«Bist du rechts oder links?»
18.09.2026 KolumneSONJA WOLF
Ich habe eine neue Obsession: Ich schaue einem jungen Mann dabei zu, wie er Fragen stellt.
Marcant heisst er auf Social Media. Seit einiger Zeit besucht er AfD-Veranstaltungen oder stellt sich auf irgendeinen Marktplatz in Sachsen-Anhalt, hält Menschen ein Mikrofon ...
SONJA WOLF
Ich habe eine neue Obsession: Ich schaue einem jungen Mann dabei zu, wie er Fragen stellt.
Marcant heisst er auf Social Media. Seit einiger Zeit besucht er AfD-Veranstaltungen oder stellt sich auf irgendeinen Marktplatz in Sachsen-Anhalt, hält Menschen ein Mikrofon hin und fragt mit einer Engelsgeduld: «Warum genau wählen Sie die AfD?» Oder er befragt sein Gegenüber zu einem konkreten Punkt aus dem AfD-Wahlprogramm.
Was dann passiert, erschreckt mich. «Linke Zecke!», wird ihm hinterhergerufen. Menschen schlagen sein Mikrofon weg, antworten mit Phrasen aus TikTok-Videos oder empfehlen ihm, doch einfach das Wahlprogramm zu lesen. Ausgerechnet das Programm, über das Marcant gerade mit ihnen sprechen möchte. Und ich sitze vor dem Bildschirm und warte darauf, dass endlich mal einer sagt: «Also, ich wähle die AfD aus folgenden drei Gründen …»
Marcant ist selbst längst Teil eines spannenden Social-Media-Duells. Die AfD hat verstanden, wie man gerade junge Menschen auf TikTok erreicht: kurze Videos, einfache Botschaften, Emotionen und Politiker, die nicht nach Politik aussehen. Sachsen-Anhalts AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund lächelt auf seiner blauen Simson Schwalbe in die Kamera. Marcant kontert mit demselben Medium – nur: Er stellt Fragen. Seine Videos erreichen Hunderttausende, und er sagt, er habe damit bereits junge Menschen zum Umdenken gebracht. Eigentlich super.
Doch da meldet sich die Journalistin in mir: Moment mal. Was sehe ich hier eigentlich? Ein reales Bild der Gesellschaft – oder ebenfalls sehr gut gemachten Social-Media-Content? Ein vernünftig argumentierender AfD-Wähler ergibt nun einmal weniger spektakuläre 60 Sekunden als einer, der «Ich mach dich kalt!» brüllt. Vielleicht zeigt mir mein Algorithmus einfach die andere Seite derselben Mechanik.
Doch dann habe ich Marcants neustes Video gesehen. Diesmal rufen Menschen mit ihren eigenen, Marcant oft unbekannten Themen an. Viele erzählen von Freunden und Angehörigen, mit denen (politische) Gespräche kaum noch möglich seien. Eine Lehrerin berichtet, wie sie Jugendliche Positionen verschiedener Parteien zu konkreten Themen beurteilen lässt. Erst danach fragt sie, welche Partei sie gut finden. Und plötzlich ist der soeben gekürte inhaltliche Sieger gar nicht mehr wichtig. Die AfD sei eben cool. Ulrich Siegmund komme sympathisch rüber. Und die Eltern fänden die Partei auch gut.
Besonders hängen geblieben ist mir die Erzählung einer Zwölfjährigen. Sie sei neu in eine Klasse gekommen und direkt gefragt worden: Bist du rechts oder links? Vielleicht erschreckt mich genau das am meisten. Wenn aus einer politischen Haltung eine Gruppenzugehörigkeit wird. Wenn nicht mehr gefragt wird: Was denkst du über Migration oder Homeschooling? Sondern: Zu wem gehörst du? Rechts oder links? Und das Gespräch mit der anderen Gruppe dann nicht mehr möglich ist.
Vielleicht liegt genau darin die Stärke von Marcants Videos: In diesem schnellen, emotionalen Medium, das er bestens beherrscht, wendet er eine erstaunlich altmodische Methode an: Er stellt eine Frage. Und wartet auf eine Antwort.
sonja.wolf@anzeigervonsaanen.ch
