Berner Exportindustrie leidet – Regierungsrat Ammann: «Ich habe Hayeks Nummer und er hat meine»
06.03.2026 WirtschaftDer Alarmruf von Swatch-Group-CEO Nick Hayek zum starken Franken stösst beim Berner Volkswirtschaftsdirektor Christoph Ammann (SP) auf offene Ohren, aber: «Tun können wir kurzfristig wenig.»
Was sagen Sie nach diesem turbulenten Weekend rund um ...
Der Alarmruf von Swatch-Group-CEO Nick Hayek zum starken Franken stösst beim Berner Volkswirtschaftsdirektor Christoph Ammann (SP) auf offene Ohren, aber: «Tun können wir kurzfristig wenig.»
Was sagen Sie nach diesem turbulenten Weekend rund um Trumps Zölle?
Ich sage dazu nur eines: Seit Covid – und das sind mittlerweile doch bereits sechs Jahre – ist Unsicherheit die neue Konstante auf dieser Welt. Darum hat mich dieses Weekend nicht erschüttert, aber uns allen einmal mehr vor Augen geführt, wie schwierig es für Unternehmen ist, unter solchen Umständen zu arbeiten.
Nick Hayek hat letzte Woche im Interview (siehe AvS vom 27. Februar 2026) gesagt, es sei absurd, wenn die Schweizer Regierung die Schweizer Industrie aktiv auffordere, mehr in den USA zu investieren. Verstehen Sie seinen Unmut?
Hayek hat in einigen Punkten recht. Ich verstehe es in dem Sinne, dass man unter dem Druck der Zollpolitik der USA einknickt und irgendwelche Versprechungen in dieser Richtung macht. Allerdings ist klar, dass internationale Unternehmen aus der Schweiz sich immer schon nach den Märkten ausgerichtet haben und sie dort, wo die Nachfrage ist, auch Produktions- und Distributionsstandorte aufgebaut haben. Sei dies nun in China, in den USA oder in der EU, die gerade auch für viele Exportunternehmen im Kanton Bern immer noch der Hauptmarkt ist. Das ist nichts Neues. Neu ist, dass Druck aufgebaut wird, und dass unter Druck probiert wird, solche Entwicklungen zu beschleunigen, die nicht gestützt sind auf unternehmerische Entscheidungen und Strategien.
Nun gibt es solche, die Jobs verlagern können, und solche, die das nicht können, wie die Affolter-Gruppe im Berner Jura oder MPS Micro Precisions Systems in Biel. Beide erklärten, sie seien zu klein und zu stark auf die Fachkräftekompetenz hier vor Ort angewiesen, um einfach in die USA auszuwandern. Wie helfen Sie denen, die nicht raus können?
Wir stehen mit Affolter und MPS wie auch mit den anderen Zulieferbetrieben seit vielen Jahren im regelmässigen Austausch. Wir setzen seit zehn Jahren auf die Qualitäten, die wir im Kanton auch tatsächlich anbieten können. Eine gewisse Nachhaltigkeit schadet der Politik ja nicht. Bern ist ein starker Forschungs- und Bildungsstandort. Wir fördern beispielsweise Partnerschaften der Berner Fachhochschule mit Unternehmen und haben mit dem Innovationspark in Biel und mit dem Translationszentrum im Inselspital oder dem CSEM Bern Technologiekompetenzzentren aufgebaut, um Vorteile zu schaffen für die Berner Wirtschaft mit qualitativ hochstehenden innovativen Produkten. Das ist aber zugegebenermassen alles auf einer längerfristigen Zeitschiene.
Was tun Sie kurzfristig, nun, da mit den Zöllen und dem starken Franken der Kipppunkt laut Berner Exportunternehmern erreicht ist?
