Vom Hobby zum Profisport: Russell Tschanz und die Welt des Downhill-Sports

  06.01.2025 Sport

Russell Tschanz ist Downhill-Juniorprofi. Er reist mit seinem Bike international an die verschiedensten Eliterennen. Der Spitzensport sagt ihm zu, doch am Ende schlägt sein Herz für eines: Freundschaft.

JOCELYNE PAGE
Fast jedes Wochenende nehmen Russell Tschanz und seine Freunde eine anderthalbstündige Autofahrt auf sich, um nach Châtel zu fahren – dem französischen Berggebiet an der Grenze zum Unterwallis. Ein Mekka für Downhillfans. Was wie eine vorübergehende Phase klingt, ist für die Gruppe Freunde längst Routine geworden: Schon vor zwei Jahren berichtete der AvS von ihren regelmässigen Roadtrips, damals noch begleitet von den Eltern. Seither hat sich wenig geändert, die Leidenschaft ist immer noch stark, aber: Sie sind nun 18 Jahre alt, fahren mit ihren Bussen alleine zu den Tracks – und Tschanz ist inzwischen Downhilljuniorprofi.

Bei den Grossen mitmischen
Aus Leidenschaft wurde Ernst: Russell Tschanz absolvierte diesen Sommer bereits seine zweite Saison im Schweizer Juniornationalkader der UCI Downhill World Cup Series. Seit zwei Jahren fährt er im Weltcup in der Kategorie U19, nächstes Jahr startet er in der Kategorie Elite. Der Wettbewerb ist intensiv. «Anfangs war es schon eigenartig, wenn die weltbesten Profis zugeschaut haben, während wir die Strecke besichtigen und trainieren. Da war ich schon nervös, aber es legte sich mit der Zeit», erzählt Tschanz und lacht. Seine Leistungen sind stabil, und er ist immer dran, den Sprung nach vorne zu schaffen. Diese Saison krönte er mit einem besonderen Erfolg: Beim letzten Rennen in der U19-Kategorie, das im Rahmen der IXS Downhill Cups in Bellwald stattfand, erreichte er den dritten Platz. Zum Sieg fehlten ihm lediglich 0,5 Sekunden.

Alles auf eigene Faust
Downhill ist bisher noch eine Randsportart, weshalb Tschanz mehr oder weniger auf sich alleine gestellt ist. Zwar ist er Mitglied des nationalen Kaders, welches Trainingslager an zwei bis drei Wochenenden pro Jahr organisiert. Kantonal gebe es jedoch unterschiede. «Das Wallis ist da weit organisierter, denn die haben ein kantonales Kader mit regelmässigen Trainings und Wettkampfbegleitung. Die Athleten werden stark gepusht», erzählt er.

Tschanz nimmt alles selbst in die Hand: Er organisiert seine Trainings und Wettkampfreisen selbst, sorgt sich um sein Equipment, beurteilt seine Läufe mittels Videoanalyse. Als lernender Polymechaniker bei der Ruag in Zweisimmen liegt ihm das Handwerkliche: Er schlüsselt selbst an seinen Bikes. «Eigentlich schraube ich gerne an meinen Bikes, aber es hört nie auf. Immer gibt es etwas zu reparieren», erläutert Tschanz und fügt grinsend hinzu: «Ich muss auch zugeben, dass ich so viel Mechanikarbeit habe, weil es mich wahnsinnig macht, wenn während dem Fahren irgendetwas klirrt.»

Das unterstützende Umfeld
Ganz alleine auf weiter Flur ist er aber nicht: Sein Vater Jürg Tschanz unterstützt und begleitet ihn bei jeder Gelegenheit. «Er ist Koch, Fahrer, Coach, Mechaniker – er ist eigentlich alles», so Tschanz. Jürg Tschanz fuhr selbst einst Mountainbikerennen und weiss, wie der Rennzirkus abläuft.

Zusätzliche finanzielle Unterstützung erhält er durch Sponsoren für die Bikes, das Equipment und Ersatzteile. Auch sein Lehrbetrieb kommt ihm in seinen sportlichen Ambitionen entgegen: Als Leistungssportler ist er zu 90 Prozent angestellt, weshalb er neben der Bikesaison Vollzeit arbeitet und für die Wettkämpfe die Überzeit kompensiert.

Und seit der letzten Saison hat er einen Personal Trainer, der ihn während des Winters im Kraftraum unterstützt, wo er drei- bis viermal pro Woche hingeht.

Mentaler Druck
Das Krafttraining: ein Muss. «Seit ich bei den Profis mitfahre, hat das Tempo schon zugelegt. Am Anfang fühlte es sich an, als würden mir die Arme abfallen», so Tschanz. Die Schläge der Downhill-Tracks setzten ihm stark zu, weshalb ihm das Krafttraining eine grosse Unterstützung war. Den Schlüssel im Weltcup sieht er allerdings im Mentalen. «Man darf keine Angst haben, dennoch einen gewissen Respekt bewahren. Und man muss mit Köpfchen fahren, sich ungemein konzentrieren. Dies ist viel Druck, den man mental gut verarbeiten muss.»

Spass seit der ersten Minute
Aber den grossen Spass findet er natürlich auf seinen zwei Rädern. «Ich fühle mich komplett frei, vergesse alles um mich herum und es bereitet mir einfach eine Wahnsinnsfreude», beschreibt er das Gefühl auf dem Bike. Die Wettkämpfe und das Sich-Messen reizt ihn sehr, doch wenn er über die Wochenenden mit seinen Freunden in Châtel spricht, erhellt sich seine Mimik besonders. «Downhill verbindet uns. Gemeinsam haben wir vieles auf den Downhillstrecken und bei den Ausflügen erlebt, in Châtel befinden sich auch unsere Lieblingsstrecken. Es ist schön, ein solches Hobby mit Freunden zu teilen», erklärt Tschanz.

Dranbleiben ist das Ziel
Aus Hobby wurde Leidenschaft, aus Talent wurde Können: Russel Tschanz lebt und liebt den Downhillsport. Sein kurzfristiges Ziel: Bei der U19 die besten Resultate herauszufahren. Und das Wichtigste: verletzungsfrei bleiben.


«REIN IN DIE PEDALE»

Wir haben sie aufgespürt, die absoluten Velo-Freaks des Saanenlandes. Die ohne Velo nicht leben können, beruflich oder privat.

In unserer Serie berichten sie uns über ihre Leidenschaft auf zwei Rädern. Also, auf gehts, in die Pedale – fertig – los!


 


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