«Coppélia» begeisterte viele Junge und Junggebliebene
28.08.2026 KulturZusammen mit über 30 engagierten Kindern und Jugendlichen sowie vielen freiwilligen Helferinnen und Helfern brachte Familie Gimmel das Kinderballett «Coppélia» auf die Festivalbühne in Gstaad. Für diese Inszenierung schrieb Margrith Gimmel einen eigenen Text ...
Zusammen mit über 30 engagierten Kindern und Jugendlichen sowie vielen freiwilligen Helferinnen und Helfern brachte Familie Gimmel das Kinderballett «Coppélia» auf die Festivalbühne in Gstaad. Für diese Inszenierung schrieb Margrith Gimmel einen eigenen Text und wandelte das Ballett in ein kindgerechtes Musiktheater um. Die kleineren und grösseren Schauspieler:innen stellten die so entstandene Geschichte eindrücklich und mit viel Engagement dar. Das Musikensemble des Menuhin Festival Orchestra, zusammen mit einheimischen Musikschülern, stand unter der Leitung von Roumen Kroumov.
VRENI MÜLLENER
Theatererlebnis zwischen Wirklichkeit und Illusion
Als eines Tages die wunderschöne Coppélia auf dem Balkon des neu eröffneten Geschäftes erscheint, sind alle durcheinander. Wer ist dieses regungslose Mädchen, das nur still dasteht und in einem Buch liest? Ist ihr Vater Coppélius wirklich nur ein Optiker, der seine Kunden die Brille auf ihre Sichtweise anpasst, oder doch ein gefürchteter Zauberer, in dessen Werkstatt es manchmal blitzt und kracht?
Alle freuen sich auf die Hochzeit des jungen Paars Swanilda und Franz. Die Brille, die sich Franz vom Vater von Coppélia anfertigen lässt, verändert sein Leben und seine Sicht auf die Realität. Er hat nur noch Augen für das schöne Mädchen auf dem Balkon. Seine Verlobte Swanilda beginnt an der Liebe von Franz zu zweifeln und will sich auf Anraten einer alten Frau mit einem Ährentanz Klarheit verschaffen.
In der Werkstatt des neuen Dorfbewohners entdecken Swanilda und ihre Freundinnen, dass Coppélia und alle anderen scheinbar lebendigen Gestalten nur mechanische Puppen sind. Swanilda versteckt sich rechtzeitig und nimmt den Platz der Puppe Coppélia ein. Franz klettert herein und gesteht Coppélius seine Liebe zu seiner vermeintlichen Tochter. Swanilda rettet Franz, indem sie so tut, als sei Coppélia durch den Zauber lebendig geworden. Sie verwirrt den Puppenmacher und nimmt Franz seine Brille ab, damit dieser die Täuschung erkennt. Swanilda und Franz versöhnen sich und feiern mit den Dorfbewohnern ein farbenprächtiges Finale voller Tänze, bei dem sogar die Puppen von Coppélius mittanzen.
Die Diskussion um KI, KI-Brillen, Robotik und die dazugehörigen Gefahren beschäftigt die Kinder sehr und hat mit dieser Geschichte erst angefangen.
Eine tragfähige Theatertruppe
Die Kinder, die sich für eine Teilnahme an der Kinderoper interessieren, spielen vor allem gerne Theater. Viele waren schon öfter dabei, immer wieder kommen meistens Jüngere dazu. Alle Schulkinder, die gerne mitspielen möchten, werden integriert. Dadurch ergibt sich eine coole Truppe, die Erfahrenen nehmen die Neulinge mit, sodass der Spirit, der ein solches Gemeinschaftswerk möglich macht, immer weiter geht.
Im Januar findet jeweils ein Kennenlerntreffen statt. Margrith Gimmel erzählt den Kindern die Geschichte, die sie aufführen möchte. Dann kann sich jede:r Einzelne äussern, was für eine Rolle oder was für ein Auftritt für sie oder ihn in Frage kommt. Die einen möchten nur tanzen, andere scheuen sich nicht, Sprechrollen zu übernehmen, wieder andere interessiert die Technik oder die Musik. Es ist erstaunlich, wie die Kinder zu begeistern sind und sich mit eigenen Ideen und Vorschlägen voll hineingeben. Neben dem festgelegten Theater gibt es auch viele Freiräume, in denen die Kinder recht frei spielen und sich auf der Bühne bewegen dürfen. Selbst bei der Aufführung wurden viele neue Ideen noch spontan umgesetzt.
Das Stück wird so nicht einfach nachgespielt, es wird wirklich erlebt. Für diese schauspielerische Leistung gebührt den Schauspielenden grosse Anerkennung und ein herzliches Bravo!
