Beats über dem Saanenland: Caprices Festival auf dem Eggli
23.03.2026 KulturDas Caprices Festival hat mit seiner ersten Winteredition auf dem Eggli einen markanten Neuanfang gefeiert: zwei März Wochenenden, drei Glasbühnen und ein Programm, das Legenden und neue Protagonisten der elektronischen Musik zusammenbrachte. Über zwei Wochenenden – ...
Das Caprices Festival hat mit seiner ersten Winteredition auf dem Eggli einen markanten Neuanfang gefeiert: zwei März Wochenenden, drei Glasbühnen und ein Programm, das Legenden und neue Protagonisten der elektronischen Musik zusammenbrachte. Über zwei Wochenenden – vom 13. bis 15. und vom 20. bis 22. März – bespielten mehr als 100 Artists die drei Stages und verwandelten Gstaad in ein temporäres Epizentrum für House, Techno und Minimal Sounds.
CLAUDIA HEINE
Am Samstagabend des zweiten Festivalwochenendes empfängt uns Eventmanagerin Kerol Kollom im VIP Bereich, direkt neben den drei Glasbühnen auf dem Gipfel des Eggli und blickt auf ein Wagnis, das Gstaad sichtbar verändert: Erstmals findet das Caprices Festival an zwei Wochenenden im März als Winteredition in Gstaad statt – mit rund 3500 Gästen und Besucherinnen und Besuchern aus 76 Ländern. «Ich finde, es ist eine gute Mischung», sagt sie mit Blick auf das Publikum: Ja, man habe die VIP Komponente ausgebaut, doch Caprices wolle ausdrücklich kein reines VIP Festival werden.
Die Hauptbühne ist bewusst etwas kommerzieller ausgerichtet, die zwei weiteren Stages gehören ganz dem Underground – mit internationalen Künstlern aus Berlin, Ibiza, Rumänien oder der Schweiz, längeren Sets und experimentelleren Sounds. Alle drei Bühnen haben unterschiedliche musikalische Profile; die Genres rotieren über die Tage, sodass Gäste jede Stage einmal in einem anderen Klangkosmos erleben können. Für Kollom ist klar: «Wir wollen elektronische Qualitätsmusik zeigen.»
Strategische Zwischensaison und knappe Betten
Der Zeitpunkt Ende Wintersaison ist bewusst gewählt. Die Hotels seien dann etwas günstiger, die Region brauche die zusätzliche Frequenz eher als in den Hochsaisonwochen, sagt Kollom. Gleichzeitig ist die Herausforderung gross: 3500 Menschen wollen untergebracht werden. Caprices arbeitet eng mit Hotels wie Huus, Arc-en-ciel, Landhaus oder Mansard zusammen und deckt bewusst unterschiedliche Preisniveaus ab. Dennoch registriert Kollom ein Defizit an guten, bezahlbaren Drei-Sterne-Optionen – gerade für das eher budgetbewusste Underground-Publikum.
Wer sich keine Übernachtung leisten kann oder will, soll dank zusätzlichen Nachtbussen und einem speziellen MOB-Spätzug nach Montreux trotzdem mitfeiern können. So will das Festival sowohl internationalen Gästen als auch jüngeren Besucherinnen und Besuchern mit kleinerem Budget den Zugang erleichtern.
Helikopter, Ökologie und Kommunikation
Viel Gesprächsstoff im Tal liefern die zahlreichen Helikopterflüge, mit denen Material auf den Gipfel geflogen wird. Kollom weicht dem Thema nicht aus: Ein Festival auf einem verschneiten Berg sei logistischer Hochleistungssport, im Winter gebe es keine befahrbare Strasse zum Eggli; im September könne man Lastwagen einsetzen, im März bleibe einfach nur der Luftweg.
Selbstkritisch räumt sie ein, man habe die lokale Bevölkerung vielleicht zu wenig früh und zu wenig klar informiert. Hätte man rechtzeitig kommuniziert, dass es eine begrenzte Phase intensiver Flüge geben werde, wäre manches Missverständnis wohl kleiner ausgefallen. «Wir sind uns der ökologischen Dimension bewusst», sagt sie, «aber im Schnee gibt es leider keine Alternative.» Gleichzeitig verweist sie auf den Mehrwert für das Saanenland: Trotz Saisonende seien Hotels, Restaurants und die Promenade voll, die Gondelbahn laufe bis spät in die Nacht, das Dorf profitiere von zusätzlicher Frequenz an den Festivalwochenenden.
Internationale Ausrichtung und besondere Orte
Caprices ist längst mehr als ein alpines Einzelevent. Nebst der Schweizer Winterheimat betreibt das Festival eine kuratierte Reise-Edition in Sansibar: von sieben bis acht Tagen mit lokalen Dinnerevents und Partys an ungewöhnlichen Orten – etwa auf einer Insel im Indischen Ozean oder in den Mangroven. Eine frühere Ausgabe in Marokko wurde wegen komplizierter Bewilligungslage wieder eingestellt; zu unsicher sei die Rechtslage, wenn Lizenzen kurzfristig entzogen werden könnten.
In der Schweiz wiederum verabschiedet sich Caprices von der September Ausgabe in Gstaad und dem langjährigen Frühjahrsfestival in Crans-Montana, um Raum für neue Ideen zu schaffen. Für die kommenden Jahre denkt das Team global, aber nicht beliebig: Es prüft Standorte in Südamerika und Brasilien, will aber nie in standardisierte Messehallen oder austauschbare Städte gehen. «Unsere Identität braucht besondere Locations», fasst Kollom zusammen.
Der Weg der Kuratorin und der Blick nach vorn
Kolloms eigener Werdegang erklärt ihre Haltung. Aufgewachsen in einem festivalbegeisterten Elternhaus, wurde sie schon früh zu Konzerten und Open Airs mitgenommen. Mit 16 verliebte sie sich in elektronische Musik; mit 19 packte sie ihre Tasche und ging nach Ibiza, wo sie in die Szene einstieg und für Festivals und Clubs weltweit arbeitete. Seit rund zehn Jahren ist sie Teil von Caprices, begann als Logistikassistentin und arbeitet heute Hand in Hand mit Gründer Maxime Léonard – verantwortlich für Line-ups, Booking, Marketing und einen grossen Teil der «Operations».
Ihr Doppelmandat sieht sie als Vorteil: Wer das Programm entwirft, weiss am besten, wie man dessen Geschichte erzählt. Diese Geschichte will sie nicht nur an internationale Gäste, sondern auch an die lokale Bevölkerung herantragen. In Crans-Montana etwa habe man Anwohnerinnen und Anwohner in unmittelbarer Nähe kostenlos eingeladen; für Gstaad seien ähnliche Modelle über die Tourismusorganisation denkbar. Schon jetzt bietet das Festival vergünstigte Lokaltickets für Hotelmitarbeitende und sucht den Austausch mit Betrieben in der Region.
Kolloms Wunsch an das Saanenland ist klar: Sie wünscht sich, dass die Leute in Gstaad das Caprices Festival lieben lernen. Es soll nicht als fremde Lärmquelle wahrgenommen werden, sondern als Möglichkeit, die Destination gemeinsam mit einem jungen, internationalen Publikum neu zu denken.





