Besuch in Berlin
24.04.2026 KolumneAuf der Fahrt nach Berlin. Wieder einmal. Es zieht einem einfach dorthin. Man hat ja noch immer irgendeinen Koffer dort. Und für den Fall, dass der nicht mehr vorhanden ist, reicht ein grosser Rucksack auch.
Warum immer wieder Berlin?
Schon im Hauptbahnhof angelangt, weiss man ...
Auf der Fahrt nach Berlin. Wieder einmal. Es zieht einem einfach dorthin. Man hat ja noch immer irgendeinen Koffer dort. Und für den Fall, dass der nicht mehr vorhanden ist, reicht ein grosser Rucksack auch.
Warum immer wieder Berlin?
Schon im Hauptbahnhof angelangt, weiss man es. Denn hier, wo man sich zunächst ein Abonnement für das ganze Berliner Verkehrsnetz verschaffen sollte, sucht man zunächst nach dem Schalter der BVG (Berliner Verkehrsgesellschaft). Während dieser Suche, werde ich von drei jungen Männern mit der Frage «Können wir Ihnen helfen?» angesprochen. Etwas misstrauisch ist meine Antwort: «Ich glaube, mir ist nicht mehr zu helfen!» Sie lachen und begleiten mich zum Fahrkartenautomat. Dort zeigen sie mir, wo und wie ich mit der Schweizer Postfinance Debit Card für ein während zehn Tagen gültiges Generalabonnement 48 Euro bezahlen kann.
Genau so etwas, sagt mir meine liebe Frau immer wieder, genau dies sollte ich unter keinen Umständen machen… ja nicht! Und jetzt, als ich die Geschichte zu Hause aufschreiben will… genau jetzt finde ich die Postfinance Card nicht mehr. Das darf doch nicht wahr sein und ist nur noch peinlich, in höchstem Ausmass! Oh Schreck, lass nach!
Aber schon nach sieben Minuten taucht sie wieder auf. Glück gehabt, in Berlin!
Doch nicht nur einmal. Für den 13. April hatte ich ursprünglich eine Besprechung mit einer Beamtin des Berliner Sozialamtes vereinbart. Aber diese musste, infolge Krankheit, den Termin absagen. Also wollte ich endlich einmal den Flughafen Berlin Brandenburg (BER) «Willy Brandt» besuchen. In der S-Bahn war für einmal genügend Platz. Ab der Haltestelle Savignyplatz ging es nun schnell vorbei an den Bahnhöfen Schöneweide, Johannisthal, Adlershof, Altglienicke und Grünberg Allee. Hier war die Reise zum Flughafen vorerst zu Ende. Die Türen öffneten sich. Eine männliche Stimme am Lautsprecher bittet, den nächsten Zug abzuwarten und sich bei Bedarf am Automaten auf dem Perron ein Zutrittsticket zum Flughafen zu beschaffen. Vor dem Automat warten ein paar Leute. Auf der Rückseite des Automaten sind «Nützliche Hinweise» angebracht. Darunter finden sich folgende Angaben: «Wie in sämtlichen Bahnen ist auch auf dem Flughafenareal die Mitnahme von Waffen aller Art verboten: Messer, einschliesslich Taschenmesser, Einhandmesser und Messer mit einer Klingenlänge über 12cm, unabhängig von Bauart oder Material. Hiebund Stosswaffen: Schlagringe, Totschläger, Stahlruten, Schlagstöcke, Dolche. Gefährliche Gegenstände: Brecheisen, explosive, entzündbare, ätzende oder giftige Stoffe. Verbote im Fernverkehr (DB): Seit Ende 2024 sind im Fernverkehr der Deutschen Bahn Messer jeglicher Grösse sowie die oben genannten Waffen verboten. Bei Zuwiderhandlungen gegen diese Vorschriften sind Bussen bis zu 100’000 Euro zu erwarten.»
Seit mir mein Vater damals, im Jahr 1962, als ich volljährig wurde, sein rotes Inoxyd-Sackmesser mit der Gravur «ARMÉE SUISSE» auf der Klinge, schon fast feierlich vererbt hatte, gehört ein Sackmesser jeden Tag zu meiner persönlichen Ausrüstung. So wie Ehering und Armbanduhr auch. In der Schweiz haben das Armeemesser und ähnliche Sackmesser eine ebenso wichtige Bedeutung wie der Ehering. Schon 1964 in der Rekrutenschule in Andermatt haben wir gelernt: Im Ernstfall – wann und wo und wie der Feind angreift, das wissen wir meistens gar nicht. Aber wenn nun hier in der Bundesrepublik Deutschland auf solch wichtige, wie soll man es sagen, emotionale wie zugleich nationale Tatsachen in der Schweizerischen Eidgenossenschaft keinerlei Rücksicht mehr genommen wird, dann werde ich mich vor der nächsten Berlinreise sehr gut überlegen, ob ich sie überhaupt buchen soll.
Doch das zunehmende Alter hat auch gewisse Vorteile. Schon im nächsten Jahr ist diese Geschichte wieder vergessen. Sodass ich auch dannzumal Gefahr laufe, 100’000 Euro Busse bezahlen zu müssen.
OSWALD SIGG
JOURNALIST, EHEMALIGER BUNDESRATSSPRECHER
oswaldsigg144@gmail.com

