Bei Mobbing: gut gemeint ist nicht immer gut
21.08.2026 Schule«Wehr dich halt einfach!» – kann ein gut gemeinter Ratschlag bei Mobbing sein, der gemäss Erziehungsberatung jedoch nicht hilfreich ist. Zum Schulbeginn nimmt der «Anzeiger von Saanen» das Thema Mobbing unter die Lupe und fragt im zweiten Teil bei der ...
«Wehr dich halt einfach!» – kann ein gut gemeinter Ratschlag bei Mobbing sein, der gemäss Erziehungsberatung jedoch nicht hilfreich ist. Zum Schulbeginn nimmt der «Anzeiger von Saanen» das Thema Mobbing unter die Lupe und fragt im zweiten Teil bei der Erziehungsberatung nach, wie Eltern richtig reagieren können.
JONATHAN SCHOPFER
Mobbing ist mehr als ein Streit auf dem Pausenplatz. Bei Mobbing wird eine Person systematisch und wiederholt von anderen über längere Zeit schikaniert oder ausgegrenzt. Das kann Kinder und Jugendliche psychisch stark belasten. «Wenn in der Schule ein Kind oder ein Jugendlicher psychologische Abklärungen benötigt, ziehen wir die Erziehungsberatung Spiez bei», sagt Evelyne Moser, Stellenleiterin der Schulsozialarbeit Saanenland-Obersimmental.
Die Erziehungsberatung (EB) ist eine öffentliche Fachstelle des Kantons Bern und der Bildungs- und Kulturdirektion (BKD) unterstellt. Die Beraterinnen und Berater der EB sind ausgebildete Psychologinnen und Psychologen. Für den «Anzeiger von Saanen» beantwortete Christoph Schelhammer, wissenschaftlicher Mitarbeiter der BKD, alle Fragen.
Wie merken Eltern, wenn ihre Kinder gemoppt werden?
Kinder reagieren sehr unterschiedlich auf Mobbing. Während manche sich sofort mitteilen, wenn etwas vorgefallen ist, leiden andere still – manchmal über Wochen hinweg –, sodass es von aussen kaum bemerkt wird. Wir wissen, dass Kinder und Jugendliche oft auch aufgrund von Schamgefühlen nichts erzählen zu Hause – auch wenn sie eine gute und sonst offene Kommunikation mit den Eltern pflegen.
Gibt es dennoch Hinweise?
Ja, Hinweise auf eine Belastung können sein:
– verändertes Einschlaf- oder Durchschlafverhalten sowie Albträume
– Appetitveränderungen und körperliche Beschwerden (wie Bauch- oder Kopfschmerzen ohne medizinischen Befund)
– sozialer Rückzug und der Verlust von Interessen
– ein plötzlicher Schulleistungsabfall oder eine ausgeprägte Schulverweigerung
– verstärkte Gereiztheit, Weinerlichkeit oder plötzliche Wesensveränderungen
Diese Belastungssymptome sind allerdings nicht spezifisch für Mobbing, sondern deuten allgemein auf eine Belastung hin.
Was können Eltern bei einem Verdacht tun?
Bei einem Verdacht sollten Eltern und Lehrpersonen das Kind oder den Jugendlichen in einem geschützten Setting und mit offenen Fragen behutsam ansprechen: «Ich habe bemerkt, dass du in letzter Zeit sehr schnell wütend reagierst, dich schlechter konzentrieren kannst oder weniger isst. Ich möchte dir gerne zuhören und verstehen, wie es dir geht.» Empfehlenswert ist, frühzeitig das direkte Gespräch mit der Schule zu suchen und sich auf Erwachsenenebene – also Eltern, Lehrpersonen – zu vernetzen und nach Lösungen zu suchen. Nicht ratsam ist, einzelne «Wortführer:innen» eigenmächtig beispielsweise auf dem Schulweg zur Rede zu stellen. Auch raten wir ab, andere Eltern ohne vorherige Absprache mit der Schule zu kontaktieren oder dem Kind voreilige Ratschläge wie zum Beispiel «Wehr dich halt einfach!» zu erteilen.
Was hilft betroffenen Personen?
Um wieder Vertrauen und Sicherheit zu gewinnen, hilft:
– Eine klare Haltung und Stellungnahme der Erwachsenen: Mobbing ist nicht akzeptabel und muss gestoppt werden, das Kind trifft keine Schuld.
– Zweitens hilft ein sicherer Raum: Das Erlebte muss geschildert, validiert und emotional eingeordnet werden dürfen.
– Soziale Unterstützung: Der Rückhalt durch die Kernfamilie, Geschwister und die erweiterte Familie ist essenziell.
– Kompetenzerleben: Das bewusste Stärken von Ressourcen und Selbstwirksamkeit abseits des Mobbings.
– Korrektive Beziehungserfahrungen: Die Erfahrung, dass Gleichaltrige auch freundlich, verlässlich und wertschätzend sein können.
