Zum Auftakt der zweiten Festivalhälfte stand Daniel Hope am Samstag nicht als Intendant auf der Bühne des Gstaader Festivalzelts, sondern als Violinist. Mit Elgars Violinkonzert wählte er für diesen Abend ein ganz besonderes Stück: Jenes, das einst Yehudi Menuhin ...
Zum Auftakt der zweiten Festivalhälfte stand Daniel Hope am Samstag nicht als Intendant auf der Bühne des Gstaader Festivalzelts, sondern als Violinist. Mit Elgars Violinkonzert wählte er für diesen Abend ein ganz besonderes Stück: Jenes, das einst Yehudi Menuhin weltberühmt machte und später auch Hopes eigenen Weg prägte.
MARIE-LINE MICHEL
Unter der Leitung von Alexander Shelley spielte Daniel Hope gemeinsam mit dem Gstaad Festival Orchestra das Violinkonzert von Edward Elgar. Die Wahl war eine Hommage, denn kaum ein anderes Stück ist so eng mit dem Festivalgründer verbunden.
Ein Stück mit Geschichte
Elgars Violinkonzert wurde 1910 unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt. Es ist ein rund 50-minütiges Werk, das zu den anspruchsvollsten der Violinliteratur gehört. Yehudi Menuhin war fasziniert davon, und so spielte er das Stück schon als Kind mit Begeisterung. Als es 1932 darum ging, professionelle Aufnahmen des Stücks zu machen, wurde er dann auch als Violinist dafür ausgesucht. Damals war Menuhin gerade mal 16 Jahre alt. Unter Elgars Leitung lernte er das Stück genau so zu vertonen, wie es vom Komponisten vorgesehen war: Die Violine soll nicht als Soloinstrument brillieren, sondern einen sinfonischen Dialog mit dem Orchester führen.
Jahrzehnte später war es wieder ein Sechzehnjähriger, dem es das Violinkonzert angetan hatte. Es war Daniel Hope, der zu Menuhin trat und ihm ebendieses Stück vorspielte. Er begeisterte Menuhin damit so sehr, dass er sich ihm als Mentor annahm und ihm das Stück so weitergab, wie Elgar es ihm einst beigebracht hatte. Von da an nahm Menuhin den jungen Geiger mit auf Tournee.
Konzentration bis zum letzten Ton
Was Hope und die Künstler:innen des Gstaad Festival Orchestra aus dem Stück machten, begeisterte das Publikum im Festivalzelt. Solist und Orchester griffen nahtlos ineinander und führten genau jenen Dialog, den Elgar im Sinn hatte. Beeindruckend war allein schon, mit welcher Konzentration und Präzision die Musiker:innen das anspruchsvolle Werk bis zum letzten Ton gestalteten. Dass dies fordernd gewesen sein muss, zeigte sich nach der Pause. Bei Beethovens Fünfter schien das Orchester förmlich aufzuatmen und spielte die eingängigen Melodien mit einer grossen Leichtigkeit.
Es war ein gelungener Konzertabend, der seinen Titel «Celebration» alle Ehre machte. Gefeiert wurden das 70-Jahre-Jubiläum des Gstaad Menuhin Festivals sowie das diesjährige Motto «Family Matters». Oder, wie es Alexander Shelley in seiner kurzen Dankesrede zusammenfasste: Es war eine Feier für dieses einzigartige Festival, für sein treues Publikum und all jene, die das Gstaad Menuhin Festival seit Jahren mittragen und im Hintergrund dafür sorgen, dass es stattfinden kann.
FESTIVAL ORCHESTRA
Seit 2010 ist das Gstaad Festival Orchestra das Herzstück des Festivals. Jedes Jahr wird es neu zusammengesetzt aus Musiker:innen hochkarätiger Schweizer Klangkörper wie dem Tonhalle-Orchester Zürich oder dem Sinfonieorchester Basel, ergänzt durch besonders begabte Studierende internationaler Hochschulen. Die Idee dahinter: auf diese Weise sollen unterschiedliche Klangkulturen und Spieltraditionen dieser Orchester zusammengeführt und ein professioneller Austausch ermöglicht werden, den es im normalen Orchesterbetrieb nicht gibt. Geleitet wird das Orchester von Jaap van Zweden.
Aktuell ist das Orchester mit Puccinis «La Bohème» unterwegs, im Herbst folgt eine Europatournee mit Elgars Violinkonzert und Beethovens 5. Sinfonie. Der Konzertabend am Samstag war damit faktisch die Uraufführung jenes Programms, mit dem das Orchester im Herbst durch Europa zieht.
MLM