Keine Haupt- und Nebenrollen
Es geht für die Kinder nicht nur ums «Theäterle»: Alles, was es für die Aufführung braucht, wird gemeinsam erarbeitet. Das doppelseitige Bühnenbild wird nach den Entwürfen von Jacques Gimmel in der Freizeit erstellt und angemalt.
Wenn die Wohnung der Lehrerfamilie in den Frühlingsferien wie ein Atelier aussieht, vier Nähmaschinen miteinander rattern, dann entstehen die Kostüme.
Unterschiedlichste Kinder finden ihren Platz. Die Aufführung selber tragen alle mit, jedes übernimmt Verantwortung ganz nach seinem Können. Beim Kleiderwechsel hinter der Bühne helfen die Grösseren den Kleineren, damit jede Schürze richtig sitzt und der Bändel schön gebunden ist. Die Soufflierenden wechseln einander ab, da alle in irgendeiner Form auch einen Auftritt haben. Zuverlässig bedienen zwei Kinder im Hintergrund die Lichtregler, ganz nach dem Motto: Es gibt keine wichtigeren oder weniger wichtigen Rollen und Aufgaben – alle, die mitmachen, sind unentbehrlich, damit das Werk für Mitwirkende und Besuchende zu einem unvergesslichen Erlebnis werden kann. «Diese Zusammenarbeit stärkt die Kinder sehr und tut jedem Einzelnen gut», betont Margrith Gimmel.
Familienangelegenheit durch und durch
«Nichts würde die Hauptverantwortlichen des Kinder- und Familienkonzerts passender beschreiben als das diesjährige Motto des Menuhin Festivals Gstaad: Familienangelegenheiten», beschreibt Daniel Hope in seinen Dankesworten den grossen Einsatz von Familie Gimmel.
Seit 2003 bearbeitete Margrith Gimmel bereits 14 Klassiker für die Kinder und Jugendlichen des Saanenlandes. Einmal mehr ist es ihr gelungen, sich der hohen Anforderung zu stellen und mit allen Beteiligten ein tiefgreifendes Gemeinschaftserlebnis zu erarbeiten.
Dank der handwerklichen Begabung von Jacques Gimmel entstehen immer wieder faszinierende und praktische Bühnenbilder. Tochter Fiona ist die Dritte im «Familienunternehmen» Gimmel. Sie ist für ihre Eltern eine wertvolle Stütze bei der Inszenierung und Gestaltung des Stücks. Seit Kindesbeinen ist sie dabei, wenn es heisst: «Mama stellt wieder eine Kinderoper auf die Beine.»
Die Zusammenarbeit zwischen Margrith Gimmel und Roumen Krumov bewährt sich seit Jahren. Der Musiker versteht es, alle Sonderwünsche der Regisseurin umzusetzen. Es war gut zu hören, dass dieses Jahr auch andere Figuren aus klassischen Werken eingebaut wurden. Achtsam begleitet Krumov die Aufführung mit den Musikern des Ensembles des Gstaad Festival Orchestra.
Die Choreografien für die verschiedenen Tanzeinlagen gestaltete die erfahrene Tanzlehrerin Xenia Stucki mit viel Einfühlungsvermögen. Es benötigt noch viele helfende Hände von Eltern und Theaterfreund:innen, sei es beim Bühnenauf- und abbau, in der Schminkstube, beim Einkleiden und Frisieren der Kinder, bei denen sich doch langsam Lampenfieber bemerkbar macht. Dieses wird spätestens an der Popcornparty, die zum Abschluss der Aufführung 2026 im Herbst gefeiert wird, vergessen sein.
Mit einem kräftigen Schlussapplaus dankte das begeisterte Publikum allen Beteiligten für dieses grossartige Gemeinschaftswerk.
ZUM STÜCK
Das komische Ballett «Coppélia ou La Fille aux yeux d’émail» (deutsch: «Coppélia oder das Mädchen mit den Glasaugen») wurde 1870 von Léo Delibes nach einem Libretto von Charles Nuitter und Arthur Saint-Léon komponiert. Letzterer erstellte auch die Originalchoreografie. Die Handlung basiert auf E.T.A. Hoffmanns Erzählung «Der Sandmann».
Die Uraufführung fand am 25. Mai 1870 an der Pariser Oper statt, mit Giuseppina Bozzacchi als Swanilda und Eugénie Fiocre als Franz und war ein triumphaler Erfolg. Bis heute gehört «Coppélia» zum Standardrepertoire des klassischen Balletts.
VMU
Quelle: Wikipedia