– Emotionale Regulation: Das gezielte Stärken der kommunikativen Fähigkeiten und des gesunden Umgangs mit eigenen Emotionen.
Wie arbeitet die EB mit den Schulen zusammen?
Die Intervention setzt in einem ersten Schritt immer bei der Klasse oder Gruppe an, da das Mobbing gestoppt werden muss. Die Erziehungsberatung steht der Schule dabei beratend zur Seite. Parallel dazu bietet die Erziehungsberatung den betroffenen Kindern und Jugendlichen einen sicheren Raum, um das Erlebte zu berichten. Da die Situation oft auch für die Eltern sehr belastend ist, ist auch die Elternberatung ein wichtiger Bestandteil. Gemeinsam sollen die Ressourcen des Kindes und der Familie ermittelt und gestärkt werden. Wir fragen beispielsweise: Gibt es Mitschüler, die zwar manchmal mitmachen, im direkten Kontakt aber eigentlich ganz umgänglich sind? Gibt es Freundschaften ausserhalb der Schule, die vermehrt gepflegt werden können?
Kann ein Schulwechsel sinnvoll sein?
Einen Schulwechsel empfehlen wir nur selten und als letztes Mittel. Er kommt dann in Betracht, wenn die Massnahmen zur Veränderung der Situation in der Gruppe konsequent ergriffen und ausgeschöpft wurden, die Situation sich dadurch aber nicht verbessert hat und der Leidensdruck des Kindes oder Jugendlichen anhaltend hoch bleibt. Das Ziel bleibt primär, das Mobbing zu stoppen und das System zu stabilisieren – gelingt dies nachweislich nicht, bietet ein Schulwechsel manchmal einen notwendigen Neuanfang. Wird bei einer Intervention die Gruppe nicht einbezogen, besteht ein hohes Risiko, dass ein nächstes Kind oder Jugendlicher Opfer von Mobbing wird. Zudem nimmt das Kind oder der/die Jugendliche bei einem Schulwechsel häufig das «Stigma» als Mobbingopfer mit in die neue Schule.
«Mich holen immer wieder die Erinnerungen an die damalige Zeit ein»
Damaris (Name der Redaktion bekannt) ging von 2011 bis 2013 in der Region Solothurn ins Gymnasium und wurde gemobbt. Sie zog sich immer mehr zurück und hatte Suizidgedanken. Im Interview erzählt die angehende Psychologin von ihren Erfahrungen.
JONATHAN SCHOPFER
Damaris, wie fühlt es sich an, heute über Mobbing zu sprechen?
Ich merke, dass es mir nach wie vor unangenehm ist, darüber zu sprechen. Obwohl ich heute weiss, dass ich keine Schuld daran trage, schäme ich mich immer noch dafür, dass mir das passiert ist. Gleichzeitig bin ich stolz darauf, dass ich heute offen über meine Erfahrungen berichten kann.
Über welchen Zeitraum fand das Mobbing statt?
Ich habe während meiner gesamten Schulzeit, über mehrere Jahre, Mobbing erlebt. Am schlimmsten war es während meiner ersten beiden Jahre am Gymnasium, als ich 14 und 15 Jahre alt war. Deshalb werde ich vor allem über diese Zeit berichten.
Wer war daran beteiligt?
Das Mobbing ging vor allem von fünf Jungen aus meiner Klasse aus. Die anderen Mitschüler:innen machten zwar nicht aktiv mit, setzten sich aber auch nicht für mich ein. Ihr Schweigen verstärkte mein Gefühl, völlig allein zu sein.
Wie sah das Mobbing aus?
Das Mobbing nahm ganz unterschiedliche Formen an. Praktisch täglich wurde ich beleidigt. Sie sagten beispielsweise: «Du bist ein Psycho», «Niemand will etwas mit dir zu tun haben» oder «Du bist komisch». Wenn ich mich im Unterricht meldete, lachten sie mich aus oder machten abwertende Kommentare. Ausserdem wurde ich ausgegrenzt. Ich war die Einzige in der Klasse, die nicht im Klassenchat war. Im Sportunterricht wurde ich meistens als Letzte gewählt. Die Mittagspausen verbrachte ich entweder allein oder sass still am Rand der Gruppe. Häufig versteckten die Jungen meine Schultasche oder verstreuten meine Schulsachen. Sie kritzelten obszöne Dinge auf meine Bücher und Hefte und warfen mir im Sportunterricht Bälle nach.
Haben Sie sich damals gewehrt oder jemandem davon erzählt?
Zu Beginn habe ich versucht, mich zu wehren, und ihnen gesagt, dass sie damit aufhören sollen. Das brachte jedoch nichts. Mit der Zeit gab ich meine Gegenwehr auf und tat so, als würde ich die Beleidigungen und Übergriffe weder hören noch bemerken. Ich habe mich damals nicht getraut, jemandem davon zu erzählen. Wenn meine Eltern mich fragten, wie es in der Schule gewesen sei, antwortete ich immer nur «gut».