Seit das Desaster mit diesen 39 Prozent angefangen hat, wird mir diese Frage immer wieder gestellt. Darauf antworte ich ganz nüchtern immer wieder gleich: Der Kanton hat keine kurzfristigen Massnahmen, die flächendeckend wirken. Wir haben bereits im Sommer 2025 die Voucher lanciert. Da haben wir Voucher, also Direktbeiträge, an Unternehmen bezahlt, die neue Märkte angeschaut haben. Und wir haben Voucher bezahlt für Forschungsprojekte mit unseren Technologiekompetenzzentren oder der Fachhochschule und der Uni. Das ist kurzfristig eingerichtet worden. Mit guten Resultaten, aber bescheidenen finanziellen Mitteln.
Der MPS-CEO Gilles Robert aus Biel geht noch einen Schritt weiter und fordert offensiv, für zukunftsrelevante Schlüsselbereiche wie Bildung, Forschung und Energie dürfe der Staat auch mal Schulden machen, das schwäche erst noch den Franken. Der Unternehmer Robert beklagt, dass die Schweiz immer ein ordnungspolitischer Musterschüler sein wolle.
Die Schuldenbremse hat sich bewährt. Aber Musterschüler sind wir tatsächlich dann, wenn wir immer sofort alle EU-Regeln nach den Buchstaben des Gesetzes umsetzen. Dort gibt es viel mehr Spielraum und die EU-Staaten kennen und nutzen das grosszügig in der Auslegung ihrer eigenen Gesetzgebung. Ich habe das in Bozen im Südtirol gesehen und in Brüssel beim EU- Apparat. Da liegt viel mehr drin. Das sage ich mittlerweile ganz entspannt, auch im Hinblick auf die Bilateralen III, wo überall das Haar in der Suppe gesucht wird: Mit diesen Verträgen handeln wir uns kein trojanisches Pferd ein.
Auch gegenüber den USA wollen wir jetzt Musterschüler sein und ducken uns, machen uns klein, wie Hayek sagt.
Diesen Eindruck habe ich nicht. Der Befreiungsschlag kam ja von einer Gruppe Schweizer Unternehmer, die in Eigenregie einen Besuch organisiert hatte und das Eis dort gebrochen hat. Die Schweiz fährt im Umgang mit einem schwierigen Präsidenten keinen ungeschickten Kurs.
Der CEO des Schweizer Gartenscheren-Herstellers Felco fordert eine Industriepolitik für den Werkplatz Schweiz.
Ich bin ein entschiedener Gegner von jeder Form von Industriepolitik. Ich finde in keinem Land ein wirklich gutes Beispiel dafür. In der EU sogar im Gegenteil solche, die nicht funktionieren. Das Schicksal des Solarbauers Meyer-Burger steht für mich exemplarisch dafür. Aber über die Standortförderung des Kantons Bern gibt es regelmässig intensive Kontakte mit den hier produzierenden Exportunternehmen des Raumes Biel. Ich war selbst erst letzte Woche in Brügg bei der Uhrenproduktion der Pariser Modemarke Hermès.
Kann der Kanton Bern Erleichterungen bei der Währungsabsicherung und Risikoabdeckung gewähren? Planen Sie so etwas?
Nein. Dafür haben wir keine Rechtsgrundlage und wir haben auch die finanziellen Mittel nicht, um auf diese Art zu intervenieren. Dazu kommt: Der starke Anstieg des Frankens wird immer über den Nominalkurs berechnet. Aber wenn man inflationsbereinigt den Realkurs anschaut, ist der gegenüber dem Dollar in den letzten zehn Jahren relativ stabil. Aber ich gebe zu, diese Feststellung hilft der Uhrenindustrie, die aus der Schweiz heraus operiert, nicht viel.
Der bernjurassische Unternehmer Nicolas Curty von der Affolter-Gruppe in Malleray sagt: «Die Politiker sind entkoppelt von unseren Problemen», weil es in den Parlamenten keine Vertreter der Exportindustrie mehr gebe. Ist das nicht auch im Grossen Rat so?
Die Aussage stimmt. Die Wirtschaft ist nicht in dem Ausmass vertreten wie die Landwirtschaft, und die Exportwirtschaft schon gar nicht. Da fehlen gewisse Erfahrungen aus der Optik des Unternehmers. So wie das jetzt Simon Michel im Nationalrat macht und dort als Unternehmer sagt: Ja, es braucht die Bilateralen III.
