Saal und wenigen Tischen auf der Terrasse. 1984 wurde das Haus linksseitig mit einem Anbau – einem weiteren Säli und den sanitären Anlagen – erweitert. Heute umfasst das Restaurant rund 210 Sitzplätze, 50 im Säli und 160 auf der Terrasse. 2009 wurde die Küche den neuen Vorschriften entsprechend umgebaut, 2025 wurden die sanitären Anlagen saniert. Aktuell sind keine weiteren Massnahmen oder Anpassungen vorgesehen. «Grössere Um- oder Anbauten wären hier im Naturschutzgebiet wohl auch nicht so leicht oder gar nicht umsetzbar», so Toni von Grünigen.
Das Restaurant ist in der Regel von Mai bis Mitte/Ende Oktober täglich geöffnet. Neben dem Pächterpaar Martin und Priscillia Zumstein sind ein Koch sowie zwei Serviceangestellte fest angestellt. «Daneben dürfen wir wie schon unsere Vorgänger auf zahlreiche Aushilfen und auf unsere Familie zählen», sagt Gastgeberin Priscillia Zumstein.
Gas, wenig Strom und keine Heizung
Gekocht wird auf dem Bühl mit Gas. «Früher sorgten Kerzen und Petrollampen für Licht in der (Gast-)Stube, heute haben wir zum Glück Strom. Aber Strom ist immer noch knapp», betont Martin Zumstein. Beheizt ist das Haus allerdings nicht. Auch nicht die Wohnung von Jean-Claude Reichenbach im Dachgeschoss, die Priscillia und Martin Zumstein während der Sommermonate mit ihren fünfjährigen Zwillingstöchtern Elodie und Ladina bewohnen. «Abends und morgens kann es jeweils schon etwas kühl sein», so Zumstein. Ein kleines Elektroöfeli sorge dann für etwas Wärme. Und sollte es arg kalt werden, übernachtet die Familie im – geheizten – Einfamilienhaus in der Bissen.
Auf Neben- respektive Winterverdienst angewiesen
Wie ihre Vorgänger kann auch die junge Familie Zumstein-Annen nicht ausschliesslich vom Restaurant am weitherum bekannten Lauenensee leben. «Für den Sommer reicht das Auskommen», erklärt Familienvater Martin Zumstein. Daneben arbeitet er als selbstständiger Bauunternehmer.
Bühlsonntag – eine alte Tradition
Der Bühlsonntag gehörte bis gegen Ende der 1960er-Jahre zur Sommer-saison. Es wurde – manchmal zu Livemusik, manchmal zu Musik ab Grammofon – getanzt, gefeiert und «dorfet». Er habe von diesen legendären Bühlsonntagen erst kürzlich erfahren, so Zumstein. «Ein Bühl-sonntag mit Kegeln und Livemusik wäre doch ein guter Anlass, das 125-Jahr-Jubiläum zu feiern.» Gesagt, getan. Der Jubiläumsanlass fand am vergangenen Sonntag statt. Bei traumhaft schönem Herbstwetter und mit vielen Gästen. Die Tische auf der Terrasse waren praktisch den ganzen Tag ausverkauft. Es war ein Kommen und Gehen – wie eigentlich immer an schönen Sonntagen. Und das Gastgeberehepaar konnte auch wie üblich auf die Mithilfe von Familie und Aushilfen zählen. «Ohne diese Unterstützung wäre ein solcher Tag kaum zu stemmen», sind sich die beiden einig. Musikalisch umrahmt wurde der Bühlsonntag vom einheimischen Duo Ueli & Kurt.
Ob mit dem ersten Bühlsonntag seit vielen Jahren an die jahrelange Tradition angeknüpft wird, lassen Zumsteins noch offen.
Quellen: «Lauenen – ein Blick in die Vergangenheit» von Victor Brand sowie «Vom ‹Geisseställi› zum weltberühmten Restaurant» von Ruth Annen im AvS vom 18. Juli 2014.