Welche Auswirkungen hatte das auf Ihren Alltag?
In dieser Zeit ging es mir sehr schlecht. Ich hatte Angst davor, zur Schule zu gehen, und zog mich immer mehr zurück. Auch mit meinen Freunden unternahm ich immer weniger. Ich fühlte mich oft traurig, einsam und alleingelassen. Aus Angst davor, ausgelacht oder abwertend kommentiert zu werden, meldete ich mich kaum noch im Unterricht. Viele Pausen verbrachte ich weinend auf der Toilette. Mit der Zeit begann ich, mich selbst zu verletzen und hatte Suizidgedanken. Auch körperlich machte sich die Belastung bemerkbar: Ich litt häufig unter Bauch- und Kopfschmerzen und schlief schlecht.
Belastet es Sie heute auch noch?
Ja, mich holen immer wieder die Erinnerungen an die damalige Zeit ein. Die Mobbingerfahrungen haben wesentlich dazu beigetragen, dass ich eine soziale Angststörung und Depressionen entwickelt habe. Trotz jahrelanger Psychotherapie kämpfe ich bis heute täglich mit meinen sozialen Ängsten. Auch in meinem Psychologiestudium traue ich mich nach wie vor nicht, mich in Lehrveranstaltungen zu melden. Es fällt mir schwer, anderen Menschen zu vertrauen und neue Freundschaften zu schliessen. Auch mein Selbstwertgefühl ist bis heute fragil.
Was hätten Sie sich von der Schule oder Ihrem Umfeld gewünscht
Ich hätte mir gewünscht, dass die Lehrpersonen von sich aus das Gespräch mit mir suchen. Viele der Vorfälle ereigneten sich offen im Unterricht oder Schulzimmer und waren aus meiner Sicht kaum zu übersehen. Trotzdem sprach mich keine Lehrperson darauf an. Erwachsene sollten nicht darauf warten, dass sich Betroffene von sich aus an sie wenden. Oft müssen Erwachsene den ersten Schritt machen und behutsam das Gespräch suchen, damit sich ein Kind oder eine Jugendliche beziehungsweise ein Jugendlicher zu öffnen wagt. Auch wenn beim ersten Nachfragen noch nichts erzählt wird, sollten Erwachsene weiterhin Interesse und Gesprächsbereitschaft zeigen. Ausserdem hätte ich mir gewünscht, dass die Schule im Schulhaus gut sichtbar darüber informiert, was Betroffene bei Mobbing tun können, an wen sie sich wenden können und welche Unterstützung sie erhalten. Zwar gab es damals bereits einen schulpsychologischen Dienst, ich wusste aber nichts davon.
Wurde das Mobbing irgendwann beendet?
Für mich endete das Mobbing, als ich nach dem zweiten Jahr am Gymnasium ein Austauschjahr im Ausland verbrachte. Nach meiner Rückkehr kam ich in eine neue Klasse, in der ich kein Mobbing mehr erlebte.
Haben Sie heute noch Kontakt zu einzelnen Personen von damals?
Nein.
Was würden Sie Kindern oder Jugendlichen sagen, die gemobbt wird?
Als Erstes würde ich dem betroffenen Kind oder Jugendlichen sagen, dass es keine Schuld am Mobbing trägt. Die Verantwortung liegt bei denjenigen, die mobben. Ausserdem würde ich dazu raten, möglichst bald mit einer Vertrauensperson darüber zu sprechen. Das kann beispielsweise eine Freundin oder ein Freund, ein Elternteil, eine vertraute Lehrperson oder der schulpsychologische Dienst sein. Wenn die erste Person nicht hilft oder die Situation nicht ernst nimmt, sollte man sich an eine weitere Person wenden. Ich glaube, dass ich mir viel Leid hätte ersparen können, wenn ich früher begonnen hätte, über meine Mobbingerfahrungen zu sprechen.
Sie sind eine angehende Psychologin. Haben diese Erlebnisse bei Ihrer Studienwahl eine Rolle gespielt?
Ja und nein. Meine eigenen Erfahrungen sind sicherlich ein Motivator – also nicht nur aufgrund des Mobbings. Ich finde Psychologie ganz allgemein sehr spannend. Ich wünsche mir jedoch sehr, meine persönlichen Erfahrungen irgendwann auch im beruflichen Kontext einsetzen zu können, da ich nicht nur Fachperson bin, sondern selbst von verschiedenen psychischen Erkrankungen betroffen bin.
ANLAUFSTELLEN BEI MOBBING
– Berner Gesundheit
– feel-ok.ch
– Pro Juventute: 147
– Elternnotruf: 0848 35 45 55.
– Schulsozialarbeit Saanen: Tel. 079 825 79 85
JSC