Wie schlagen Sie die Brücke zur Wirtschaft?
Wir haben im Amt für Wirtschaft die Standortförderung. Das ist ein kleines, schlankes und agiles Team. Und dann gibt es die Volkswirtschaftskommission, wo ich regelmässig Vertreter der Wirtschaft treffe, Sozialpartner und Branchenorganisationen. Dann haben wir die institutionalisierten Sozialpartnergespräche, mit denen wir ohne Protokoll reden können. Und ich selber mache 20 bis 30 eigene Unternehmensbesuche pro Jahr.
Wann haben Sie das letzte Mal Nick Hayek getroffen?
Das war vor etwa drei Jahren im Nachgang zu Covid.
Müssten Sie ihn als einer der grössten Arbeitgeber des Kantons nicht regelmässiger treffen?
Meine Standortförderung hat regelmässig und übers ganze Jahr verteilt einen guten Kontakt zur Geschäftsleitung der Swatch Group. Und wenns brennt, reden wir natürlich miteinander. Er hat meine Telefonnummer und ich habe seine.
Was würden Sie Hayek raten, wenn er statt ich hier sitzen würde?
Die Uhrenindustrie kennt zyklische Bewegungen seit Jahrzehnten und weiss auch, wie damit umzugehen ist. Ich bin der Falsche, um Herrn Hayek einen Ratschlag zu erteilen, der durch und durch Unternehmer ist und eine eindrücklich erfolgreiche Familiengeschichte vorweisen kann.
Was haben Sie konkret für die Uhrenindustrie in Ihrem Werkzeugkasten?
Wir haben die Kurzarbeitsentschädigung als Sofortmassnahme, welche die Swatch Group bisher zum Glück wenig gebraucht hat. Dann kümmern wir uns um die Ausbildung der Fachkräfte, halten die Sozialpartnerschaft hoch und kümmern uns um liberale Rahmenbedingungen. Von den Förderinstrumenten habe ich bereits gesprochen.
Zurück zum starken Franken: Ab welchem Punkt sagen Sie: Jetzt muss gehandelt werden?
Das kann man nicht an einer Zahl oder an einem fixen Kurs festmachen. Ich bin auch Vizepräsident des Bankrates der Nationalbank und werde das auch nach meinem Rücktritt aus dem Regierungsrat bleiben. Als Bankrat darf und will ich mich nicht zur Geldpolitik der Nationalbank äussern. Das ist Sache der SNB-Direktion. Aber ich weiss: Die Nationalbank beobachtet die Entwicklungen ganz genau. Und die Vergangenheit zeigt, dass die Nationalbank auch interveniert, wenn Kipppunkte auftauchen.
Am 31. Mai treten Sie als Regierungsrat zurück. Ihr Vorgänger, Andreas Rickenbacher, ein pragmatischer Sozialdemokrat wie Sie, wird demnächst in den Verwaltungsrat der Swatch Group gewählt. Wollen sie später auch in der Wirtschaft Mandate übernehmen?
Ich kann mir das vorstellen, dort, wo ich einem Unternehmen einen Mehrwert geben kann. Das sind Führungsund Strategiefragen. Und thematisch im Bereich Energie, Tourismus und KMU. Aber ich bin jetzt nicht krampfhaft auf der Suche.
Sie werden bereits als Verwaltungsrat der BKW gehandelt.
Das kann man ausschliessen. Erstens ist es nicht mehr üblich, dass ehemalige Regierungsräte einfach so wechseln. Zweitens ist gemäss den Public-Corporate-Governance-Richtlinien des Kantons Bern von der Möglichkeit, ehemalige politische Mandatsträgerinnen und Mandatsträger sowie ehemalige Kantonsmitarbeitende zu wählen, zurückhaltend Gebrauch zu machen.
WERNER DE SCHEPPER/«BIELER TAGBLATT»

